Der Krieg und die Liebe.
Roman von Atiq Rahimi (2003, Claassen - Übertragung Susanne Baghestani).
Besprechung von Carsten Hueck in Neue Züricher Zeitung vom 09.07.2003:

Nachtwandler in der Geschichte Afghanistans
Der Schriftsteller Atiq Rahimi und sein neuer Roman

Afghanistan ist ein extremes Land. Putsch, Invasion, Krieg, Unterdrückung und Zerstörung - seit bald dreissig Jahren dominiert Gewalt das Leben der Bevölkerung. Die junge Generation kennt buntes, lebendiges Kultur- und Gesellschaftsleben bestenfalls aus Erzählungen. «Die Mentalität, der Mut, der Esprit, alles ist zerstört worden», klagt der Autor Atiq Rahimi. Mit Hilfe des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy versucht der 41-Jährige in Kabul ein Schriftstellerzentrum aufzubauen. «Schulen und Krankenhäuser brauchen wir für Geist und Körper. Aber um unsere Seele wiederzufinden, brauchen wir mehr Poesie.»

In Rahimis wohlhabendem Elternhaus war es üblich, Gedichte und Lieder zu rezitieren, es gab John Steinbeck und Virginia Woolf zu lesen. Der Vater machte ihn mit den Werken Victor Hugos bekannt, Rahimi besuchte in Kabul die französische Schule. Er erlebte seine Heimat noch als Ort emanzipierter Frauen, cineastischer und philosophischer Diskussionen, des freundlichen, zivilisierten Islams. Aber nach dem Sturz der Monarchie 1973 und dem Staatsstreich von 1978 war die afghanische Elite ermordet oder exiliert. Die Rote Armee besetzte das Land. Rahimi gerät als Literaturstudent in Konflikt mit der Zensur. Albert Camus, über den er einen Vortrag hält, wird als «imperialistischer Schriftsteller» verboten. Als er Militärdienst leisten soll, flieht Rahimi 1984 über verschneite Pässe und verminte Wege nach Pakistan. Doch auch dort, im Kreise von Islamisten und Mujahedin, fühlt er sich fremd. Er beantragt in der französischen Botschaft Asyl und zieht nach Paris. Mit der Kultur des Totalitarismus habe er nichts gemeinsam, sagt er heute. Er sei «kein politischer, sondern ein kultureller Flüchtling» gewesen.

Afghanistan, das wüste Land

Nach einem Studium an der Sorbonne und Arbeit als Dokumentarfilmer schreibt Rahimi 1996 seinen ersten Roman. Sein Bruder war in Afghanistan ermordet worden, die Taliban errichteten gerade ihren Gottesstaat. «Ich musste mich mit der Gewalt in meinem Land auseinandersetzen. Wieder war es eine Invasion Afghanistans, aber eine noch gefährlichere als die der Sowjets. Denn die Taliban kamen mit der Waffe der Religion, und die Welt liess Afghanistan allein.»

«Erde und Asche» beschreibt die Reise eines Grossvaters und seines Enkels durch afghanisches waste land. Der kleine Bub ist seit dem Bombardement seines Heimatdorfes taub. Weil er nichts hören kann, glaubt er, die Soldaten hätten dem Grossvater, den knirschenden Steinen und fahrenden Autos die Stimmen geraubt.

Rahimis Roman ist Trauerarbeit. Seine Figuren symbolisieren den Zustand der zerrissenen Heimat: Afghanistans schmerzhafte Vergangenheit in Gestalt des Grossvaters wird unterdrückt, sein Sohn, die Gegenwart, verraten, der Enkel, die Zukunft, ist taub. Mit knappen Worten benennt der Autor Kriegsschäden im Inneren der Menschen, findet klare Bilder für ihren stummen Schmerz. Ihr Zustand spiegelt sich matt in der leblosen Landschaft: ausgetrocknete Flüsse, dornige Hügel, staubige Weite.

