1.) - 6.)
Der Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von her aus Kurier, Wien, vom 17.7.2001:
Von Kot und Konsum
Wenn Harald Schmidt in seiner Nightshow das Buch eines deutschen Autors vorstellt und es
dann auch noch eigenhändig signiert, ist eines klar: Das Werk ist "böse" (im
besten Sinn natürlich). Es ist auch nur kurz irritierend, dass es sich dabei um den
neuesten Roman eines "Altmeisters" der deutschen Literatur, Martin Walser,
handelt. Spätestens beim zweiten Blick wird klar, auch (oder besonders) Altmeister
können bösartige Bücher schreiben.
Vollgepisste Unterhosen
"Der Lebenslauf der Liebe" ist eine bittere Gesellschaftssatire um Geld und
Macht, Beziehung und Beziehungslosigkeit. Im Mittelpunkt des 500 Seiten starken Buches
steht die frustrierte Frau eines neureichen Börsenspekulanten. Susi Gern, so ihr Name,
kann die Widerwärtigkeiten ihres Ehelebens nur durch Konsumräusche bewältigen.
Kaufexzesse folgen auf Putzorgien, in denen Susi die nassen Windeln, die vollgepissten
Unterhosen und den in der ganzen Wohnung verstreuten Kot ihres Mannes beseitigen muss. Die
Abhängigkeit ihres kranken Mannes gibt ihr aber auch jede Menge Macht, mit der sie nicht
umgehen kann.
Kein bitteres Ende
Nach dem Tod ihres Mannes verarmt, mutiert die Frau, geschult an der harten Schule ihres
Ehelebens, jedoch zur Überlebenskünstlerin. Die Schilderung dieser
"Hochstapelei" gehört mit zum Besten, was Literatur leisten kann. Ach, ja, es
gibt ein Happy-End - auch ein Harald Schmidt kann irren.
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2.)
Der Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Lüdtke aus Frankfurter Rundschau, vom 19.7.2001:
Die Frau weint. Der Mann schläft.
Der Schriftsteller als Leidensgenosse: In Martin Walsers neuem Roman "Der
Lebenslauf der Liebe" geht es um das außerordentliche Unglücksglück einer
ungewöhnlichen Düsseldorfer Dame
Die reiche Frau bleibt eine arme Sau. Sie lebt ausgesprochen üppig, auf über dreihundertneunzig Quadratmetern, mit zwei Katzen, dem Ehemann Edmund und der Tochter Conny, in einer guten Düsseldorfer Gegend. Sie fährt Porsche, lässt sich von den drei Putzfrauen, die abwechselnd kommen, den Haushalt führen. Ihre intellektuellen Ansprüche bleiben bescheiden. "Lebensklug? Ja. Aber intelligent? Nein." Dafür kauft sie gern ein; was ihr gefällt, vorzugsweise Schuhe, gleich mehrfach. Dem konjunkturfördernden Konsumverhalten entspricht das beeindruckende Ausmaß ihres Kleiderschranks.
Susi Gern, aus "kleinbürgerlichen Verhältnissen", Tochter eines Kunstprofessors an der Essener Folkwangschule, führt ein Leben im Luxus. Aber sie "fühlte sich, schon von innen her, zerschlissen". Von allem Anfang an. Ihre Tochter, lieb, doch geistig etwas zurückgeblieben, bleibt ein Sorgenkind und wird am Ende sogar amtlich als Behinderte anerkannt. Der verwöhnte Sohn Andreas, auf andere Weise schwierig, gerät immer weiter auf die schiefe Bahn. Mit all diesen Problemen wäre Susi Gern, ihrem Naturell entsprechend, spielend fertig geworden. Wäre da nicht Edmund Gern, ihr Mann, der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt, ein Vertragsspezialist, der so viel verdiente, dass einmal ein Richter meinte, er habe nach dem Monats-, nicht dem Jahreseinkommen gefragt. Er, Edmund Gern, ist ihr Problem.
