Der kurze Weg nach Hause von Catalin Dorian Florescu, 2002, PenduDer kurze Weg nach Hause.
Roman von Catalin Dorian Florescu (2002, Pendu).
Besprechung von
Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 20.1.2003:

Alles ist Heimat in der Erinnerung
Zur Visite: Catalin Dorian Florescu liest aus "Der kurze Weg nach Hause" im Hessischen Literaturforum

Ein Schweizer Schriftsteller? Ein Rumäne, der auf Deutsch schreibt? Ein deutschsprachiger Autor einfach nur? Ist es überhaupt notwendig, solche Kategorien aufzustellen? Catalin Dorian Florescu wurde 1967 im rumänischen Temesvar geboren, lebt aber seit 1982 in Zürich, hat dort Psychologie studiert und als Drogentherapeut gearbeitet. In einer Zeitschrift schreibt er Kolumnen unter dem Titel Visite. Dabei ist er gar nicht zu Besuch. Im vergangenen Jahr hat Florescu seinen zweiten Roman veröffentlicht. Der erste, Wunderzeit, erzählte vom Aufwachsen und Leben im Sozialismus bis zum 15. Lebensjahr des Protagonisten, bis zu jenem Zeitpunkt also, zu dem auch Florescu Rumänien verließ.

Im Hessischen Literaturforum im Mousonturm stellte Florescu sein zweites Buch vor: Der kurze Weg nach Hause schlägt die Brücke zwischen Zürich und Rumänien. Wendezeit, 1989 / 90. Der Eiserne Vorhang ist durchbrochen. Ovidio, aus Temesvar emigriert, und sein Freund Luca brechen in Richtung Osten auf, um Geschichten zu sammeln, um Vergangenheit zu erkunden, Heimat zurück zu gewinnen. Bilder reihen sich aneinander, trostlose zumeist. Von den Satelliten-Kurorten an der Schwarzmeerküste, mückengeplagt und zubetoniert, "kaum zu glauben, dass auch hier Leidenschaft ist".

Die Menschen, denen man hier begegnet, sind schwankend, unsicher, zwischen Desorientierung und Erwartung. Die alten Strukturen, die nicht nur Zwang, sondern auch Bequemlichkeit bedeuteten, sind in Auflösung begriffen, neuer Halt ist nicht in Sicht. Sie kämpfen. Mit dem Alltag. Vor allem aber, ein von Florescu häufig verwendetes Wort, um ihre Würde.

Ovidio treibt die Sehnsucht zurück nach Rumänien, "alles ist Heimat in der Erinnerung". Er besucht seine Tante und seinen Onkel, der im Sterben liegt, vom Alkohol gezehrt, spricht mit den Mietern, die in der Wohnung seiner Kindheit leben, und die die Epoche der Achtzigerjahre schlicht umreißen: "Sterben wollte man nicht, leben konnte man nicht."
"Zürich", so sagt Catalin Dorian Florescu im Anschluss an seine Lesung, "leidet an Unterkühlung; Rumänien leidet an Überhitzung." Zwischen diesen beiden Polen schwankt sein Schreiben, zwischen kühler Modernität und emotional motivierter Aufarbeitung. Florescus Romane sind Querschnitte, "Schnitte durch meine Identität." Ein Emigrantenschicksal? Ein Schweizer Schriftsteller? Unwichtig. Ein spannender Fall in jedem Fall.

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