Der lange Gang über die Stationen von Reinhard Kaiser-Mühlecker, 2008, HoCa1.) - 3.)

Der lange Gang über die Stationen.
Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker (2008, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 21.02.2008:

Feine Risse
Das Erstaunlichste zuerst: "Der lange Gang über die Stationen" ist ein Debüt, geschrieben von einem Autor, der gerade einmal 25 Jahre alt ist. Man liest den Roman und mag es kaum glauben.

Die Geschichte, die der auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsene Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt, ist tief in der literarischen Tradition seines Landes verwurzelt und schnell wiederzugeben: Ein junger Mann entschließt sich, den elterlichen Hof zu bewirtschaften; die Mutter ist alt, der Vater liegt in einem Nebenzimmer im Sterben.

Die Frau des jungen Mannes, die dieser bei einem seiner seltenen Besuche in der großen Stadt (Linz) kennen gelernt hat, folgt ihm nach. Man beginnt, sich in einem gemeinsamen Leben einzurichten; am Ende hat sich, beinahe unmerklich, abzulesen an vielen Details, ein Riss gebildet, der nicht mehr zu überbrücken ist.

Das ganz und gar Herausragende an diesem Roman, der völlig aus unserer Zeit fällt, ist seine Haltung zu den Dingen, seine Perspektive auf die Welt, seine Sprache. Der beobachtungssüchtige und detailversessene Ich-Erzähler bedient sich eines in sich geschlossenen, beinahe altmodischen Duktus, der jedoch von Beginn an weder aufgesetzt noch folkloristisch, sondern höchst authentisch wirkt.

Aus dem langsamen Erzählstrom kristallisieren sich nach und nach einige wenige Fakten heraus: Theodor heißt der junge Bauer (während die Frau ausschließlich "meine Frau" genannt wird), man schreibt das Jahr 1956, irgendwo im oberösterreichischen Seengebiet.

Nichts ist Reinhard Kaiser-Mühlecker ferner als ein Hang zur Idylle, doch befindet sich der Erzähler zu Anfang seines inneren Monologes zumindest noch in einem Zustand der Ausgeglichenheit, der sich zusehends aufzulösen droht.

Die Schieflage, in die das Soziotop des Romans gerät, ist allumfassend: Kleinbauernhöfe werden aufgekauft und zu großen Betrieben zusammen gelegt, immer häufiger hört man auch sonntags die Traktoren fahren, Dorfbewohner verzweifeln an ihren Schulden und bringen sich um, und auch Theodor gerät allmählich in finanzielle Schwierigkeiten, weil er sich mit dem Bau eines Schafstalls verkalkuliert hat.

Doch nicht nur im Großen, sondern auch in der Beziehung zwischen Theodor und seiner Frau schleichen sich atmosphärische Veränderungen ein, die Reinhard Kaiser-Mühlecker subtil und dezent zum Schwingen bringt. In wenigen Worten, in kargen Sätzen zeigt er einen Menschen, der hilflos zusehen muss, wie seine schöne, junge Frau ihm entgleitet; der eben dies bemerkt und dennoch machtlos ist dagegen, weil die Lebensform, die sie entzweit, die einzige ihm bekannte und mögliche ist.

Ob ihr morgens noch immer übel sei, fragt der unbedarfte Theodor seine Frau, kurz nachdem diese aus der Stadt zurück gekehrt ist, wo sie angeblich Verwandte hat besuchen wollen. "Es war sehr still in der Stube. Vom Ofen her das Knacksen der Glut und das heulende Fahren des Windes in den Kamin. Von unten sah sie mich fest an und ohne eine Miene zu verziehen antwortete sie: ‚Ja, mir wird nicht mehr übel.'"

An derlei ambivalenten Szenen, in denen viel geschieht, ohne dass etwas ausgesprochen wird, ist "Der lange Gang über die Stationen" reich. Diesem unzeitgemäßen und zeitlosen Buch und seinem Autor einen nicht unbedeutenden Förderpreis zuzusprechen, ist eine ausgezeichnete Entscheidung.

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Der lange Gang über die Stationen von Reinhard Kaiser-Mühlecker, 2008, HoCa2.)