Eines Nachts, schon gegen Ende seines Lebens, hält sie ihm einmal vor: "Mein Mann war der einzige Freund, den ich je hatte. Ich brauchte viele Jahre, bis ich merkte, daß er alles andere als ein Freund war. Er hat gesagt, er liebe mich. Aber er hat mich nicht wahrgenommen. Ich habe mich artikuliert, es geschah nichts. Ich habe gedroht, es geschah nichts. Ich habe ihn bedroht, es geschah nichts. Ich habe ihm den Tod gewünscht, es half nichts. Ich habe nie geweint. Jetzt weine ich." Während sie ihm diese Bilanz ihrer Beziehung vorliest, merkt sie, dass er eingeschlafen ist.
Aber: "Es ist nichts so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte." Und es kommt schlimmer. Walser scheut dabei nicht einmal die Nähe zum Kitsch. Die Gegenbewegung vollzieht sich allein in der Sprache, seiner Sprache.
Susi Gern ist wieder einmal eine typische Walser-Figur. Eine leidender Mensch. Walsers Leute leiden alle. Es sind nie die mächtigen Macker, die - hoppla, hier komm ich - vor Selbstbewusstsein nur so strotzen und ihre Energie als Gestaltungswillen vor sich her tragen. Es sind eher die geduckten Dulder. Keine Siegertypen im Maßanzug, die jeden Raum bereits durchs Betreten füllen. Nicht die gewandten Großbürger, die mit souveräner Ironie den aufmuckenden Gehaltsempfänger in die Ecke stellen. Es sind die Leute aus dem Zweiten Rang, Opel-Fahrer, Verlierer, Opfer. Arme Schweine, die ihren einzigen Erfolg im Misserfolg ihrer Konkurrenten sehen können. Sie heißen Zürn, Horn oder Halm. Sie waren Chauffeure, Immobilienmakler, Prokuristen oder Studienräte. Sie stammten aus der Gegend, aus der auch Walser stammt, vom Bodensee. Der Autor hat sie mit seinen Erfahrungen ausgestattet und sich dabei nicht gescheut, auch Material aus seiner näheren Umgebung zu nutzen, mit allen und offenbar nicht unerwünschten Nebenwirkungen. Die Ähnlichkeit etwa des Fabrikanten Thiele, der eine ganze Reihe der früheren Romane beherrscht, mit dem ebenso robusten Chef eines Frankfurter Verlagshauses, sorgte seinerzeit für teils schon offene Schadenfreude. Dabei gelang Walser ein paradoxes Kunststück. Denn auch die realen Vorbilder bekamen ihr ästhetisches Recht. Der Raum, in dem sie sich bewegten, gewann eine (fast) mythische Dimension.
Wie Faulkner das Yoknatawpha-County in Mississippi, im Süden der USA, hatte Walser die Gegend zwischen Lindau und Konstanz, Überlingen und Wasserburg mit seinen Figuren bevölkert. Irgendwann muss ihm klargeworden sein, dass dieser Expansion Grenzen gesetzt sind und die Bodensee-Region, seine Heimat, keine unbegrenzten Zuwachsraten erlaubt. Befördert wurde diese Einsicht sicher noch durch die nach '68 unübersehbar gewordene Krise der Klassischen Moderne. Das Prinzip des ästhetischen Fortschritts, das schließlich geschichtsphilosophisch unterfüttert war, ließ sich nicht länger aufrechterhalten. Nachdem nun alles wieder möglich und erlaubt war, Sonett und Reim, Novelle, sozialistischer und psychologischer Realismus, zog Walser aus dieser Tatsache eine verblüffende Konsequenz. Den Anspruch, mit seinen Romanen eine Geschichtsschreibung des Alltags zu liefern, hat er ebenso wenig aufgegeben wie sein Motiv, aus der Erfahrung eines Mangels heraus zu schreiben. Doch tritt er nicht mehr nur als Anwalt seiner Figuren auf. Er ist immer deutlicher zu ihrem Teilhaber geworden, zum Leidensgenossen. Fernando Pessoa, der große portugiesische Dichter erfand zu solchem Zweck seine Heteronyme, d.h. fiktive Autoren, denen er seine Bücher zuschrieb. In der Verteidigung der Kindheit (1991), auch in Finks Krieg (1996) und nicht zuletzt in Ein springender Brunnen (1998) begreift sich der Autor Martin Walser selbst als Instrument, als eine Art Heteronym. In den beiden Romanen und naturgemäß in seiner Roman genannten Autobiografie, wie jetzt in dem neuen Buch, schreibt er sich in bereits vorgegebene Lebensgeschichten ein. Der Nachlass des aus Dresden stammenden Juristen Alfred Dorn, die Auseinandersetzungen des Wiesbadener Ministerialbeamten Fink mit seinen Vorgesetzten, beide Vorlagen hat Walser nach seinen Maßgaben gestaltet, und dabei, wie Pessoa, die Figuren, nicht nur mit seiner Sprache, sondern auch mit seinen Erfahrungen ausgestattet. Auch mit seiner Rhetorik.
