Der letzte Granatapfel von Bachtyar Ali, 2016, UnionsverlagDer letzte Granatapfel.
Roman von Bachtyar Ali (
2016, Unionsverlag - Übertragung Rawezh Salim und Ute Canteral-Lang).
Besprechung von Angela Schader in Neue Züricher Zeitung vom 28.6.2016:

Bachtyar Ali – Erzählmagier aus Kurdistan
Worte wie Rauch und Licht

Zwanzig Jahre lebte Bachtyar Ali unentdeckt in Deutschland. Nun legt der Unionsverlag seine bildmächtige Parabel über die Unterdrückung und den Bruderzwist der irakischen Kurden auf Deutsch vor.

Was ist Heimat für einen Schriftsteller? Die Kindheitslandschaft? Der Ort, wo er lebt? Wo er gelesen wird? Oder die Welt(en), die er in seinen Büchern schafft? Dazu würde man Bachtyar Ali gern befragen. Geboren 1960 im kurdischen Norden des Iraks, geriet er durch seine Teilnahme am studentischen Widerstand ins Visier des Regimes, brach sein Studium ab und wandte sich der Literatur zu; obwohl ihm die 1991 ausgerufene Teilautonomie der Kurdengebiete dann grössere intellektuelle Freiheit bot, verliess er den Irak und lebt seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland. In einem Land, wo sein Schaffen in den rund zwanzig Jahren seines Aufenthalts unbeachtet blieb, während er – Verfasser von mittlerweile rund einem Dutzend Romanen, von Essays und neun Gedichtsammlungen – in seiner Heimat regelmässig mit bedeutenden Preisen bedacht wird.

Die verratenen Söhne

Nun hat Bachtyar Ali beim Zürcher Unionsverlag sein verlegerisches Zuhause gefunden. «Der letzte Granatapfel» heisst der im Original 2002 erschienene Roman, mit dem er sich der deutschsprachigen Leserschaft vorstellt. Die Erzählung überspannt rund zwei Jahrzehnte: die 1980er Jahre, in denen die zunehmend brutale Unterdrückung des kurdischen Freiheitskampfes durch das irakische Regime in der berüchtigten «Operation Anfal» gipfelte, bei der Tausende Dörfer liquidiert wurden, schätzungsweise 180 000 Menschen starben und die Bilder vom Giftgasangriff in Halabja die Welt entsetzten. Dieser nachtschwarze Grund hinterlegt das Trauma der neunziger Jahre, das in der Seele des Schriftstellers fast noch schmerzhafter zu brennen scheint: den innerkurdischen Bürgerkrieg, der nach der Ausrufung der Teilautonomie zwischen den beiden kurdischen Grossparteien ausbrach.

Mehr als diese Kontur der historischen Fakten braucht es nicht, um das Buch zur Hand zu nehmen; denn Ali hebt seine Erzählung weitgehend aus der Verankerung in der Realität und malt eine Phantasmagorie aus Rauch und Licht. Wenn das Kolorit des Buches an William Turner erinnert, hat das insofern eine gewisse Stimmigkeit, als der Erzählraum des «Letzten Granatapfels» das offene Meer ist, das den Maler so beschäftigte: Muzafari Subhdam, Hauptfigur und Ich-Erzähler im Roman, sitzt auf einem jener verirrten, driftenden Boote, deren Passagiere ihr Leben als Pfand für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa einsetzen.

Auch wenn das Boot in Seenot ist und der Tod am Ende sehr nah: Muzafari erzählt zwar mit der Imaginationskraft einer Scheherazade, aber nicht ums eigene Leben. Was er beschwört, ist das Gedenken an eine verlorene Generation. Er lotet den Bruch aus, der die im Widerstandskampf gestählten und im kurdischen Bruderkrieg schuldig gewordenen Väter von ihren Kindern trennt, die auf der verbrannten Erde dieser Heimat aufwachsen mussten; einen Abgrund, in dem die Söhne vor den Vätern sterben und diese ratlos mit der Liebesschuld ringen, die sie gegenüber ihren Kindern nie einlösen konnten.

