Der Kummer von Belgien von Hugo Claus, 2008, Klett-CottaDer Kummer von Belgien.
Roman von Hugo Claus (2008, Klett-Cotta - Übertragung
Waltraud Hüsmert).
Besprechung von C. Borries für Amazon.de, 8.03.2008:

Satire, Komik und geschichtsträchtige Reise in das Belgien der dreißiger Jahre

Der kleine, rotzfreche Louis Seynaves gibt den Helden einer Geschichte, die zwischen und nach den beiden großen Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts angesiedelt ist. Der Junge kommt aus dem flämischen Walle.

Louis lebt zeitweise in einem katholischen Internat, wo er mit seinen engsten Freunden den Geheimzirkel der Apostel gebildet hat. Es wird gebetet, gefürchtet und es werden Dummheiten ausgeheckt. Louis hat enge und weniger treue Freunde. 
Durch die naiven kindlichen Augen von Louis betrachtet man den katholischen Orden der Schwestern und liest über ihre Charaktere. Besuch kommt nur selten, aber Großvater und Vater kommen gelegentlich. Was ist mit Louis Mutter? 
Man kann sich vorstellen, wie ein Junge von ca. elf Jahren verwundert den Erzählungen der Erwachsenen lauscht, die von Unfällen der Mutter und Ähnlichem berichten. Nichts davon ist wahr. Die Mutter bekommt ein Kind! 
Louis ist nicht gerade beigeistert über die Aussichten mit einem neuen Geschwisterkind.

Als er wieder zu Hause lebt, drehen sich die Geschichten um den Alltag. Wer mit wem Freund oder Feind ist; was es mit den Faschisten auf sich hat und sonderliche Einzelheiten der Stadtgeschichte werden thematisiert. Skurrile Verwandte tauchen auf, und ländliche Eindrücke bei Tanten, Onkeln und Großmüttern illustrieren das damalige Leben. Louis verbringt seine Ferien bei den Verwandten, während sich die Mutter jenseits der Alpen von einer Totgeburt erholt. 
Louis wächst heran, bleibt neugierig und aufgeschlossen gegenüber allem Neuen und erfährt spät vom Tod seines liebsten Freundes. Alles überdauernd wirft der Katholizismus seine Schatten über das Leben der Bürger.

Der Autor erzählt eine breit aufgefächerte, humorige und wahre Geschichte. Darin erlebt man das ganz alltägliche Leben in einer flämischen Kleinstadt, während sich das kommende Unheil des Faschismus über Europa legt. Bemerkenswert ist die ausufernde Beobachtungsgabe, mit der über Charakteristiken sowohl der Menschen, der Lebenswirklichkeit, der alltäglichen Ereignisse als auch der inneren Wahrnehmung eines Jungen fabuliert wird. Der Tratsch am Küchentisch und die Hierarchien in der Familie werden mit vielen Details abwechslungsreich und abenteuerlich geschildert. Der Großvater, auch Pate genannt, gibt den Ton an. In der Druckerei des Vaters gibt es schummerige Winkel, von deren Ecken aus man die Erwachsenen belauschen kann. 
Die Bubenstreiche im Internat, Schelmengeschichten und das magische Bewusstsein, mit dem sich Jungs kurz vor der Pubertät der Welt der Erwachsenen nähern, machen das Buch zu einer anziehenden Lektüre, von der man trotz epischer Breite nicht lassen möchte. 
Das epochale Werk von Hugo Claus ist einfallsreich, von trockener Komik, geschichtsträchtig und humorvoll. Atmosphärisch einprägsam und mit Empathie entführt uns der Roman in die Welt einer fernen Vergangenheit. 
Satirisches Zeitgemälde, Schelmenroman, Familiensaga und Parabel auf die Alltäglichkeiten des Faschismus vereint der Roman in sich.

Hugo Claus ist ein namhafter belgischer Autor, der sich mit diesem Roman seinen sicheren Platz auf der Liste der besten Autoren der Weltliteratur gesichert hat.

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