So erklären sich die Walser-Sätze seiner Figuren. "Schon wenn er seinen Namen sagte, führte er seinen Zustand auf wie eine Oper" heißt es etwa über Susis Sohn Andreas. Und über sie selbst: "Sie brauchte Wörter für ihr Schicksal, sonst hielt sie's nicht aus." "Worttiere", wie es später heißen wird, die sich streicheln lassen. Hier wird auch deutlich, dass es nicht um psychologischen Realismus handelt, also um die Einfühlung in einen fremden Gefühlshaushalt, sondern um die sprachliche Exploration einer bestimmten Lebenswelt, um die Darstellung einer sozialen, psychischen, intellektuellen Verfassung.
Der neue Roman Der Lebenslauf der Liebe, sein riskantester überhaupt, muss nämlich mit dem schlichten Zuschnitt der Hauptfigur zurechtkommen. Über fünfzehn Jahre lang, so verkündete der Autor, habe er in regelmäßigen Gesprächen das Leben dieser Susi Gern eruiert. Bis in die allerletzten Verästelungen hinein. Einige der offenkundigen Schwächen des Buches resultieren sichtbar aus diesem Umstand. Walser räumt, verständlicherweise, der Dignität des gelebten Lebens höchsten Rang ein. Es ist vielleicht tatsächlich eine Geschichte, die das Leben schrieb. Doch Authentizität steht zuweilen quer zu den ästhetischen Erfordernissen. Auch wenn es wirklich so gewesen sein sollte, der Weg des missratenen Sohnes Andreas muss nicht noch bis nach Brasilien verfolgt werden. Weil die eine der Putzfrauen tatsächlich eine turbulente Familiengeschichte aufweisen kann, muss die nicht in aller Ausführlichkeit erzählt werden. Weniger wäre manchmal mehr gewesen und der dadurch um einiges kürzere Roman noch besser geworden. Aber auch die ebenso offenkundigen Stärken des neuen Romans gehen auf den gleichen Umstand zurück.
Susi Gern ist unglücklich. Sie war es zweiundvierzig Ehejahre lang. Von Anfang an galt in ihrer Ehe das Prinzip unbedingter Offenheit. Doch nur Edmund profitierte davon. Anfangs war Susi durchaus geneigt, den ausgefallenen sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes entgegenzukommen: Sie trieben es vorm Spiegel, bei spezieller Beleuchtung, sie trieben es zu dritt und in größeren Gruppen, praktizierten Partnertausch. Eines Tages ist ihr der "Rudelbumser", ihr "Sexualtrapper", zuviel geworden: Als sich Edmund "über die Französin beugte, die lag ja schon, beide nackt, da spürte Susi einen Schlag." Später merkte sie, dass es ihr unvorstellbar geworden war, "sich von diesem Mann", ihrem Mann, "je wieder berühren zu lassen." Von diesem Augenblick an gehörte sie "nur noch sich selbst". Er war einverstanden - "wenn sie nur zusammenblieben." Fortan hält er sich Geliebte, immer mehrere zugleich. Auch Susi sucht sich, was sie braucht. In einer eigens dafür vorgesehenen kleinen Wohnung empfängt sie ihre Liebhaber. Anfangs feste Geliebte, ab 1977 nur noch "Annoncenmänner". "Außergewöhnliche Frau sucht" usw. Aber 1985 war auch damit Schluss.
