Der Kuss der Koi von Reiner Kunze, 2002, S. FischerDer Kuss der Koi.
Prosa+Fotos von Reiner Kunze (2002, S.Fischer).
Besprechung von Angelika Brecht-Levy in der Frankfurter Rundschau, 2.11.2001:

Nichts zu tun als zu sein
Reiner Kunze denkt über Karpfen nach und fotografiert sie

Wer hätte gedacht, dass Karpfen fesselnde Unterhalter sind? Nein, nicht die grau-blauen, am 24. Dezember in bundesdeutschen Badewannen um ihr Leben schwimmenden Exemplare. Die Entertainer dieser Spezies, will man dem Schriftsteller Reiner Kunze Glauben schenken, sind die aus dem Königsgeschlecht der Koi. Die Bewohner seines Teichs haben Erstaunliches vollbracht: Sie machten den Dichter zum Fotografen, der mit unendlicher Geduld am Rand des Wassers steht und auf optimale Bedingungen für sein Bild wartet.

Reiner Kunzes literarischer Gedankenaustausch mit seinen "Verbündeten" ist jetzt zusammen mit den brillanten Fotos in Der Kuss der Koi erschienen. Im Holzhausenschlösschen stellte der Schriftsteller sein Werk vor und eröffnete eine Ausstellung der Fotos. Sein Verlag zeigt dazu "30 Jahre Reiner Kunze im S. Fischer Verlag" mit Plakaten, die Lesungen ankündigten und seine Veröffentlichungen.

Best gelaunt tat der Autor seine Erfahrungen kund: "Ich gebe Ihnen einen Tipp, wie Sie den Verstand verlieren können: Stellen Sie sich an den Rand eines Teiches mit einer normalen Kamera, um Fische zu porträtieren. Sehr bald kommt die Frage der nächsten Angehörigen, ob man überhaupt einen Verstand zu verlieren habe." Er hat mit den Widrigkeiten der Natur zu kämpfen, mit Luftblasen, die das Motiv verzerren, mit Spiegelungen im Wasser, Blütenstaub, schwimmendem Laub. "Der Fisch müsste unmittelbar unter der Oberfläche stehen. Das weiß der Fisch aber nicht." Wenn dann endlich alles stimmt, schwimmt ein anderer Fisch ins Bild, "und Sie möchten weinen". Wieder und wieder suchte Kunze das Zwiegespräch mit den Karpfen, eine Beschäftigung, die fast "zur Verschilfung meiner selbst" geführt habe.

Der Mann, der auf die Siebzig zugeht, der erwachsene Leser mit Die wunderbaren Jahre und Kinder mit Der Löwe Leopold erfreut hat, den versetzt die Friedfertigkeit seiner bunten Freunde in Erstaunen: Feindseligkeit sei ihnen genauso fremd wie Demutshaltung. Immer wieder beobachtet er sie "in Zeiten, in denen es nichts anderes zu tun gibt als zu sein". Er kennt sie alle mit Namen und Charakter. Der weiße Koi ist die Grande Dame des Teichs, ein Fisch, der die getrockneten Seidenraupenpuppen nicht fresse, sondern verspeise. Ihr fast ebenbürtig ist die "Pariserin" im rot-weiß-schwarzen Modellkleid. Wundert es, dass Kunze an das Märchen der Königskinder glaubt, die sich vor Liebeskummer in einen reißenden Fluss stürzten und von der Göttin der Schönheit in Koi verwandelt wurden?

Kunzes Koi-Prosa in ihrer heiteren Melancholie mutet manchmal wie aus ihrer strengen Form gerutschte japanische Hai-ku an: "Ich sitze vor eurem Teich wie der Bettler vor seiner Schale. Die Vögel werfen ihre Schatten hinein und die Wolken ihr Bild."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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