Der Koch von Martin Suter, 2010, Diogenes1.) - 3.)

Der Koch.
Roman von Martin Suter (2010, Diogenes).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 21.1.2010:

"Der Koch" - kräftig nachgewürztes Weltgeschehen

Im Roman „Der Koch“ würzt Martin Suter das Weltgeschehen kräftig nach. Der Schweizer Schriftsteller träumt den letzten großen Traum der Menschheit: Er erfindet ein Aphrodisiakum, das wirkt - immer und sofort.

Wer die Welt zu einem besseren Ort machen wollte, der würde die Kriege abschaffen und die Krise, klar, würde Toleranz fordern und Familie fördern. Alle diese Themen reißt der Schweizer Schriftsteller Martin Suter an, recht eigentlich aber träumt den letzten großen Traum der Menschheit: Er erfindet ein Aphrodisiakum, das wirkt - immer und sofort.

Der Plot: Maravan, ein tamilischer Küchengehilfe in Zürichs Sternegastronomie, verfeinert ayurvedische Kochkunst mit molekularen Methoden, und betört durch „Minichapatis mit Curryblätter-Zimt-Kokosöl-Essenz” sogar Kellnerin Andrea – obwohl diese doch Frauen liebt. Zwar scheitern Maravans Heiratspläne ob dieser ärgerlichen Verirrung, doch gründet das ungleiche Paar den Catering-Service „Love Food”. Damit findet sich Maravan, der an Ehre und Moral glaubt, unversehens wieder im Sündenpfuhl der Außerehelichkeit – sowie der Finanzjonglage und Waffenschieberei.

Krieg, Krise und Korruption, Moral und Macht - wie gewohnt verbindet der Kosmopolit Suter, der mit seiner Familie in Zürich, auf Ibiza und in Guatemala lebt, aktuelle Themen mit einer rasanten Handlung, die über manche Oberflächlichkeit beinahe unbemerkt hinwegsaust. Das Beste: Am Ende des Romans hat man so richtig Lust – die Rezepte im Anhang einmal nachzukochen.

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Der Koch von Martin Suter, 2010, Diogenes2.)

Der Koch.
Roman von Martin Suter (2010, Diogenes).
Besprechung von Monika Willer in der WESTFALENPOST vom 25.1.2010:

Martin Suter und die Unbelehrbaren
Martin Suter ist Hobbykoch und hat in rund 800 Kolumnen mit der „Business Class” aufgeräumt.

Der 61-jährige Schweizer gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern. In seinem neuen Roman „Der Koch” geht es um die molekulare Küche, um die Finanzkrise, die Unbelehrbaren und vor allem um jene Leute, die auch in der sauberen Schweiz die Drecksarbeit machen müssen.

Erotische Menüs 

Zum Beispiel Maravan.Der 33-jährige tamilische Asylant arbeitet als Hilfskraft in einem Züricher Edelrestaurant. Er muss sich von jedem schikanieren lassen, keiner weiß, dass er ein begnadeter Koch ist, der von seiner Großmutter unter anderem in die Geheimnisse der aphrodisischen Küche eingeweiht wurde. In seiner Wohnung erfindet Maravan all jene Rezepte, die er im Lokal nicht kochen darf, weil niemand einem Asylanten eine Chance geben will. Als er gefeuert wird, tut er sich mit seiner Kollegin Andrea zusammen, die einen Cateringservice für erotische Menüs gründet.

Martin Suter lässt auch in diesem Roman wieder Personal auftreten, das wir alle kennen und verabscheuen: Spesenritter, die sich mit Waffengeschäften durch die Finanzkrise mogeln. Doch hinter den Kulissen der reichen Fassaden versuchen die Asylanten und Ausgegrenzten, ein Lebensglück zu finden. Das ist nicht einfach, denn Maravan etwa muss sich um seine Familie im bürgerkriegsgeplagten Sri Lanka sorgen.