2000 erscheint «Erde und Asche» erst in französischer, 2001 in deutscher Übersetzung. Ein Buch über Gewalt und Vergeltung, das auch arabisch-persische Dichtung des elften bis dreizehnten Jahrhunderts zitiert. Atiq Rahimi stellt sich bewusst in deren Tradition. Er bezieht sich auf das persische Nationalepos «Schahnama», im deutschen Sprachraum durch Görres' und Rückerts Übersetzung als «Buch der Könige» bekannt. Sein Schöpfer, der Dichter Firdausi, verkörpert in Rahimis Sicht die muslimisch-mystische Kultur. Ihr fühlt sich der Autor zugehörig. «Bis zum siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert beruhte der persische Islam auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf Angst vor Gott, sondern auf Liebe zu Gott. Es gab eine Offenheit allem gegenüber. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein sprach; Firdausi, Khayyam, Rumi und Nizami, das sind meine Autoren», schwärmt Rahimi.

Um Frauen und Wein geht es auch in seinem neuen Roman «Der Krieg und die Liebe». Rahimi spielt darin auf ein weiteres Meisterwerk persischer Literatur an, das romantische Versepos «Chosrou und Schirin». Farhad heisst dort ein Baumeister, der aus Liebe zur Königin Schirin wahnsinnig wird; Rahimis Hauptfigur trägt denselben Namen. Farhad ist Student, auch er befindet sich in einem Zustand der Umnachtung. Er hört fremde Stimmen, hat Visionen, wähnt sich - wie Joseph in der 12. Sure des Korans - «in die Tiefe des Brunnens» geworfen. Ihm ist übel, er kann nicht sehen, nicht sprechen. Er kommt zu dem Schluss: «Ich bin tot. Ich merke es am schlammigen Geruch. Ich bin unter den Tritten zweier Soldaten gestorben.» Das erschütterte Bewusstsein des Ich-Erzählers ist nicht in der Lage, Albtraum von Realität, Vergangenheit von Gegenwart zu unterscheiden.

Behutsam entfaltet Rahimi das Muster des Romans, in dem er zwei gegenläufige Erzählfäden verknüpft. Farhads Bewusstseinsdämmerung, Erinnerungen und Phantasmen kontrapunktieren die retrospektive, sachliche Schilderung der vorausgegangenen, äusseren Ereignisse.

Ort der Handlung ist Kabul zur Zeit der sowjetischen Besatzung: Auf dem Rückweg von einer Sauftour ist Farhad von einer nächtlichen Patrouille aufgegriffen und zusammengeschlagen worden. Eine junge Frau schleppt den Ohnmächtigen aus einem Strassengraben in ihr Haus. Er deliriert, benommen von Alkohol, Schmerzen und Angst. Durch die Pflege der Frau kommt er zu sich. Es entsteht eine Nähe zwischen den beiden, wie sie Farhad nie gegenüber einer Frau empfunden hat. Aber ihr Haus, anfangs Schutz- und Hoffnungsraum, entpuppt sich als Unort. Die Frau lebt, von ihrer Familie verstossen, mit dem «Schattenmann» zusammen, ihrem jüngeren Bruder, der im Gefängnis irre geworden ist. In einer surrealen Szene, der eindrucksvollsten des Buches, säugt sie ihn. Dann ist da noch ihr kleiner Sohn, der Farhad für ein «Traumgeschöpf», seinen ermordeten Vater hält. Draussen Willkür und Soldaten, drinnen Leid und Zerbrochene.

Das Buch eines Nachtwandlers

Atiq Rahimi deutet die Möglichkeit einer Liebesbeziehung an, ein Happy End verwehrt er seinen Figuren. Farhad gelingt, in einen Teppich eingerollt, die Flucht ins benachbarte Pakistan. Hinter der Grenze, in einer Moschee, glaubt er sich gerettet. Doch plötzlich wird ihm wieder schwarz vor Augen, er hört den Ruf von Soldaten. Das Ende des Romans mündet in den Anfang. Rahimi lässt offen, ob Rettung, Flucht und die Frau nur Bilder waren, die Farhads Agonie produziert hat... Fortsetzung

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