Der Lemur von Benjamin Black, 2010, RowohltDer Lemur.
Roman von Benjamin Black (2010, Rowohlt
- Übertragung Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann)
Besprechung von Ralf Kramp, Focus, 15.06.2010:

Geister der Vergangenheit
Mit „Der Lemur“ hat sich Benjamin Black endgültig der Kriminalliteratur verschrieben. Ein klassischer Krimistoff von allererster literarischer Güte.

Ich muss gestehen, ich bin kein Freund voluminöser Schwarten. Wenn also ein schlankes Bändchen daherkommt und ein packendes Stück Kriminalliteratur auf 160 Seiten verspricht, dann ist die Freude groß. Wenn der Autor Benjamin Black heißt (ein Alias, hinter dem sich John Banville mittlerweile mehr zeigt als verbirgt), weiß man dazu noch vorab, dass hier eine literarische Komprimierung gelungen ist, ohne dass die Erzählung gleich bis auf das Gerippe abgemagert ist. Black ist ein Erzähler von Weltrang, der auch in „Der Lemur“ wieder einen tragischen Helden mit einer schier unlösbaren Aufgabe betraut, und die Katastrophe scheint vom ersten Augenblick an greifbar.

Rechercheure und Computer-Nerds

John Glass ist seit sechs Monaten ein irischer Fremdkörper in New York. Der renommierte Kolumnist ist hier nie richtig angekommen und ist als zweiter Mann seiner Ehefrau Mitglied des mächtigen Clans der Mulhollands geworden. Seine Frau Louise liebt er nicht mehr, er hasst seinen Stiefsohn, sein Büro im neununddreißigsten Stock des Mulholland Towers und dessen Glasfassade mit der dahinter drohenden Tiefe ängstigt ihn tagtäglich aufs Neue. Und er hat einen Job angenommen, dessen Ausmaße sich zunächst nur erahnen, besser: befürchten lassen.

Eine Million Dollar offeriert ihm ausgerechnet sein Schwiegervater, William „Big Bill“ Mulholland, als Salär für das Verfassen seiner Biografie. Das könnte für einen versierten Journalisten leicht verdientes Geld bedeuten, zumal ihm als Mitglied der Milliardärsfamilie vertrauliche Einblicke in die Geschichte des Ex-CIA-Agenten gewiss sind. Und doch glaubt Glass, nicht auf die Zuarbeit eines extra für diesen Zweck engagierten Rechercheurs verzichten zu können. Seine Wahl fällt auf Dylan Riley, einen Computer-Nerd, der ihm empfohlen wurde.

Dylan Riley ist der titelgebende „Lemur“, dessen Äußeres Glass an die lichtscheuen Halbaffen des Regenwalds denken lässt. Und Dylan Riley stirbt, kurz nachdem ihm Glass diesen lukrativen Auftrag erteilt hat. Eine kleinkalibrige Kugel ist ihm durchs linke Auge ins Hirn geschossen worden. Seine Computer sind verschwunden. Geradezu erschreckend simpel offenbart sich, dass der Rechercheur bei seiner Kärrnerarbeit für Glass in die Nähe einer Information gekommen ist, die nicht entdeckt werden darf. Darauf deutet nicht zuletzt auch die Tatsache hin, dass Dylan Riley für seine Informationen kühn die Hälfte des Millionenhonorars forderte.

Eindeutige Entscheidung für das Krimi-Genre

Glass rutscht mehr und mehr zwischen die Mühlsteine, als er versucht, in „Big Bills“ Vergangenheit zu stöbern. Ein „Lemur“ ist nicht nur ein feingliedriges Klettertier, sondern die lateinische Herkunft des Namens weist auf die abgeschiedene Seele eines Verstorbenen hin. Bei den alten Römern glaubte man dabei vorzugsweise an die bösen Geister, die man sich als umherirrende, tückische, nächtliche Gespenster dachte. Ein solcher Geist scheint erwacht zu sein, was nicht verwunderlich ist bei einem Mann mit Mulhollands Vergangenheit. Glass steht vor der Aufgabe, sich entscheiden zu müssen. Welche Katastrophe wird er wählen: die, weiterhin als folgsames Familienmitglied mit dem Strom zu schwimmen, oder die, rückhaltlos den Weg weiterzugehen, den sein „Lemur“ eingeschlagen hat?

Waren die beiden Romane „Nicht ohne Schuld“ und „Der silberne Schwan“ des Booker-Prize-Trägers Benjamin Black noch den Grenzgebieten der Kriminalliteratur zuzuordnen, hat er sich mit „Der Lemur“ eindeutig für das Genre entschieden. Wir haben hier eine Noir-Geschichte klassischen Zuschnitts, bilderreich und von berauschend eindringlicher Sprachgewalt. Eine Hollywood-Filmvorlage von trickreicher Qualität, die präzise Bilder vorgibt, aber gleichzeitig klar erkennen lässt, dass kein Regisseur dieser Welt das Kunststück aufbringen könnte, Blacks literarische Stimme auch nur annähernd adäquat in Licht und Farbe umzusetzen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]

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