Geschliffener Stil

Suters Stil ist geschliffen. Präzise, elegant und gelegentlich verletzend deckt er die kleinen und größeren Schweinereien auf, ohne die die kapitalistische Maschinerie nicht im Sinne des Wortes wie geschmiert laufen könnte. Das Finale ist ein echter Suter, voller bösem Witz und listiger Überraschungen. Das Herz des Autors gehört denjenigen seiner Protagonisten, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden.

Apropos Löffel: Das Buch wartet mit Rezepten aus der molekularen Küche auf, zum Beispiel „Süß-pikante Kardamom-Zimt-Ghee-Sphären” und dabei hat sich der Schweizer Autor von dem Dortmunder Molekular-Koch Heiko Antoniewicz beraten lassen.

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Der Koch von Martin Suter, 2010, Diogenes3.)

Der Koch.
Roman von Martin Suter (2010, Diogenes).
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2010:

Wenn man unsere Gesellschaft einmal den Nachfahren beschreiben sollte, dann reden wir am besten von einer Koch-Gesellschaft. An manchen Tagen scheint alles in der Wohnanlage zu kochen, auf den Flachbildschirmen lösen sich Rezepturen mit Starkochgesichtern ab und zwischendurch feiert man auf einem Kanal einen Abspeckler, der soeben eine Tonne Gewicht verloren hat und jetzt reif ist für die neue Koch-Gesellschaft, die vor allem eines ist, easy, oberflächlich, verbal ausufernd.

Martin Suter vereinigt in seinem Roman "Der Koch" zwei scheinbar nicht zusammenpassende Welten: Die snobistische Küche für Schweizer Geld-Bonzen und den Kosmos tamilischer Widerstandskämpfer.

Was wie ein Dutzendschicksal beginnt, zeigt aber bald, dass diese neue Koch-Welle nichts anderes ist als ein Bankgeschäft mit anderen Währungen. Statt Zinsen gibt es Gewürze, statt Börsenkurse Frischhaltedaten von Gemüse und statt einer Gewinnausschüttung einen Hormonschub zwischen Suppe und Hauptgericht.

Der tamilische Asylwerber Maravan arbeitet als Boy für alles in der Küche eines Zürcher Nobelrestaurants. Obwohl er eigentlich der beste Koch wäre, schält er in der Hauptsache Gemüse oder sortiert die Teller in der Spülanlage. Eine aufregende Frau ist momentan im Service beschäftigt, alle sind hinter ihr her, aber sie lässt sich aus einer Laune heraus eines Abends privat von Maravan einkochen. Maravan entwendet wertvolle Küchengeräte und kocht ein erotisches Menü, das die coole Lady umhaut. Am nächsten Tag beneiden ihn alle um das Erlebnis, aber er wird gekündigt, weil er ja ungefragt die Küchengeräte ausgeborgt hat.

Die erotische Kraft des Menüs lässt der Frau keine Ruhe, Andrea und Maravan gründen Love Food. Immer betuchtere Typen bedienen sich der Verführungskunst dieser Menüs und langsam verschmelzen Finanzwelt und tamilischer Widerstand.

Denn längst ist die Tamilen-Mafia hinter Maravan her und verlangt unverschämte Schutzgelder. Die Banker und Waffenschieber hingegen hocken an Marvins Tellern und lassen sich geil werden, wenn sie ordentlich Waffen geschoben haben. So kann es durchaus passieren, dass ein in den Widerstand verschobener Panzer mit einem erregenden Menü hormonell begossen wird.

Rückschläge und Offensivstrategien lösen einander auch bei Love Food ab. Die beteiligten Akteure gehen das sexuelle Fressen mit der gleichen Lust an, wie sie sich durch Konto-Auszüge schlecken oder sich an der Börse einen runterholen.

Martin Suter schreibt mit dem Koch ein perfekt auf der Gesellschaft sitzendes Stück Perversionsgeschichte. Zwischen den einzelnen Gängen werden die Rituale der Highsociety entlarvt, gleichzeitig entströmt den Menüs ein Stück tamilischer Kulturgeschichte, wie wir sie in keiner Kriegsberichterstattung wiederfinden. Obligates Ende: Die diversen erotischen Menüs Marvins sind für den Eigengebrauch (Selbstbefriedigung?) der Leserschaft als Rezepte abgedruckt.

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