Der langangehaltene Atem.
Roman von Bettina Balàka (2000, Droschl Verlag).
Besprechung von Angela Gutzeit in freitag vom 5.5.2000:

Es war Mord: DIE ANGST VOR DEM VERSCHWINDEN
Bettina Balàkas erster Roman und seine Vorgeschichte

Eines Tages möchte ich so schreien, dass alle Hindernisse zerklirren", heißt es im Prolog zum Roman Der langangehaltene Atem. Nun ist die Erzählerin der österreichischen Schriftstellerin Bettina Balàka kein zweiter Oskar Matzerath. Ihre vergeblichen Versuche, der Spirale aus weiblicher Sprachlosigkeit und männlichen Zuschreibungen, aus Todesphantasien und Angstträumen zu entkommen, erinnern eher an Ingeborg Bachmanns Malina.

Nach zwei Erzählbänden (Krankengeschichten, 1996; Road Movies, 1998) liegt nun dieser erste Roman der 1966 geborenen Bettina Balàka vor. Es ist ein kunstvoll aus Briefen, Gesprächen, Erinnerungen und Reflexionen komponiertes Buch. Und wie schon in ihren Erzählungen verweigert sich Balàka auch hier jedem stringenten Handlungsablauf. Es passiert in dieser Prosa im äußerlichen Sinne wenig. Eher kann man davon sprechen, dass die Autorin Bewusstseinszustände ihrer Figuren transparent machen will, psychische Befindlichkeiten, die sich in verschiedenen Rollen und Lebensentwürfen präsentieren. Als Personen werden die Figuren kaum kenntlich. Es sind oszillierende Existenzen, die in einem Fall ihr Geschlecht gewechselt haben, in einem anderen je nach Lebenslage ihren Namen. Sie offenbaren sich, um aber im nächsten Augenblick ihre Spuren zu verwischen oder einfach zu verschwinden.

Die Angst vor dem Verschwinden wie auch das nicht selten verzweifelte Begehren, sich als (weibliches) Subjekt zu konstituieren, im Leben eine Verankerung zu finden - sei es durch die Kunst oder durch die Liebe - sind zentrale Motive in diesem schwierigen, aber auch faszinierenden Roman der österreichischen Schriftstellerin.

Bettina Balàkas Roman spielt in Österreich und das ist - wie schon in vielen ihrer Erzählungen - nicht unwesentlich für die Befindlichkeit ihrer Figuren. Österreich, so schwingt es im Text immer mit, das ist dieser Sumpf aus Spießigkeit und dumpfen Vorurteilen, aus versteckter Brutalität und katholisch geprägter Lust an Strafe und Vergehen. Der einzige konkrete und durchgängige Handlungsort in diesem, hinter aller Idylle unheilschwangeren Land ist entsprechend düster: Ein Naturwissenschaftliches Museum, auf dessen Stufen die Erzählerin zu Beginn sitzt und über den Verlust ihres Geliebten Maximilian nachdenkt. Es sind nur wenige zarte Striche, mit denen die Dimension dieser Beziehung angedeutet wird, und doch entfalten sie eine Aussagekraft, eine Wucht, die an Balàkas Prosa immer wieder betört. Zärtlichkeit, Liebesglück und Schmerz liegen eng beieinander, wenn sie schreibt: "Zarte Nabelschnecke. Die Blinddarmnarbe, eine überstandene Wandlung. Atmender, lebendiger Bauch." Ein paar Sätze weiter der Absturz: "Als Max sagte: Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen, da war mir, als hätte er Erde über mich geschaufelt."

Das Begrabensein, das Gefühl, seelisch zu versteinern, korrespondiert aufs engste mit der Innenwelt des Museums, das sich die Erzählerin nach und nach zeichnend erschließt. Sie hat per e-mail von einer anonym bleibenden Person den Auftrag erhalten, die präparierten Tiere dieses Instituts zu zeichnen und ihr gegen Bezahlung zuzusenden. Nach eigener Behauptung handelt es sich um einen Mann fortgeschrittenen Alters. Die Erzählerin verstrickt sich immer mehr in diese Tätigkeit. Das, wie sie sinniert, von männlichem Forscherdrang kreierte Institut erscheint ihr zunehmend als ein "Mordmuseum", eine makabre Ansammlung erstarrter, vergewaltigter Natur. Sie zeichnet Affen, die ihre Haut tragen "als lebenslängliche und tödliche Kostüme", Fische, die wie "geschminkte Leichen" präpariert sind, und aufgespießte, "schockgefrorene" Vögel. Dem Wesen dieser entstellten Natur nahezukommen, wird der Zeichnerin zur Obsession. Sie entblößt dadurch - ganz gegen ihren Willen, für den Auftraggeber unfassbar zu bleiben - nach und nach ihre eigene verletzte Seelenlandschaft.

