Der König verneigt sich und tötet von Herta Müller, 2003, HanserDer König verneigt sich und tötet.
Roman von Herta Müller (2003, Hanser).
Besprechung von Sibylle Cramer in der Frankfurter Rundschau, 22.10.2003:

Gegen den lexikalischen Sinn getauft
Die Angst des Kindes vor den Wortklumpen: Herta Müllers nicht mehr biographische Autobiographie

Das Verhältnis von Leben und Kunst ist komplizierter als der autobiographische Historismus glauben machen will, dessen Mustertext Dichtung und Wahrheit bis in unsere Tage geblieben ist. Das Selbstbild Goethes zeigt ja nicht den Autor, sondern das Bild, das der sich selbst historisch gewordene Weimarer Klassiker von seiner Person entwirft. Es ist die Identität von Autor, Erzähler und Protagonist, die seine Erinnerungen in einen personalen Roman verwandeln.

Zu den Schriftstellern, die den fixen Standort autobiographischen Erzählens zuallererst aufgaben, gehört Walter Benjamin. Benjamin mobilisiert die Erzählperspektive. Der chronikalische Lebensrückblick wird durch ein Korpus fragmentarischer Denkbilder ersetzt, die Kindheitsaugenblicke rekonstruieren. Beim Übergang des Denkbildes von der Anschauung zur Reflexion ordnet sich das Gedächtnismaterial einem übergreifenden Reflexionszusammenhang zu, der den konkret-haptischen Ding- und Wortbildern des Kindes gilt, seiner Sprache und Vorstellungswelt. In der Blickbegegnung mit der fernen Liliputgestalt kommt er einem archaischen Ichzustand des Menschen auf die Spur, der in die magisch-animistische Frühgeschichte der Gattung zurückweist.

Herta Müller ist sicherlich weit davon entfernt, sich mit Benjamin auseinanderzusetzen. Und doch besteht kein Zweifel, dass die Berliner Kindheit um Neunzehnhundert nun ein Echo in Aufzeichnungen findet, die in den Collagespielen des kleinen Mädchens im rumänischen Nitzkydorf ihren Ursprung haben.

Das multiple, variative Verfahren, das sie aus dem eigenen Collagewerk übernimmt, ermöglicht ihr, das Schreiben selbst in den Blick zu rücken. Die Analyse des kindlichen Sprachverhaltens wird mit dem der erwachsenen Schriftstellerin so verflochten, dass der Mechanismus in den Blick gerät, der das Schreiben in immerwährender Bewegung hält. Die Fäden, die im Fluss des erinnernden Erzählens und der begleitenden Meditation hin- und herlaufen zwischen Kindheit, erwachsenem Leben und Werk, werfen ein Licht auf die Energiequellen und Kraftlinien ihrer poetischen Sprache. Es kommt ein Glossar zum symbolischen, metaphorischen und semantischen Vokabular des Werks zustande, das einzelne Beispiele herausgreift, Wortfelder, Sprachakte, Kommunikationssituationen, um die poetische Symbol- und Übersetzungsarbeit zu zeigen, die von der Kindheitssprache direkt zur Poesie führen. Im Zusammenspiel der analogen Texte entsteht eine Art strukturaler Autobiographie.

Sie beginnt mit einem Blick auf das bäuerliche Leben, in das sie hineinwuchs. Es ist eine schweigsame dörfliche Arbeitswelt, deren Sprache konkretistisch ist, dinglich, handgreiflich, ohne Spielräume zwischen Wort und Gegenstand. Sprache steht hier immer im Verdacht, die Wirklichkeit unnütz zu verdoppeln. Die sprichwörtliche Rede zeigt eine innerlichkeitsabgewandte Bewusstseinswelt, die Gefühlsnöten mit Arbeitsschüben begegnet. Das Kind, das einsam, missverstehend das Realitätsprinzip noch nicht verinnerlicht hat, ist seiner Einbildungskraft, den Schrecken bei der Entdeckung des Niemandslandes zwischen Wort und Ding hilflos ausgeliefert. Es sucht Beistand in stabilen Gegenständen, dem Aprikosenbaum etwa, der auf dem Weg zum Laden steht und sie ins erwachsene Schriftstellerleben begleitet. Der Baum wie das "Herztier" gehört zu einer eigensinnigen, quer zur Erwachsenensphäre erzeugten Bedeutungswelt, die eine auratische Subjekthaftigkeit gewinnt.

"Der König verneigt" sich heißt der titelgebende Erzählessay, der mitten in die Vorstellungswelt des Kindes und geradewegs wieder aus ihr heraus zu einem Collagetext der Autorin führt. Es handelt sich um die Worte König, Friseur, Haar und Leben, die das Kind gegen ihren lexikalischen Sinn tauft. Der König verbindet sich mit der Gestalt eines Kompaniefriseurs, dem der Großvater während seiner Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg zum Dank für seine Hilfe die sieben Schachfiguren schnitzt, die dem leidenschaftlichen Spieler verloren gegangen sind. Aus der Vergangenheit des Großvaters wandern sie in die Gegenwart des Kindes, das der Großvater zu seinem allwöchentlichen Schachspiel mit dem ungarischen Schwager im Nachbardorf mitnimmt.

