Der letzte Freund.
Roman von Tahar Ben Jelloun (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Christiane Kayser).
Besprechung von Sabine Peters aus der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Von Marokko nach Schweden
Tahar Ben Jelloun erzählt die innige Geschichte einer zerbrechenden Männerfreundschaft

Marokko, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre: Ali und Mamed sind Schulfreunde. Sie diskutieren ihre Lektüren von Camus, Sartre, Fanon, treiben sich im kosmopolitischen Tanger herum, machen erste sexuelle Erfahrungen und teilen alle Geheimnisse miteinander. Beide studieren später im Ausland, treffen sich in den Ferien aber regelmäßig wieder. 1966 werden sie mit vielen anderen Studenten in Tanger verhaftet und erfahren, dass ihre politischen Debatten schon in der Schulzeit bespitzelt wurden. 18 Monate lang verschwinden Mamed und Ali in einem Disziplinierungslager der Armee, wo sie einander mehrfach das Leben retten. Danach studieren sie weiter, heiraten, bleiben verschworen, auch wenn sie jahrelang in verschiedenen Ländern leben und ihre Ehefrauen die Männerfreundschaft hintertreiben wollen.

Mamed erkrankt schließlich an Krebs, den er Ali verschweigt. Und nicht nur das: Kurz vor seinem Tod inszeniert er einen ungeheuerlichen Streit und beendet damit die Freundschaft mit einem Paukenschlag. Tahar Ben Jelloun ist einer der bekanntesten Vertreter der französischen Literatur des Mahgreb. Er verließ Marokko 1971 und lebt seither in Paris. Sein neuester Roman entwirft zwei Sichtweisen auf eine gemeinsame Geschichte und stellt damit die Frage, ob es die eine Geschichte überhaupt geben kann. Der Text besteht im Hauptteil aus zwei Monologen - zwei Versionen, die sich ergänzen, auch wiederholen und eben widersprechen.

Der größte Widerspruch liegt sicherlich in den beiden etwas holzschnittartig gezeichneten Charakteren: Ali ist das eher schlichte, harmlose Gemüt; Mamed kompensiert die eigenen Minderwertigkeitsgefühle mit Spott und Aggression. Aber die Freundschaft hält, und man fragt sich, warum Mamed den Freund am Ende knallhart verabschiedet. Ob es der Autor weiß? Tahar Ben Jelloun führt diverse Motive vor, etwa: Mamed würde die Trauer des Freundes über den Krebs nicht ertragen. Die Planung des absurden Streits gibt ihm neue Lebenskraft. Ali bemüht sich vergeblich um Versöhnung. Erst nach dem Tod von Mamed bringt ein Brief vage Aufklärung. Alle Vorwürfe werden zurückgenommen, der Streit sei reine Schauspielerei gewesen, nur ein Effekt der Todesangst. Und: Gerade die Differenzen zwischen ihnen habe ihre Freundschaft ausgemacht, sie werde in Ali weiterleben. Ein unbefriedigendes Ende.

Vielleicht liegt hier das Problem: Das Buch zählt alles auf, was man sich unter dem Klischee "Männerfreundschaft" nur vorstellen kann. Nicht viel anders verhält es sich mit dem gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Hintergrund: Mamed arbeitete viele Jahre lang in Schweden, was dazu dient, alle Schwierigkeiten eines Lebens zwischen zwei Welten anzureißen - aber eben auch nur anzureißen. Heimatverlust. Würdigung der nordeuropäischen Demokratien. Identitätsbruch. Fremdheitsgefühle im geordneten Schweden. Überlegungen in Sachen Demokratiefähigkeit Marokkos - das alles ist vorhanden, nachvollziehbar, vorhersehbar. Die Frage, warum Freundschaften scheitern, ist es sicherlich wert, immer neu gestaltet zu werden. Aber Jellouns Roman bleibt sonderbar unbeteiligt, und zwar in seiner ganzen Gründlichkeit.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1204 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau