Der Kunstmann.
Roman von Gudrun Seidenauer (2005, Residenz).
Besprechung von von Samuel Moser in Neue Zürcher Zeitung vom 13.9.2005:

Alles Windhauch
Gudrun Seidenauers Romanerstling «Der Kunstmann»

Man muss beim Débutroman von Gudrun Seidenauer lange warten, bis es spannend wird. Und auch etwas lustig. Bis zum Schluss genau, wo die Autorin dann doch die Geduld verliert mit ihrem asthmatischen Schwerenöter, den sie bis dahin fürsorglich beschützt hat. Selbst mit einem «Einflüsterer» rüstete sie ihn aus, der ihm alle möglichen Selbstzweifel abnahm. Kurz vor Torschluss aber entzieht sie ihm die Beute: den alten Germanistikprofessor, der früher (in einem anderen Leben, würde er gesagt haben) nationalsozialistischer Völkerkundler und «Ahnenerbe»-Mitarbeiter gewesen war. Prof. Eisner, in NS-Zeiten noch Dr. Josef Engler, der den ganzen Roman über keine valable Rechtfertigung vor seinem ehemaligen Studenten, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Freund Dr. Roland Klement für seine finstere Vergangenheit gefunden hat, sondern von Begegnung zu Begegnung erbarmungswürdig zum «Schattenmann» schrumpfte, stirbt an Hirnblutung, bevor Klement zum Biss kommt. (Das Alter für diesen Tod hätte er ja gehabt, das wäre immerhin plausibel.)

Weggestorben

In diesem Schluss bringt Gudrun Seidenauer endlich auch etwas Selbstironie auf. Sie lässt ihren Protagonisten hängen. «Ich war auf eine geradezu bleierne Weise ruhig. Wegzusterben, jetzt», bringt er nur noch raus. Ganz ruhig ist er allerdings noch nicht, denn er lamentiert wenig später fürchterlich darüber, dass Eisner angeordnet hatte, seine Leiche sei zu verbrennen. Da wird ihm auch noch der Anblick eines langsam im Erdloch verschwindenden Sarges vorenthalten! «Eisners Geschichte war hier zu Ende, aber nicht zu Ende erzählt», meint Klement raunend. Er täuscht sich oder will es nicht wahrhaben. Mit dem letzten Satz des Buches gibt's ihm Seidenauer deutlich zu verstehen. Klement verlässt die Beerdigung und glaubt die Blicke von Eisners Witwe und seiner Tochter im Rücken zu verspüren. Auch das ein Irrtum: «Als ich zu ihnen zurück sah, standen sie etwas abseits von der Kirchentür und sahen in eine andere Richtung.»

Engler, Eisner, Klement – alle nomina sind omina. Und ein Hinweis darauf, wie viel in diesem Roman konstruiert werden muss, damit einer, der «keine Geschichte hat», endlich auch eine bekomme. Und damit aus einem abgegrasten Thema abermals ein Stück Literatur gewonnen werden kann. Es geht nur vordergründig um die Schuld Eisners/Englers. Um zu zeigen, dass Englers Versuch, sich als Eisner ein neues Leben zuzulegen, moralisch unhaltbar ist (wenn es das denn ist), nimmt Gudrun Seidenauer viel Psychologie zu Hilfe. Eisner ist nicht Klements Vater, aber sein Übervater. Es geht um eine Schüler-Lehrer-Beziehung. Klement hat Eisner vergöttert. Eisner hat Klement aus dem sprachlosen Unglück seines Elternhauses befreit: «Eisners Nähe machte mich grösser, klüger, wacher.» Eisner hat ihm an Rilke gezeigt, dass der Mensch erst Mensch wird, wenn er ein Leser ist. Und ausgerechnet dieser Eisner war nun ein Fälscher. Und Klement muss lernen, Liebe in Hass zu verwandeln. Weil es also letztlich um Klement geht, muss dann auch die Fälschung auf Klements Leben zurückfallen (irgendein Eisner muss doch in jedem Klement zu finden sein!). «Wie fern ist dir eigentlich derjenige, der du einmal warst?», lautet die Gretchenfrage, die nun wirklich platt genug ist, dass sie alle angeht.

Stunde der wahren Erkenntnis

Klement steckt mehrfach in Beziehungskrisen. Die Ehe mit Ulrike ist schon, die Liaison mit Lina geht noch dahin. Nachdem er seine Wohnung aufgeräumt hat, steht er kurz davor, es auch mit sich selber zu tun. Wäre da nicht, und da gerät das ganze Konstrukt an den Rand des Kitsches, dieser kleine Wonneproppen von einem Sohnemann: «Kai schlägt die Augen auf, strahlt mich an: ‹Was ist ein English breakfast, Papa?›» Auf einer kurzen Reise nach London, in der National Gallery, schlägt die Stunde der wahren Erkenntnis. Auf einem Bild Holbeins des Jüngeren entdeckt Klement einen Totenschädel, den er zunächst übersehen hatte. Das ist sie, die Sünde des SS-Professors Josef Engler: die Auslassung des Todes. Er sprach in seinen Schriften nicht von den Toten, die die Ideologie der Nazis forderte. Er vergass, dass Worte Taten sind. Und mit dieser Trennung von Kunst und Leben, mit der er den jungen Klement so beeindruckt hatte, versuchte er nun sein Kunstleben zu rechtfertigen. Aus diesem schon zu seinem eigenen gewordenen Lügengebäude muss Klement raus – Kai zuliebe. (Für Kai musste dann wohl auch diese armselige Eisner-Figur mit einem Nazivorleben ausgestattet werden: damit sein Vater sich, wie alle Heranwachsenden, von seinem Übervater lösen kann.)

Ganz frei bei dieser Befreiung ist Klement allerdings nicht, denn der Besuch in London galt eigentlich dem weisen Juden Hermann Hirsch, Herausgeber früher Autobiografien KZ-Überlebender. Er ist es, der Klement dazu drängt, in der Befragung Eisners nicht nachzulassen, auch wenn er sich dabei nicht ausklammern könne. Im Klartext: sich wie Ödipus sein Grab schaufle. Er ist es aber auch, der ihm dazu die höhere Gelassenheit gibt: «Windhauch, Windhauch, das alles ist Windhauch», zitiert Hirsch aus dem Buch Kohelet.

Zuletzt wird der missglückte Vater«mord» dann als Gnadenakt geadelt: Eisner brauchte doch «jemanden, der ihm half, zwischen seinen beiden Leben eine Verbindung herzustellen». Klement also. Die lustige Idee mit der Hirnblutung wird nun doch wieder tragisch: Sie ist Teil der Rettung einer Freundschaft durch die Auslöschung der Freunde. Am Schluss sind beide, als hätten sie sich nie gekannt; das Blatt ist wieder weiss. Aber wie sagte doch Eisner zu Klement? «Falsch, falsch, mein Freund. Literatur ist Fiktion, nicht Biografie. Jeder Gymnasialabsolvent weiss das.» Eben.

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