Ali setzt dabei auf magisch-realistische Elemente, auf Doppel- und Tripelfiguren. Muzafari Subhdam, einst ein hochrangiger Peschmerga-Kämpfer, und sein Kommandant Jakobi Snauber sind «wie zwei Schatten, die der gleiche Leib in zwei Richtungen warf»; denn während Muzafari in Gefangenschaft geriet und sich in seinem inmitten einer Sandwüste gelegenen Gelass über zwei Jahrzehnte hin von aller Vergangenheit und aller Begehrlichkeit läuterte, stieg Jakobi zu Macht und Reichtum auf. Er befreit am Ende den Freund – doch nur, um ihn erneut in Haft zu nehmen: In Jakobis waldiges Reduit gebannt, der Welt nicht minder fern als zuvor in der Wüste, soll Muzafari als eine Art Quell geistiger Reinheit dienen, in dem sich der weltmüde Politiker erfrischen und von seinen Verfehlungen säubern kann.

Reinheit spielt eine zentrale Rolle in Bachtyar Alis Roman; es ist ein Motiv, das – wie die stellenweise zum Pathos gesteigerte Intensität des Buches – hiesige Leser etwas kopfscheu machen mag, das aber im zuvor skizzierten Kontext des kurdischen Bruderkriegs gelesen und verstanden werden muss. Mohamadi Glasherz, der junge Denker, der in einem transparenten Haus wohnt und tatsächlich ein gläsernes Herz in der Brust trägt, verkörpert diese Reinheit ebenso wie die «weissen Schwestern» Laulawi Spi und Schadaryai Spi, deren wundersame Namen auf Deutsch «Weisse Winde» und «Weisses Königsmeer» bedeuten. Mohamadi verliebt sich in eine von ihnen, doch sein gläsernes Herz wird an der Reinheit der Mädchen, die sich gegenseitig lebenslange Treue geschworen haben, zu Bruch gehen und ihn innerlich verbluten lassen; meisterhaft schreibt Ali diesen kühl blickenden, herben Frauenfiguren auch die Ambivalenz ihres unberührbaren Habitus ein.

Statt eines Geliebten wählen sich die Schwestern einen Bruder: Saryasi Subhdam, Freund des verstorbenen Mohamadi und Sohn des Ich-Erzählers. Sohn? Vielleicht. Denn Muzafari, der sich aus Snaubers Falle befreit und sich auf die Suche nach seinem Kind macht, das er nie wirklich kannte, wird erfahren, dass drei junge Männer den – seltenen – Namen seines Sohnes tragen. In ihnen entwirft Bachtyar Ali drei exemplarische Schicksale jener im Schatten von Verfolgung und Krieg geborenen Generation: Ohne Vater und Mutter aufgewachsen, schlägt sich einer als Strassenverkäufer durch, der Zweite kämpft als Peschmerga und lässt sich nebenher zu Raubzügen abkommandieren. Der Dritte, schon im Kindesalter vom Feuerregen getroffen, den Saddam Husseins Bomber über die kurdischen Dörfer niedergehen liessen, vegetiert in einer weitläufigen Klinik, wo die Verstümmelten und Versehrten hinter hohen Mauern zusammengepfercht sind – ein machtvolles Inbild für die gewaltsame und gewaltsam verdrängte Geschichte der Region.

Als Muzafari sich zu seiner Suche aufmacht, ist der erste Saryasi tot, der zweite in Haft, der dritte dazu ausersehen, von einem Medizinerteam nach England mitgenommen zu werden. Der Vater sieht die Identität seines Kindes changieren, sich auflösen in der Frage, welcher der jungen Männer denn von seinem Blut sei – bis er lernt, in Saryasi den «Menschensohn» schlechthin zu erkennen. Einen von Gott Verlassenen zwar, aber auch ein beinah mystisches Wesen, «welches in verschiedenen Farben diese Erde durchquerte»; keine Person mehr, «sondern eine grosse Aureole, von der jeder Teil etwas von ihm zeigte».

Ein bleiernes Siegel

Der inneren Entwicklung seines Helden drückt Bachtyar Ali am Schluss ein bleiernes Siegel auf. Ein einstiger Weggefährte Jakobi Snaubers, der Muzafari den Weg zum dritten, dem vom Feuer entstellten Saryasi weist, erteilt ihm dabei einen Auftrag, mit allem Nachdruck; einen Auftrag, der auch Muzafaris eigenem innerstem Wunsch entspricht: «Etwas musst du herausfinden, Muzafari Subhdam, etwas, das für uns alle sehr wichtig ist: Bring in Erfahrung, ob Liebe die Wunden dieses Kindes heilt.» Zweimal wird Muzafari in der Folge diese Äusserung zitieren, welche die Kernbotschaft des ganzen Romans enthält – aber hier versagt auf seltsame Weise das Gedächtnis dieses sonst allmächtigen Erzählers. «Die Liebe», so lautet der Satz in seiner Erinnerung, «kann die Wunden dieses Kindes nicht heilen.»

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