Der lange Gang über die Stationen.
Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker (2008, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Anne-Catherine Simon in Die Presse vom 28.2.2008:

Jungautor Kaiser-Mühlecker: „Ich bin längst ganz woanders“
Es ist das meistbeachtete österreichische Debüt des Frühjahrs: Reinhard Kaiser-Mühlecker über seinen Eheroman „Der lange Gang über die Stationen“.

Darf ein 23-Jähriger schreiben, als wäre er beim alternden Hanke in die Schule des Sehens gegangen, ja mehr noch, im tiefsten 19.Jahrhundert, bei Adalbert Stifter? Kann „echt“, „authentisch“ sein, was so altertümlich, so aus der Zeit gefallen scheint?

Die Art und Weise, wie Reinhard Kaiser-Mühlecker von einem Bauern im Oberösterreich der 1950er-Jahre erzählt, der eine junge Frau aus der Stadt heiratet, nur um sie allmählich wieder zu verlieren, hat schon viel Erstaunen ausgelöst, vor allem berührten Jubel, etwa in Deutschland oder beim Autor Erich Hackl – aber auch mancherorts befremdetes Kopfschütteln (siehe auch die „Presse“-Rezension morgen, Samstag, im „Spectrum“).

Auf einem oberösterreichischen Bauernhof zwischen Gmunden und Wels ist der heute 25-Jährige (das Buch schrieb er im Winter vor zwei Jahren) aufgewachsen, heute lebt er in Wien. Auch im Reden wirkt er, trotz Flinserl und abenteuerlich gescheitelten Haars, ein bisschen wie „aus der Zeit gefallen“ – in eine andere, wo es unglaublich viel davon gibt, man unendlich langsam sprechen kann – und schweigen, bei jeder Pause fragt man sich, ob da noch etwas nachkommen wird... Immer wieder klingt er wie Handke: dabei aber vollkommen natürlich, kein bisschen aufgesetzt.

„Stifter lesen hat mich zerkracht“

„Irgendwie muss ich mich annähern an das Jetzt, möglichst langsam, um das Ganze zu verstehen. Da bin ich grad“, sagt er. Und: „Ich hab' das so geschrieben, weil es sein musste.“ Er habe davor andere Texte verfasst, „mit denen ich todunglücklich war, auch eine Großstadtgeschichte. Irgendwann hab' ich mir gedacht, du musst von vorne anfangen. Ohne dass ich gewusst hätte, wo vorne ist. Jedenfalls hab' ich versucht, meine Wurzeln zu finden. Inzwischen hab' ich stilistisch ganz andere Dinge gemacht. Ich will mich auch nicht am Landthema abarbeiten, bin schon längst ganz woanders.“

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land in seiner Ehegeschichte ist dem Autor gar nicht so wichtig. „Es war eher die Frage, wie es möglich ist, dass zwei Personen einander eine Weile lang ganz gern haben, sich sozusagen blind verstehen, und dann plötzlich gar nicht mehr. Das war mir oft und ist mir immer noch nicht ganz verständlich.“

Außerdem sei das Schreiben auch sein „Was-wäre-Wenn“: „Vielleicht würde es stimmen, wenn ich sagte, dass dieser Bauer Theodor eine Möglichkeitsform von mir ist. Vielleicht nämlich, wenn man nie hinauskommt – trägt man gar keine Schuld, ist es gar nicht verwunderlich, dass sich der Horizont nicht weiter öffnet...“

Jeder umständliche Satz, jeder Blick verrät den in sich versponnenen Einzelgänger. „In Gruppen zu sein, das hab ich nie gut ausgehalten“, erzählt er. „Ich bin ja ein sehr einsamer Mensch, noch einsamer dadurch, dass es anscheinend keine Jüngeren gibt, die mir im Schreiben nahe wären.“ Ältere schon, auch etliche Österreicher, Handke, Norbert Gstrein, Wolfgang Hermann („mein großer Mentor“), Franz Tumler.

Und Stifter? „Ich habe Stifter erst gelesen, nachdem ich das schon geschrieben habe. Das hat mich dann sehr gewundert, gefreut – und auch irgendwie zerkracht. Ich hab' mir gedacht, wenn du das schon vorher gelesen hättest, da hättest du dir Arbeit gespart. Was willst du denn jetzt noch – Stifter hat ja alles längst gesagt!“

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Der lange Gang über die Stationen von Reinhard Kaiser-Mühlecker, 2008, HoCa3.)

