Der lange Nachkrieg von Erwin Uhrmann, 2010, LimbusDer lange Nachkrieg.
Roman von Erwin Uhrmann (2010, Limbus).
Besprechung von Helmut Schönauer auf
schoenauer-literatur.com, 2010:

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, gibt es folglich zwischen den Kriegen eine Zeit, die man als Vor- und Nachkrieg bezeichnet. Aber nicht nur die gesellschaftlichen Dinge werden manch mal mit Vor-, Haupt- und Nachkrieg geregelt, auch das individuelle Leben kann durchaus aus einem einzigen Krieg bestehen.

Erwin Uhrmann erzählt im Roman "Der lange Nachkrieg" von dem seltsamen Zeitzustand, dass man eigentlich alles, was nach 1945 in Europa geschieht, als Nachkriegszeit bezeichnet. Und in diesen beinahe immerwährenden Zustand sind hoffnungslos überforderte Individuen eingebettet, die sich weder nach vorne noch nach hinten ausrichten können.

Ein solcher zeitloser Held ist der Ich-Erzähler Hector, der irgendwie aus seinem Studium herausgewachsen ist wie aus einem zu klein gewordenen Anzug. Um seine biographische Umgebung zu erkunden, forscht er die Todesumstände seiner Großtante Helene aus. Sie scheint eine Menge literarisch herzugeben, denn mit etwas Glück könnte sie ein Mordopfer jener Krankenschwester gewesen sein, die einst halbe Stockwerke im Altersheim "rohypnolisierte".

Aber auch die Zeitgeschichte könnte etwas hergeben, wenn man auf den Balkan fährt und sich dort umsieht, wie die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien jetzt auf dem Weg nach Europa ihre psychischen Nachkriegswunden lecken.

Hector entpuppt sich einerseits als Voyeur, der die Ereignisse bloß betrachtet, um sich daran aufzugeilen, andererseits tappt er als akademisch geschädigter Wissenskretin durch die Gegend und arbeitet offensichtlich alles wie eine Seminararbeit ab. So ist es kein Wunder, dass Hector ununterbrochen Erektionen mit sich herumträgt, denn die Erektion ist bekanntlich das Sinnloseste, was ein Mensch auf die Beine stellen kann.

Und privat ist mit Hector ebenfalls nicht alles im Lot, die Mutter fuhrwerkt noch immer wie in alten Bubentagen an ihm herum, mit seine Partnerin Carla tut sich schwer, sich gegenüber diesem launisch selbstverliebten Helden zu positionieren.

In völlig trivialen Alltagsposen schieben sich dem Ich-Erzähler Sätze aus längst vergangenen Seminaren vor die Augen.

"Ich sah die anderen Leute an und dachte dabei an eine Vorlesung zum Thema ‚Werbung' an der Universität, als der Lektor einmal gemeint hatte: "Wir kommunizieren lediglich, um zu verhindern, dass wir Sex haben." Ich assoziierte mich ins Internat. Im Klavierzimmer konnte man bequem onanieren." (67)

Wenn die Selbstbeschäftigung Pause hat, kommt wieder Tante Helene dran.

"Ich las ein Buch vom Wettlauf zum Südpol. Als meine Augen schmerzten, rief ich Mutter an. "Mutter", sagte ich, "mich lässt es nicht mehr los, ob Tante Helene tatsächlich ermordet worden ist." (84)

Der lange Nachkrieg ist tatsächlich eine unendliche Geschichte, die im zeitlichen Nirgendwo versickert. Der Held ist müde, selbstverliebt, lebensunlustig und macht dennoch ab und zu ein paar Handgriffe, die wie ein Programm aussehen, auch wenn es sich dabei fast immer nur um eine Masturbationsaktion handelt. Der Held geht niemandem ab und hat auch nichts zu tun, außer sich mit sich selbst zu beschäftigen. Letztlich ist der Held mit sich selbst in einem Nachkrieg, den niemand bemerkt, wie auch der Held von niemandem bemerkt wird. - Eine durchaus aufregende Geschichte von einer mit sich selbst zu Tode geführten Kommunikation.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0510 LYRIKwelt © H.Schönauer/Rezensionen-online