Der Knall
Buch von Klaus Theweleit (2002)
Besprechung von Käthe Trettin in der Frankfurter Rundschau, 9.10.2002:

Der Super-Kommentator
Klaus Theweleit stellt sein neues Buch "Der Knall" vor

Warten auf Theweleit. Zugleich Buchmessenempfang des Stroemfeld Verlags im Kino Mal Seh'n. KD Wolff, mit Stars-and-Stripes-Krawatte, kredenzte Champagner und lud zu amerikanischen Brownies und afghanischem Falafel. Dann war Theweleit da. Alles drängte in den Kinosaal.

Die Lesung aus dem neuen Buch Der Knall: 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell begann tatsächlich mit einem Knaller. Vorgeführt wurde ein Video-Clip von CNN, ausgestrahlt fünf Tage nach dem 11. September, in dem der Crash des World Trade Centers in eine Serie von NewYork-Stimmungsbildern hineinmontiert und das Ganze mit dem Song New York der Band U 2 unterlegt ist. Originalton Theweleit: Was passiert da, wenn die CNN Redakteure die noch ganz frische Katastrophe für eine Music-Clip-Befeuerung nutzen? Ästhetisierung des Schreckens? Mit einer Geste des Trotzdem-Weitermachens?

Befeuert war offenbar auch Theweleit selbst gewesen, nämlich zum Schreiben des Knall-Buches. Schließlich gibt es, nachdem fast alles schon geschrieben wurde, immer noch eine Meta-Ebene, die Analyse des Kommentierten, die Chance, den Super-Kommentar zu liefern.

Theweleits exegetische Übungen, liest man das Buch still für sich zuhause, sind durchaus erhellend auch für Leute, die sich nicht zu den Berufshermeneutikern oder den Liebhabern dekonstruierender Lektüren rechnen. Aber als öffentliche Lesung ist so etwas ungeeignet. Wer wollte nach dem knalligen CNN-Video wirklich genau wissen, was Georg Seeßlen, Kathrin Röggla oder Susan Sontag damals geschrieben haben und was Theweleit dazu meint? Im halbdunklen Kinosaal entdeckte man als Stehplatzinhaberin neidvoll, wie Sitzplatzinhaber schlicht einschliefen.

Auch das Leitmotiv der Theweleitschen Recherche, das scheinbare Verschwinden der Realität durch mediale Konstruktionen und - frei nach Proust - die verzweifelte Suche nach ihr, konnte die Präsentation nicht retten. Immerhin bot es Stoff für die anschließende Diskussion mit ein paar Unentwegten. Theweleits, im übrigen keineswegs originelle, These, dass man eine Vielfalt von Parallel-Realitäten anerkennen sollte, wurde zu Recht nicht einfach geschluckt. Aber es war Buchmessenempfang, geschluckt wurde noch ein Glas Schampus, und der war zweifellos real.

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