Der leidenschaftliche Buchhalter.
Philologie als Lebensform von Thomas Steinfeld (2004, Hanser).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 15.12.2004:

Arme Akademiker
Der Fan als Phänotyp: Thomas Steinfeld entdeckt die Dilettanten

Von der Freizeitgesellschaft heißt es, sie sei geschichtsvergessen. Doch blickt man in die Hobbykeller ihrer Adepten, macht sie im Gegenteil einen ganz geschichtsversessenen Eindruck: Die Historie, die dort lagert, betrifft freilich in erster Linie Erzeugnisse profaner Alltäglichkeit und populärer Mythen, lässt aber in der Art ihrer Aufbereitung keinen Zweifel an absoluter Seriosität aufkommen. Auch ein Bierdeckel hat ein Recht darauf, sorgsam aufbewahrt, dokumentiert und systematisch in den Zusammenhang mit anderen Bierdeckeln gestellt zu werden, ähnlich wie Uhren und Schallplatten, Autos und Autogramme. Hier wird die Gegenwart zum unendlichen Archiv, der kreative Umgang mit ihr zur passionierten Datensicherung, unterstützt nicht zuletzt durch die entsprechenden Möglichkeiten der elektronischen Medien.

Der leitende Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung und promovierte Germanist Thomas Steinfeld greift dieses Phänomen auf und leitet daraus die These ab, der Fan führe, ohne es zu wissen, in den ehrgeizigen Techniken seiner Bewunderungskultur das Ethos der Philologie fort, die im 19. Jahrhundert noch als geistige Instanz über die Universitäten geherrscht habe und nun zur alles umfassenden "Lebensform" geworden sei - repräsentiert nicht mehr durch den öffentlich wirksamen, akademischen Textarchäologen, sondern durch den autodidaktischen Buchhalter und Sachwalter der Objekte seiner privaten Lust. Wenn Steinfeld die "Andacht zum Unbedeutenden" beschreibt und beliebige Zeugnisse akribischer Musik- oder Fußballfanatiker anführt, dann klingt immer auch eine gewisse Sympathie mit für den dort gepflegten "guten Positivismus" und die "strengen Standards" der Feierabendwissenschaftler. Aber um diese geht es Steinfeld eigentlich gar nicht - und in der Tat sind faszinierende Kulturgeschichten des Dilettantismus längst geschrieben worden.

Anders als es der Titel insinuiert, dient die "treue Seele" des Fans dem Autor nur als Aufhänger, um mit denen abzurechnen, die von Berufs wegen Philologie betreiben (sollten). An den geisteswissenschaftlichen Fakultäten wittert der Autor den wahren Dilettantismus, seit dort der Positivismus der Spekulation gewichen sei und jeder untersuche, was er wolle. Diese "Verwilderung" der Philologie hält Steinfeld für das Resultat der Methodologisierung des Faches in den siebziger Jahren, die ein "schäbiges" Expertentum hervorgebracht habe, das sich in völliger disziplinärer Entgrenzung nun jedem selbstgestellten Thema widme, nur nicht mehr den Kernaufgaben der gründlichen Textarbeit. Das mag zum Teil treffend beobachtet sein. Doch die partielle Legitimität der Klage wird konterkariert durch ihren vollmundigen Deutungsanspruch, basierend auf haltlosen Verallgemeinerungen und hämischer Selbstgerechtigkeit. Wer, so höhnt Steinfeld, kenne schon einen Hochschullehrer, der noch mit Enthusiasmus den literarischen Gegenstand zu vermitteln vermöge? Und, so ätzt er weiter, versagt der Literaturwissenschaftler nicht regelmäßig, wenn er es mit den belletristischen Produkten seiner unmittelbaren Gegenwart zu tun bekommt?

Es ist nur allzu durchsichtig, auf welches intellektuelle Himmelreich diese Generalschelte überleiten soll: auf die Publizistik, auf das Feuilleton als "Asyl" der Begeisterung und letzten Hortes der Kritik. Geschenkt, dass dort wichtige Debatten geführt und Phänomene umrissen werden, die im mitunter esoterischen Präzisionslabor der Fußnoten gar nicht entstehen, geschweige denn eine vergleichbare Schlagkraft entwickeln könnten; aber warum die jeweiligen Kreativitäten gegeneinander ausspielen? Nicht nur, dass das Profil der kritisierten Disziplin auf Unterstellungen beruht, die kaschiert werden durch eine ausgewiesene Belesenheit und Kennerschaft, wenn es um die Darstellung der Geschichte der Philologie geht; anstößig an Steinfelds Buch ist vor allem die Kurzatmigkeit seiner Einwürfe und der Unwille, die durchaus vorhandenen Missstände einer umfassenderen, realitätsgerechteren Analyse zu unterziehen.

Die Crux dabei: Hätte sich Steinfeld darauf eingelassen, dann hätte er sich nicht nur mit dem Wissenschaftsbegriff auseinandersetzen, sondern auch auf das diffizile und wenig leserfreundliche Terrain der Hochschulpolitik begeben müssen, zu dem wiederum schon engagierte(re) Publikationen vorliegen. Statt dessen verteilt er wohlfeile Ratschläge und wünscht sich von den Geisteswissenschaftlern, sie mögen einen Beitrag zur Selbstverständigung der Gesellschaft leisten und sich als Ästheten "des Widerstands wider die Zeit" darüber klar werden, "was man mit Ursprung und Nachlass, Quelle und Sammlung, Kommentar und Faksimile alles anstellen kann". Er weiß es offenbar, verrät es aber nicht. Dem unbefriedigten Leser sei ein Besuch in einer Buchhandlung empfohlen. Sollten keine überzeugenden Proben der aktuellen Philologie ausliegen, ist der Rezensent gerne bereit, entsprechende Empfehlungen auszusprechen.

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