"Ich denke", schreibt sie an den anonymen Herrn, "die Aufgabe der Kunst ist es, aus dem Leben eine Melodie herauszusägen, eine Folgerichtigkeit. Aus Chaos und Verwirrung einen Faden zu ziehen, ihn zu verhäkeln zu einem Gewebe, zu Akkorden und Harmonien und Mustern". Verwoben wird hier die geschundene Natur mit der weiblichen Erfahrung von permanenter Beschädigung und Erniedrigung. Die Erzählerin wird von "Rasierklingen- und Glassplitterträumen" heimgesucht, in denen immer ein "Zerstörer" anwesend ist. Und in ihren Erinnerungen häufen sich die gescheiterten Beziehungen zu Männern und verdichten sich zu der Erfahrung, dass Menschen aus ihrem Leben einfach verschwinden - wie ihre Mutter, die sich in ihrer Kindheit das Leben nahm. Verständigung scheint nur möglich zu sein mit ähnlich suchenden und beschädigten Existenzen: Venezuela, die Transsexuelle, die vorher Hans hieß und jeden Tag aufs neue ihre gewandelte Identität gegen eine feindliche Umgebung behaupten muss; Alfred, der homosexuelle Kostümbildner und Feminist, der in Wedekinds Lulu sein unerreichbares Ideal erkennt; Isabella, die wie die Erzählerin von einem Mann verlassen wird. Aber auch deren Dialoge wirken eigenartig schablonenhaft und starr. Jeder verharrt letztlich in seinen Träumen und persönlichen Dramen, die gesellschaftliche und eben nicht zuletzt österreichische Realität widerspiegeln sollen und durchsetzt sind von Bildern des Todes und der Zerstörung.

Am Ende des Romans ist man dieser Bilder etwas überdrüssig. Die immer neuen Varianten von Ausweglosigkeit und weiblicher Sprachlosigkeit ermüden. "So bin ich", sagt Bettina Balàkas Protagonistin, "ich sage nein und halte dabei ganz still, damit alles mit mir geschehen kann." In einer ganz ähnlichen Unentrinnbarkeit befinden sich die weiblichen Figuren auch schon in Balàkas bereits erwähnten Erzählbänden. In ihrem Prosaerstling Krankengeschichten versuchen Frauen ihr körperliches und seelisches Leid in Worte zu fassen. Aber für die Autorin gibt es offensichtlich kein sprachliches Äquivalent für die nur noch auf den Schmerz reduzierte Existenz, und so erfindet sie Worte neu oder schafft durch Trennungen oder Zusammenfügungen neue Bedeutungen. Ein sprachliches Stilmittel, das sie auch in ihrem Roman anwendet. Effektiv ist es nicht. Wortschöpfungen wie "an mich herangefreundet", "ins Eck schrecken", "Zungenverzückung", "pfingstwild" oder "ihre Topfpflanzen stehen im Sterben" wirken gespreizt. Es funktioniert genau anders herum: Bettina Balàkas Prosa geht immer dann unter die Haut, wenn sie der Sprache vertraut - auch dem Erzählen. Zwischen all den Sprachspielereien ist in ihrem Erzählband Road Movies deshalb auch die Geschichte am beeindruckendsten, die einfach nur zeigen will, was in der Welt der kleinen Leute passiert.

In ihrem Roman finden sich immer wieder dichte, ruhig erzählte Passagen, die im Bewusstsein des Lesenden lange nachwirken. Am Schluss des Romans zum Beispiel steht ein wirkungsmächtiges Bild: Alfred, der schwule Freund, vermittelt der Erzählerin eine Rolle in einer Operninszenierung von Wedekinds Lulu. Aus dem Hintergrund, für niemanden sichtbar, hat Balàkas Protagonistin am Ende jeder Vorstellung nur eins zu tun, einen markerschütternden Schrei auszustoßen: Es ist der Todesschrei der ermordeten Lulu.

Wie endet Bachmanns Malina? Das weibliche Ich verschwindet in einer Wand. Nur ein Schrei ist noch zu hören. Und der letzte Satz lautet: "Es war Mord."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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