Trocken betrachtet erscheint Susi Gerns tragisches Liebesleben als ziemlich triviale Geschichte. Aufgepolstert aber nicht nur durch die satirischen Qualitäten vieler Episoden. Wie einst Thomas Bernhard in Behauptungssätzen steigern sich Walsers Aussagesätze gelegentlich in Übertreibungsspiralen hinein. So läuft Conny, die tumbe Tochter, mit rheinischem Humor und einer Art Mutterwitz ausgestattet, als komische Nummer durch das ganze Buch. Sie pinkelt ins Bett, lange Jahre. Sie lässt, auch noch weit über zwanzig, ihren Kopf enervierend wackeln. Sie spielt, stundenlang, mit Kleingeld.
Aus diesem Kuriositätenkabinett wird die wahre Monsterschau, wenn es dann auch mit Edmund Gern bergab geht, gesundheitlich, finanziell, schließlich endgültig. Der kluge Anwalt, der am Ende wieder Windeln braucht, hat sich verspekuliert. Geschätzte Schulden: acht Millionen Mark. Seine Witwe Susi Gern wird zur Sozialhilfeempfängerin und lebt fortan mit Tochter in einer kleinen Zweizimmerwohnung.
Conny, unterdessen vierzig Jahre alt, überfüllig, und noch immer spitz wie Nachbars Lumpi, schleppt eines Tages Khalil, einen jungen Marokkaner an. Susi Gern, sage und schreibe achtunddreißig Jahre älter, wird den jungen Mann heiraten. Es geht, wie man sieht, richtig hoch her. Die oft hanebüchene Handlung wird aber nicht allein durch Walsers Sprache abgefedert. Sie wird vielmehr - und das vor allem - durch ein zusätzliches Verfahren gefiltert. Vergleichbar vielleicht dem Spiegelbild dessen, was der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz als "dichte Beschreibung" bezeichnet hat. Die "Vielfalt komplexer oft übereinandergelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen" (Geertz) wird in einen sprachlichen Kosmos überführt. Walsers Verfahren verkehrt die Intention der Ethnologen. Er will keine Bedeutungen "herausarbeiten", nicht einmal sein Material im landläufigen Verständnis verdichten. Sondern: Er will eine ganze Lebenswelt (re-) konstruieren, nach Maßgabe ästhetischer Kriterien - Mentalitäten, Lebensgefühl, die Stimmung, den Geruch einer Epoche. Die politischen Verhältnisse der späten Bundesrepublik sind nahezu vollständig ausgeblendet. Wir bewegen uns fast ausschließlich in einem privaten Umfeld, der Versammlung von Versagern. Und doch sind, wie die unsichtbaren Rückstände irgendwelcher Schwermetalle in unseren Organismen, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts in diesen Mikrokosmos eingelagert. In der Konzentration auf das plappernd-leidende Luxus-Weibchen wird Welthaltigkeit sichtbar. Hier zeigt sich die eigentliche Kunstleistung. Dieser - enge - Lebenslauf der Liebe, ein eher bizarres Schicksal, eröffnet einen weiten Horizont.
Die drei Teile des Romans sind von der gleichen negativen Dialektik beherrscht. Es geht bergab. Susi Gern hatte keine Chance. Aber: "Anatol Fahrenholz", ihr Vater, "hätte sie doch nie in eine Welt gesetzt, in der es ein Unglück war zu leben. Wenn die Welt ihren Anspruch auf Glück verweigert, wird sie aus persönlicher Stärke ihr Unglück zu ihrem Glück machen. Unglücksglück." Aus diesem "Unglücksglück" bezieht der Roman seine poetische Energie. Das ist Walser. Die Suada. Nicht jedermanns Sache. Der echte Walser. Der Elefant (sogar) im Handwagen. Deshalb lohnt es sich immer wieder, ihn zu lesen.
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3.)