In der Werkstatt des Schreiners stehen Kinderwagen neben Särgen, eine Dingwelt zwischen Leben und Tod, die das Kind nicht ängstigt, weil sie "beim Anfassen still" halten und eine "ruhige Bestimmtheit" haben. Wie sich dieses "Material" in "Personal" verwandelt, wie der Begriffsknäuel Friseur, Schachkönig und Leben sich auf der Heimfahrt mit den Wetterhähnen verbindet, die sich im Luftzug des fahrenden Zuges drehen, und wie über das Verbindungsglied Wetterhahn und Kamm der König sich mit den Hühnern vermischt, die das Kind regelmäßig schlachten muss, das ist eines der Beispiele, die vom Kind direkt zu den Collagen führen.

Wenn in einem anderen Text die Grenzen des Sprechens bestimmt werden, das Schweigen, ja die Unmöglichkeit der Kommunikation, so verwandelt sich der Blick ins gewesene Leben endgültig in einen lebendigen, auf das Jetzt, den Schreibaugenblick gerichteten Akt der Selbsterkenntnis. Es kommt zum Stelldichein der Autorin mit sich selbst und der Gegenwart, in der sie lebt, und zur Ähnlichkeit und Unähnlichkeit mit sich selbst als beschriebener Gestalt. Die Gegenständlichkeit ihrer Denk- und Vorstellungswelt nimmt die 15-Jährige in die Stadt mit, in die sie wechselt, um das Gymnasium zu besuchen. Der König des Schachspiels wandelt sich nun zur Fratze der Macht.

Die Ohnmacht des Kindes erneuert sich unter dem Druck des totalitären Staates, der die Erwachsene und ihre Freunde auf Schritt und Tritt überwacht, bedroht und mit einer nicht abreißenden Folge von Verhören terrorisiert. Die Alternative Reden oder Schweigen rückt in metaphorische Nähe zu Verfolgung, Widerstand und Verrat. Den elementaren Lebensdurst, den Überlebenswillen inmitten von Grauen, Angst und Verzweiflung fasst sie in den Begriff "Herztier" und tritt damit in direkten Dialog mit dem vom KGB verfolgten russischen Dichter, der vom zärtlichen wilden verbotenen Leben und dem Leben in der Literatur als einem "Tier" sprach; und vom "Jahrhundert der Wölfe", zu dessen Opfern er gehörte: Ossip Mandelstam, der 1938 in der Baracke 11 des sibirischen Durchgangslagers Wtoraja Retschka starb.

Der Akt autobiographischer Wahrheitsfindung und Selbsterkenntnis verwandelt sich in ein sprachanalytisches Kunstwerk, das in eine Welt hinter den Wörtern führt, wo das Lexikon weitergeschrieben wird, ohne es je komplettieren zu können, und die Literatur in ihrer Bedeutung als unendliches Differenzierungswerk zum Vorschein kommt, das schmiegsamer als die Begriffe die Erscheinungswelt erfasst. Als Quersumme der einzelnen, durch ihre Gegenüberstellung sich spiegelnden Wörtererzählungen ergibt sich eine auf das eigene Werk bezogene ethnologische Studie, die ein Lebensgeheimnis enthüllt: die existentielle Angst des Kindes und der von der Diktatur Verfolgten vor der Elastizität, der tendenziellen Unzucht und dem repressiven Lärm der Wörter.

"Bei uns in Deutschland" lautet der ironische Titel des vorletzten Textes, der dem heimischen Ausland gilt, dem prinzipiell fremden Blick auf die eigene Lebenswelt. Es sind alltägliche Gesprächsbegegnungen mit Blumenverkäuferinnen, Apothekern, Drogisten, Bäckern, der deutschen Öffentlichkeit und Politik, die die Rede von der Integration als illusionäres Wunschdenken entlarven. Den Literaturkritikern (zu denen ich gehört habe), die von der Literatur immer noch geschichtliche Repräsentation, den zeitgeschichtlichen Spiegel verlangen, setzt sie entgegen: "Je mehr Augen ich für Deutschland habe, umso mehr verknüpft sich das Jetzige mit der Vergangenheit."

"Das Kriterium der Qualität eines Textes ist für mich immer dieses eine gewesen: kommt es zum stummen Irrlauf im Kopf oder nicht. Jeder gute Satz mündet im Kopf dorthin, wo das, was er auslöst, anders mit sich spricht als in Worten. Und wenn ich sage, dass mich Bücher verändert haben, dann aus diesem Grund." Wenn sie hier angekommen ist, im summierenden Vorwort, hat sich die synthetische Erzähltechnik längst in den Ausgangspunkt auch einer linear fortschreitenden Erzählung verwandelt, die den Weg der Autorin aus der als Totenwelt erinnerten Dorfwelt bis nach Berlin nachzeichnet. Es ist eine Reise aus einem inneren Ausland in ein inneres Ausland.

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