Der lange Gang über die Stationen.
Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker (2008, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin vom 28.3.2008:

Mutig gegen den Zeitgeist
Kaiser-Mühlecker hat uns mit einem unkonventionellen Zeitgenossen vertraut gemacht, von dem wir – trotz seines exponierten Außenseitertums – einiges lernen können: die Kunst der Muße, die Beobachtungsgabe und den Rückzug zu sich selbst.


Die Entdeckung der Langsamkeit lautet der Titel von Sten Nadolnys 1983 erschienenem Longseller-Roman. Nun hat sich ein junger österreichischer Autor daran gemacht, auf seine ureigene Art die Langsamkeit wiederzuentdecken. „Ich denke, dass vieles zu schnell geht heute, auch in der Literatur“, erklärte der 25-jährige, aus Niederösterreich stammende Reinhard Kaiser-Mühlecker.
Sein Romanerstling, der vorab mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet wurde, stemmt sich mutig gegen den Zeitgeist und berichtet in geradezu bedächtig-präziser Sprache vom Leben auf dem Land in den 1950er- Jahren. Der Protagonist Theodor ist (wie Kaiser-Mühlecker selbst) auf dem Land aufgewachsen, der Vater ist todkrank (stirbt später), der Sohn muss den Hof übernehmen. Schließlich heiratet die introvertierte Hauptfigur eine Frau aus der Stadt (eine Konstellation, wie wir sie aus dem letzten Roman von Kathrin Groß-Striffler kennen), „eine gute Frau“, wie die Mutter konstatiert, aber doch eine Städterin, die sich zunehmend langweilt und immer häufiger zu Vergnügungen in die Landeshauptstadt aufbricht. Es kommen handfeste finanzielle Probleme hinzu, und ein vom Alkohol gezeichneter Nachbar nimmt sich das Leben.

“Das was blieb, war, dass die Zeit verging“

Theodors Glück ist nur von kurzer Dauer, die Entfremdung von seiner Frau wird immer stärker: „Ich hatte mich zu ihr gesetzt – und sie war ein wenig von mir abgerückt. Vielleicht wollte sie mir bloß das Sitzen ein wenig bequemer, wollte mir mehr Platz machen; ich jedoch empfand dieses ihr Wegrücken als tatsächliches Abrücken, als ein Sich-Entfernen im Kleinen.“
Reinhard Kaiser-Mühleckers Sprache klingt ein wenig antiquiert im Vergleich zum verbalen Mainstream-Geklapper seiner literarischen Altersgenossen. Doch einer solch empfindsamen Seele wie seiner Hauptfigur Theodor kann man nur mit Bedächtigkeit beikommen. Er ist ein Mensch mit besonderen Wahrnehmungen, all seine Sinne sind der Natur zugewandt (den Geschmack von zerkauter Wintergerste auf der Zunge), das hektische Leben in der Stadt, das er bei einem zaghaften Ausbruchversuch kennen lernt, versetzt ihn geradezu in Panik. „Das was blieb, war, dass die Zeit verging“, resümiert Theodor, als er aufs Land zurückkehrt. Nicht frustriert, nicht geläutert – allenfalls desillusioniert.

Poetisch-reflexive Wahrnehmungsprosa

Reinhard Kaiser-Mühlecker aus dem niederösterreichischen Eberstalzell, der in Wien Landwirtschaft und Geschichte studierte, hat weder das Landleben idyllisiert noch der Anti-Heimatliteratur à la Franz Innerhofer ein neues Kapitel hinzugefügt. Stattdessen hat er uns mit einem unkonventionellen Zeitgenossen vertraut gemacht, von dem wir – trotz seines exponierten Außenseitertums – einiges lernen können: die Kunst der Muße, die Beobachtungsgabe und den Rückzug zu sich selbst.
Dass Theodor dennoch in seinem tiefsten Innern ein glücklich-unglücklicher Mensch ist, diese nicht aufgelöste Ambivalenz macht die Figur umso reizvoller. Reinhard Kaiser-Mühlecker, der von Büchner-Preisträger Arnold Stadler gefördert wurde, hat schon in seinem Debütwerk eine eigene, von Pathos und Tristesse freie Stimme gefunden und eine poetisch-reflexive Wahrnehmungsprosa vorgelegt. Man darf gespannt sein auf seine weitere Entwicklung, denn bedeutende Literatur ist oft abseits des Zeitgeists entstanden.

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