Der lange Weg von Dieter Wellershoff, 2007, KiWiDer lange Weg zum Anfang.
Zeitgeschichte, Lebensgeschichte von Dieter Wellershoff (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 28.03.2007:

Wiederherstellung der Fremdheit
Dieter Wellershoff erforscht den «langen Weg zum Anfang»

Die Epigonen in unserer Gegenwartsliteratur sterben nicht aus, nein, sie vermehren sich unablässig. Sie reüssieren auf dem literarischen Markt mit Texten, die schnell erfassbare Oberflächenreize haben, demonstrativ ihre eigene Machart signalisieren und sich bei Literatur-Wettbewerben gut in kleinen Portionen vorlesen lassen.

Dieser deprimierende Befund stammt nicht aus unseren Tagen der «Fräuleinwunder» und der formulierungsflinken Pop-Autoren, sondern ist schon vierzig Jahre alt. Bereits 1967, in einem Essay über die Mechanismen des Literaturmarktes, hat Dieter Wellershoff äusserst hellsichtig die déformation professionelle beschrieben, die jedem Autor droht, der sich den autistischen Kommunikationsformen des Literaturbetriebs bereitwillig überlässt. Dann entsteht nämlich der Typus des «aussenorientierten» Schriftstellers, der zwar die Kodizes der eigenen Zunft sehr genau kennt, aber über den Tellerrand des Gewerbes nicht mehr hinauszublicken vermag: «Sehr früh», so Wellershoff damals, «bahnt die Kulturindustrie den Talenten den Weg und hat sie dann ständig unter Einfluss und Kontrolle, macht aus ihnen Schriftsteller, die nur noch mit Schriftstellern umgehen und schliesslich nur noch etwas über Literatur wissen und Literatur herstellen, die sich nur mit sich selbst befasst.»

Imaginäre Probebühne

Der mittlerweile 81-jährige Wellershoff war schon immer ein Ausnahme-Essayist, der mit stupendem literaturhistorischem Wissen jene saisonfixierte Literaturkritik blamierte, die als flaches Begleiträsonnement der jeweils aktuellen Werke daherkam. Über vierzig Jahre hinweg hat er an einem Ideal des «Realismus» festgehalten, der den Versuch unternimmt, «der Welt die konventionelle Bekanntheit zu nehmen und etwas von ihrer ursprünglichen Fremdheit und Dichte zurückzugewinnen, den Wirklichkeitsdruck wieder zu verstärken, anstatt von ihm zu entlasten».

Wenn Wellershoff nun seine essayistischen Interventionen aus den Jahren 1998 bis 2006 bündelt, dann demonstriert er noch einmal mit einem gewissen Bekenntnisstolz die Kontinuität seiner Positionen. Auch in diesen Aufsätzen, Reden und autobiografischen Exkursen beschreibt er die Literatur wieder als eine imaginäre Probebühne, auf der alle Möglichkeiten des menschlichen Lebens – auch und vor allem die Abgründe des Privaten und Katastrophischen – in allen Details durchgespielt und ausfabuliert werden können.

Wer sich durch die gelegentlichen Wiederholungen und Überschneidungen in den einzelnen Texten nicht irritieren lässt, kann hier das Lebensbild eines Schriftstellers zusammenfügen, der als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch und später als freier Schriftsteller stets das Abenteuer der literarischen Existenz gesucht hat und dafür jedes Risiko auf sich zu nehmen bereit war. Als junger Kriegsteilnehmer hatte Wellershoff den Untergang des «Dritten Reiches» und all die Schrecknisse der Kriegs-Barbarei miterlebt. Als er nach dem Krieg eine Familie gegründet und zwei Kinder zu versorgen hatte, lebte er einige Jahre an der Armutsgrenze, weil er eine Auftragsarbeit über Gottfried Benn fertig zu stellen hatte und sein Vorschuss in dieser Zeit beängstigend schnell dahinschmolz.

Aus der Auftragsarbeit des damals noch nicht 30-Jährigen ist eine der geistreichsten Studien über Gottfried Benn geworden («Gottfried Benn – Phänotyp der Stunde»), die heute noch Bestand hat. Von den Erfahrungen dieser Zeit her rührt Wellershoffs Ingrimm gegenüber der Larmoyanz heutiger Schriftsteller, die sich einen Rechtsanspruch auf ein subventioniertes Stipendiatendasein erhoffen. So sind jene Exkurse in Wellershoffs neuem Buch sehr schroff ausgefallen, in denen er sich mit dem «riskanten Beruf des Schriftstellers» beschäftigt. Da wird Wellershoff auch einmal ungerecht gegenüber einem jüngeren Kollegen. Noch viel ungnädiger geht er aber mit Gottfried Benn um. Ein halbes Jahrhundert nach seiner bahnbrechenden Studie erkennt er in der expressiv aufgeladenen Rhetorik Benns nur noch ein «Übermass an Meinungsfreude» und einen «Bussprediger alten Stils», der einer gottverlassenen Welt ihre Verderbtheit vorhält.

Intellektuelle Unabhängigkeit

Das spricht für die intellektuelle Unabhängigkeit des Schriftstellers Wellershoff, der schon immer allergisch war gegen den literarischen Zeitgeist. In seinen Romanen entwirft er immer neue Modelle krisenhafter Situationen, in denen die Helden dem Sog einer versteckt sich anbahnenden Katastrophe erliegen und ihr Lebensdesaster nicht abwenden können. Den Grund für diese Faszination an Konstellationen des Zusammenbruchs hat er in seinem neuen Essayband lapidar zusammengefasst: «Denn Literatur muss gefährlich sein, oder sie ist belanglos.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0604 LYRIKwelt © M.B./NZZ