Der
Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ, Essen vom 24.7.2001:
Susi will Liebe - und sonst gar nichts
Über Martin Walsers neuen Roman Der Lebenslauf der Liebe Das wünscht man sich ja: einen Roman, der verstört. Martin Walser hat einen solchen Roman geschrieben, aber er irritiert auf andere Weise als erhofft. Denn der große Erzähler ist nun unverkennbar ein großer alter Erzähler, und sein jüngster Roman ist nicht viel mehr als trivial. Susi Gern heißt die Hauptfigur, und das ist schrecklich. Susi Gern: nett, bieder, naiv. Leichtgläubig, leichtfertig. So beschreibt sie sich, so beschreibt Walser sie. Damit beginnen die Probleme. In beachtlicher Anmaßung schildert der Autor das Seelenleben einer betrogenen Frau; er glaubt, jede ihrer Empfindungen zu kennen, bis hin zum Orgasmus. Da darf man wohl überrascht sein, und auch peinlich berührt. Walser entwickelt Klischee um Klischee, und wo er die dusselige Susi zutreffend charakterisiert, klingt die Süffisanz hohl: weil ein Mann sie formuliert. Susi ist die Gattin von Edmund, einem Düsseldorfer Geschäftsmann. Er hat Geld, viel Geld. Und Frauen. Susi hat Edmunds Geld, und sie hat Männer, aber sie ist unglücklich. Denn eigentlich will sie nur Edmund, aber da sie ihn nicht für sich allein haben kann, geht sie auf Jungsfang. So weit, so trübe. Im zweiten Teil der Geschichte stellt sich heraus, dass Edmund noch mehr Schulden hat als Frauen. Schön ist er auch nicht mehr, und hinterlässt beim Sitzen feuchte Flecken: Der Mann, den Susi einst Sexualtrapper nannte, ist inkontinent und hat Parkinson. Susi kauft immer noch zwei Paar teure Stiefeletten auf einmal, und Edmund fabuliert von den Millionen, die nun bald fließen müssen. Dann, sagt er, könne Susi sich einen pinkfarbenen Porsche kaufen. Das ist gar nicht ihr Wunsch, doch Susi, immer bereit, in ihrem Partner aufzugehen, beginnt tatsächlich, sich den Pinkporsche zu wünschen. Immerhin spricht sie seit Edmunds Blasenschwäche nicht mehr von Pipi, sondern sagt: Urin. Welch eine Entwicklung. Entwicklung? Susi bleibt immer die Gleiche, auch im dritten Teil. Edmund stirbt rechtzeitig, bevor das Penthouse zwangsgeräumt wird, und für Susi und die behinderte Tochter bezahlt das Sozialamt zweieinhalb Zimmer. Ihr Lieblingslied ist immer noch Sinatras My way, und man wundert sich nicht, dass sie dem Marokkaner Khalil nachgibt und Susi Gern-Algat wird. Sie ist 68, er 29, er liebt sie, und sie liebt ihn. Dass sie wieder reinfällt, dass dieser Mann mehr seinen Landsleuten gehört als ihr - man ahnt, wie ein vierter Teil aussehen müsste. Zum Glück hat Walser ihn nicht geschrieben. Denn schlimm ist nicht nur die verquere Erzählhaltung, schlimm ist vor allem die Sprache. Der armen Susi in den Mund gelegt, erinnert sie an den Ton gewisser Frauenzeitschriften, so flott, so patent. Das ist so kinderleicht wie Harry Potter, nur leider nicht so spannend; es zieht sich, und je länger man liest, umso lieber überschlägt man eine Seite. Doch, es gibt auch schöne Szenen. Wenn Edmund seine Erfolgsmeldungen wie ein Gedicht vorträgt, das hat Charme. Die Rituale des Sprechens sind genau beobachtet. Und für manche Sätze muss man Walser lieben: Khalils Frage war ein Lichtüberfall, ein Betörungsschwall, eine Zärtlichkeitsbrandung. Wären sie nur nicht so sparsam gestreut, die Juwelen dieses Textes.
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4.)
Der Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Anita Pollak aus Kurier, Wien, vom 3.8.2001:
Gern oder nicht gern, das ist die Frage
Man kann sie auch gern haben, Susi Gern, jene Dame,
die Martin Walser zur Heldin macht. Zur Heldin seines neuen Romans, zur Heldin des
Alltags, zur Heldin der Liebe.
