Der Krapfen auf dem Sims.
Kolumnen von Max Goldt (2001, Alexander Fest).
Besprechung von Dirk Fuhrig in der Frankfurter Rundschau, 24.01.2001:

Die Bedeutung der Kurzwahltaste
Kolumnen-Großmeister Max Goldt auf der Höhe seiner Kunst

Bücher von Max Goldt sind wie Bücher von Max Goldt. Stilvoll und stilsicher, voller geschliffener Formulierungen, brillanter Einfälle, eleganter Satzkonstruktionen. Die Titel seiner Bände neigen oft zur Manieriertheit, man denke an Ungeduscht, geduzt und ausgebuht, an Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau oder Die Unfähigkeit zu frühstücken, letzteres eine frühe Schallplatte des nicht nur Schreibers und Hörspielautors, sondern auch des Musikers Max Goldt ("Foyer des Arts"). Schön war Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine, nicht ganz so glatt geht der Name der neuen Veröffentlichung über die Lippen: Der Krapfen auf dem Sims.

Bücher von Max Goldt sind wie Bücher von Max Goldt, auch weil sie stets eine Ansammlung von Glossen sind, in der Regel Zweitverwertung von Zeitschriftenkolumnen. So auch diesmal: Die in dem Band gedruckten Geschichten waren innerhalb der vergangenen zwei Jahre in der "Titanic", in "Der Rabe" und im Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung erschienen. Normalerweise ist das ohne Bedeutung, da ohnehin nur wenige Menschen diese Publikationen lesen - oder? Der schon rituelle - und natürlich der Wahrheit geschuldete - Hinweis darauf im Buch erweckt jedoch stets den Eindruck, man dürfe nun endlich an etwas teilhaben, was bislang nur einem überschaubaren Kreis von Eingeweihten vorbehalten war.

Dabei liegen die Zeiten, als Max Goldt ein Geheimtipp war, lange zurück. Mittlerweile erscheinen Bücher von ihm im Jahresrhythmus oder sogar noch häufiger. Wenn Max Goldt seine Feuilletons selbst vorträgt, gewinnen sie noch an Farben- und Nuancenreichtum. Er ist ein geschmeidiger Vorleser, der jedes seiner bereits beim Schreiben so wohl gewählten Worte noch einmal neu zu wiegen scheint. Doch trotz des immensen Erfolgs umweht Goldts Texte noch immer etwas Elitäres. Einerseits ist es ihm bislang gelungen, sich der medialen Verwertungsmaschinerie weitgehend zu entziehen; er tritt nicht in Talkshows auf, gab bis vor kurzem kaum Interviews, ließ sich als Autor, von den Lesungen natürlich abgesehen, in der Öffentlichkeit nicht blicken. Andererseits sind seine Sätze stets so fein komponiert, schwanken die Formulierungen derart zwischen höchster Präzision und einer an Einfalt grenzenden Schlichtheit, setzt sich die Ironie, mit der er dem Alltag begegnet, so altmodisch graziös zwischen die Zeilen, dass es tatsächlich verblüffend ist, wie sehr sich diese so vordergründig-hintersinnige Prosa einem breiten Publikum erschlossen hat.

Möglicherweise liegt es daran, dass Goldt im allgemeinen als Satiriker gilt. Die Grenzen zwischen klugem Spott und Spaßmacherei mögen manchmal fließend sein - Max Goldt vereint die Höhen des Literarischen mit den Trivialitäten der Comedy jedenfalls so perfekt wie kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller.

Sein subtiles Heranschleichen an den Zeitgeist lässt sich auch nun wieder mit großem Vergnügen verfolgen. Wie viele Glossen sind schon über die Freuden der Telekommunikation geschrieben worden, Max Goldt findet immer noch eine ungewöhnliche Wendung, um sich diesem Phänomen zu nähern. "Bin ich Dir denn nicht mal eine Kurzwahltaste wert?" lässt er verzweifelte Freunde fragen, die den Grad der Zuneigung in dieser Medienepoche am jeweils zugestanden Speicherplatz messen. Mit "Manch einer empfindet Unsicherheit beim Grüßen" leitet er einen Abschnitt über die Form der Anrede ein - "Hallöchen", "Ein wunderschönes Wochenende!" - , die in eine kleine soziologische Abhandlung über "bodenständige" versus "gebildete" Menschen mündet.

Auf welcher Seite sich Max Goldt sieht, steht natürlich außer Frage. Die bildungsbürgerliche Überheblichkeit kann er sich jedoch durchaus leisten. Sein transparenter Stil vermeidet streng jeden Schwulst und weist damit auf eben den Schwulst hin, der Tag für Tag in den Zeitungen, im Fernsehen, aber auch in vielen Büchern produziert wird. Die Haltung macht den Menschen, gleich ob er sich einem Thema wie "Schulen nicht unbedingt ans Netz", Rolltreppen-Irritationen oder dem ICE-Trassen-Bau zuwendet.

Die Sujets an sich sind nicht so wichtig, ebenso wenig der Titel des neuen Sammel-Bands. Der Krapfen auf dem Sims jedenfalls zeigt den Kolumnen-Großmeister auf der Höhe seiner Kunst. Als Dreingabe gibt es ein paar schreckliche Foto-Aufnahmen, denn schließlich ist Goldt auch "ein begabter und leidenschaftlicher Hobbyfotograf", wie der Klappentext rühmend verheißt. Eine Formulierung, so Glossen-reif, dass sie auch von Max Goldt selbst stammen könnte.

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