15 Jahre hindurch sei er mit ihr bzw. ihrem Vorbild in engem Kontakt gewesen, ließ der
prominente deutsche Romancier freimütig verlauten. Wie auch immer, der Roman sollte für
sich selbst sprechen und tut dies ja immerhin 525 lange Seiten lang. Einsilbig sind
bei Walser stets nur die Namen seiner Protagonisten Zürn, Horn, Halm, Dorn, Fink
und nun also Gern und hauptsächlich weiblich.
Susi und Edmund, ein schicksalhaft aneinander gekettetes Paar. Mord ja, Scheidung nie, ist
seine Devise. Fürs Zusammenleben hat der Staranwalt einen Vertrag aufgesetzt. Beide sind,
was außereheliche Aktivitäten betrifft, frei. Ehelich ist das erotische Kapitel bereits
im ersten Roman-Kapitel längst beendet. Sie packt ihm, scheinbar unbeteiligt den Koffer,
wenn er mit einer seiner drei Fix-Geliebten zu einer Lust-Reise aufbricht, er finanziert
ihr eine Wohnung für ihre nächtlichen Ausritte mit diversen Annoncenmännern.
Miteinander teilen sie in Düsseldorf ein Luxus-Penthouse (Susi schreibt Penthaus), eine
ewig infantile Tochter und einen eher missratenen Sohn. Andreas steigert die Dramatik des
Familienlebens mit seinen glücklosen Partnerinnen und ebensolchen Geschäften noch.
Geld spielt anfangs (1987) gar keine, später, als sich alle Spekulationen als Total-Flops
herausstellen, eine ziemliche Rolle. Es ist nicht so gut mit Geld, wie es schlecht ist
ohne, lautet eine jüdische Weisheit von Edmunds altem Schachpartner. Vom Dachpalast in 60
Quadratmeter hinten hinaus ist die Fallhöhe beträchtlich.
Bergab gehts überhaupt stetig und mit allen. Edmund hat Schulden, Parkinson und
Windeln, Tochter Conny immer mehr Kilos und Susi immer mehr Zores und Frust. Zum
Jahrtausend-Silvester und damit Walser sei Dank zum Schluss, steht die
69-Jährige mit einem knapp 30-jährigen marokkanischen Ehemann und ihrer 40-jährigen
Tochter mittellos und kein bisschen weise da. Wie das Leben halt so spielt.
Schamhaarlos
Haarausfall an der intimsten Stelle registriert die alternde Susi bei einer ihrer
Handanlegungen. Dass Walser vor irgend etwas zurückschreckt, wird man ihm nicht vorwerfen
können. Und dass er so ganz und gar unter die Haut und die Schädeldecke einer Frau
kriechen kann, ist wohl die große Leistung eines 74-jährigen Erzählers, der sich in
sprachlicher Mimikry sogar den Jargon der Enkelin zu eigen gemacht hat. Da stimmen Töne
und Zwischentöne, das kann Walser, das konnte er ja immer.
Schön, aber was solls, muss man vielleicht fragen. Was soll all der Aufwand, die
vielen Seiten mit kunstvollem Geschwätz, albernen Dialogen, ausufernden Gedanken, die
ewig ums Selbe kreisen um Männerscheusale, enttäuschte Hoffnungen, Verluste aller
Art, das Altern, die Liebe, die nimmer aufhöret. In ihr hatte sich etwas für das
Überleben entschieden. Wahrscheinlich das Leben. Zur Meisterin des Lebens, des ganz
normalen Unglücksglücks, stilisiert Walser eine Susi, seine Susi, die ihm ohne Zweifel
ans Herz gewachsen ist. Schön, aber was solls ? Fast jede Vorabendserie zeigt uns
Schicksale wie diese, vielleicht weniger literarisch, vielleicht weniger peinlich. Von
Inkontinenz ist viel die Rede. Die immer selben Katzen pissen, scheissen und kotzen über
Jahrzehnte und hunderte Seiten, Susi säuft und kotzt, Edmund kann irgendwann sein Wasser
nicht mehr halten. Und irgendwann kann auch Walser seine Worte nicht mehr halten.
Reality-Fiction, Taxi orange auf der Kö.
Die Einschaltzahlen werden es zeigen. Man kanns ja auch mögen.
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5.)
Der
Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von K.M. aus Profil,
Wien:
Susi sucht Liebe, Edmund zählt
sein Geld. Sie konsumiert, er blickt zur Seite. Dann noch ein behindertes Kind, das
Zeichen einer behinderten Beziehung. "Atemnot der Seele" fühlt Susi und kotzt
sie sich aus dem Leib. Fressorgien einer Bulimikerin auf ihr elendes Leben an der Seite
eines Mannes, der zuerst Pleite macht und dann krepiert.
Über 500 Seiten dramatisiert Martin Walser den Wahnsinn einer Beziehung. Dabei entstehen
viel zu stark entwickelte Bilder. Geschwätziges Düsseldorf-Ambiente statt Konzentration
auf sein Thema, die zersetzende Liebe. Walser lässt den "Lebenslauf der Liebe"
zwar ein in sich geschlossenes Martyrium durchmachen, aber das infiziert leider ebenso den
Bauplan des Romans. Die Geschichte franst aus.
In seiner Kaltschnäuzigkeit erinnert das Buch an "Krankheit oder moderne
Frauen" von Elfriede
Jelinek, doch seine Helden verlieren sich nicht im Obszönen,
sondern in den Zwängen des Alltags: Ordnung schaffen wollen und nicht können. Endlos
lieben und scheitern. Wellenreiten auf Abenteuern, die am Ende den Leser kalt lassen.
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6.)
Der
Lebenslauf der Liebe.
Roman von Martin
Walser, (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Joanna Jablkowska aus Rezensionen-online
"Sz", März 2002:
Der Lebenslauf der Liebe überrascht die Walser-Leser. Susi Gern ist - anders als die männlichen Protagonisten Walsers - keine Versagerin, welche die "Einübung ins Nichts" praktiziert. Obwohl sie - am Anfang unvorstellbar reich - verarmt, von ihrem Mann Edmund und von Menschen, die sie liebt, oft gedemütigt wird, obwohl sie ihrer behinderten Tochter nicht so helfen kann, wie sie sich dies wünschte und obwohl ihr Sohn sie enttäuscht, ist sie fähig, nach der Liebe zu suchen und sie zu finden. Nach Edmunds Tod heiratet sie einen achtundreißig Jahre jüngeren Marokkaner und erlebt wahre Liebesqualen und echtes Liebesglück. So trivial diese Geschichte sich liest, so meisterhaft wurde sie erzählt. Man wird von Walsers Erzählbrillanz in die Banalitäten von Susis Alltag eingezogen: in ihre Probleme mit Edmunds drei Geliebten und in ihre eigenen Liebschaften mit immer neuen, immer jüngeren und oft farbigen Männern, in die verrückten Partnerschaften des Sohnes Andreas, in die Gewohnheiten der Hauskatzen. Zuerst ist Susi für alle willkommene Kundin und ‚gnädige Frau", dann bleiben ihr so gut wie keine Freunde und nur selten will ihr jemand helfen. Sie gibt aber nicht auf und hofft auf Glück. Weder Heimat noch Nation sind im letzten Roman Walsers von Belang. Der Bodensee wird nicht einmal als Urlaubsziel erwähnt. Edmund behauptet, dass er nur in Düsseldorf oder München leben kann, weil es nur hier "die spaghettidünnen, gewachsten Schnürsenkel" gibt. Sie wohnen also in Düsseldorf, das aber nichts mehr als Wohnsitz ist. Man liest auch kein Wort mehr vom Vereinigungswunsch oder Vereinigungsglück, obwohl die Handlung 1987 einsetzt und in der Silversternacht 1999/2000 endet. Wichtig ist nur die Liebe. Es ist ein Alterswerk, das aber eine ungewöhnlich jugendliche Lebensbejahung ausstrahlt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]
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