Der kleine Herr Mister von Tobias Hülswitt, 2006, KiWi1.) - 2.)

Der kleine Herr Mister.
Roman von Tobias Hülswitt (2006, Kiepenheuer & Witsch)
Besprechung von Anja Hirsch in der Frankfurter Rundschau, 8.11.2006:

Ein Mephisto namens Mister
Tobias Hülswitt flirtet in seinem Roman über einen Maler ganz reizend mit dem Faust-Stoff

Wie sieht er wohl aus, der Faust von heute? Was müsste er tun, damit sowohl der Teufel als auch Gott - und gegenwärtig schreibende Autoren - auf ihn aufmerksam würden? Offenbar nicht viel. Ein paar Bilder malen, grünen Tee trinken und sich längst damit abgefunden haben, dass es "das Glück" im Leben nicht gibt. Nicht einmal zum Liebäugeln mit dem tödlichen Gift reichte die Energie - der Faust von heute kennt seine Grenzen und hält sich hübsch zurück. Tobias Hülswitt, Jahrgang 1973 und der Leipziger Schriftstellerschmiede längst entwachsen, bringt den klassischen Stoff in seinem dritten Roman durchaus zum Klingen. Aber es bleibt - zum Glück - bei einem sanften Rauschen, allerlei Anspielungen und einer klugen Deutungsscheu. Goethe will er nicht bezwingen - wohl aber eine moderne Parabel vorlegen, angesiedelt vorwiegend im Künstler-Milieu.

Die faustische Natur findet er offenbar dort nicht, eher die etwas müde Variante eines Malers, der sich längst damit abgefunden hat, dass sein Talent auf einer Skala bis 100 bei etwa 13 rangiert. Nicht ungern, aber ohne heißes Bemühen produziert er "Kunst", während seine Freundin Johanna, die ohne Kreativzwang auskommen muss, ihr Glück in einer Meditationsgruppe sucht. Bereits auf den ersten Seiten stößt diesem Maler der Teufel zu wie ein Unfall mit unabsehbaren Folgen - in Form des "kleinen Herrn Misters", einem etwas bösartigen Miniatur-Springinsfeld, der im Traum erscheint und beim Erwachen nicht verschwindet. Wie ein Vertreter für Glück verspricht er Ruhm und Frauen aus einem kleinen Köfferchen. Der ehedem zufriedene Künstler ist plötzlich in der Szene umjubelt, von Frauen begehrt und zunehmend Opfer einer mysteriösen Droge namens "Gott", die ihn anstelle von Farben mit einem "sanft leuchtenden Grau" und dem wunderbaren Gefühl des Nicht-Vorhanden-Seins umgibt, seine Kreativität aber erlahmen lässt.

Und so gerät der Roman gleich zu Beginn in ein kühles Fahrwasser, das der Autor, um seine moderne Subjektverwüstungsgeschichte in die beliebige Sprachgeläufigkeit eines sich selbst entfremdeten Personals kleiden zu können, gleich noch um einige Grad kälter gestaltet als nötig gewesen wäre. Der kleine Herr Mister versammelt die Positionen heutiger Lebensbastler mit einem kleinen Vollständigkeitswahn, und nichts lässt der Roman aus, von der Kunst- und Popmusikszene in der Stadt bis zur ländlich geprägten Aussteigerbiographie und der Esoterikszene im letzten Winkel der Welt.

Auf zur Selbstfindung!

Hülswitt schickt seinen passiven Helden, nachdem ihm Ruhm, Sucht und Entzug im Griff hatten, zur Selbstfindung auf eine abenteuerliche Reise und lässt ihn verwundet im Guru-Camp eintreffen, um Johanna wiederzufinden. Die aber hat sich längst abgewandt von ihrem Freund, der den Pfad der Tugend verlassen hat. Greift man etwas ratlos die vage Faust-Spur wieder auf, bleiben schale Parallelen. Der tiefere Sinn ist auf der Strecke geblieben. Viele Gretchens hat der gedopte Maler wohl auf dem Gewissen, mehrere Male mit drohender Erblindung zu kämpfen und am Schluss nichts in der Hand außer ein paar Krücken. Die Sorge, ach, sie streift ihn kaum mehr.

Vieles, vielleicht zu viel tischt Hülswitt auf, um in schnellen Dialogen und lakonischen Beobachtungen eine Gesellschaft zu schildern, die zwischen Überdrussgefühlen und dazu schwer kompatiblen Glaubensbekenntnissen schwankt. Aus diesem Setting lassen sich zum Teil wunderbar groteske, auch ironische Szenen gewinnen. Doch wirkt die Hauptfigur, aus deren Sicht erzählt wird, zu unbeteiligt, um das Interesse auf Dauer zu halten. Dass diese Emotionslosigkeit der Perspektive rückblickend dem Konzept entspricht, welches raffiniert mit einer magischen Ebene arbeitet, macht die Lektüre nicht leichter.

Und trotzdem hat Hülswitt im Kleinen Herrn Mister ein Thema gefestigt, um dessen Aktualität man nicht zu bangen braucht. Denn immer geht es in seinen Texten auch um die Unwirtlichkeit der nur geborgten Gefühle, um die Zerbrechlichkeit künstlicher Leidenschaften. Dass er nun eine Figur in die Zange nimmt, die dem Kunstbetrieb nicht aus Protest, sondern eher aus Nachlässigkeit entsagte, ist die wahrscheinlichste aller Geschichten und eine zeitgemäße Lesart: Hülswitts Künstlerfigur wird geopfert, aber nicht, weil sie an Grenzen stößt, sondern weil sie sich im Leben eingerichtet hatte wie in einem gemütlichen Wohnzimmer - in Flipflops und Unterhemd. Und so kann man sich den Faust von heute durchaus vorstellen. Etwas mehr Energie hätte ihm aber nicht schlecht gestanden.

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Der kleine Herr Mister von Tobias Hülswitt, 2006, KiWi2.)

Der kleine Herr Mister.
Roman von Tobias Hülswitt (2006, Kiepenheuer & Witsch)
Besprechung von Jörg Plath in der Stuttgarter Zeitung vom 15.11.2006:

Böse, böse... oder nicht?
 
Um den zentralen Einfall seines Romans "Der kleine Herr Mister" kann man Tobias Hülswitt nur beneiden. Er beschert seinem Helden, einem 32-jährigen Maler, ungewöhnlichen Besuch: Ein herrisches Männchen klingelt an seiner Tür, marschiert in das dürftige Atelier, stellt sich als Herr Mister vor und zaubert vor den Maler mit Hilfe einer Knallerbse einen Sparkassenangestellten und eine Frau im Bikini hin - das sei das Glück, sagt er dem erstaunten Künstler, und nur er könne es ihm verschaffen.

Als sein Angebot eines konventionellen Erfolgs mit Geld und Sex lachend ausgeschlagen wird, reagiert Herr Mister sehr ungehalten und verflucht den Undankbaren. Ein schöner Auftakt für einen Künstlerroman, mit dem sich Hülswitt viel vorgenommen hat, geht es doch um Gott und Teufel, das Glück und das Böse, Authentizität und Klischee, Selbsterfindung und Determination.

Dem jungen Maler, der mit seiner bescheidenen Existenz eigentlich zufrieden war, wird ordentlich mitgespielt: Er erlangt erst Berühmtheit und Reichtum und verliert dann die Lust am Malen. Seine langjährige Freundin Johanna verschwindet, ebenso ihre Nachfolgerin, mit der er gern die Droge "das Gott" nahm. Verunsichert und vereinsamt fährt der Maler zu Johanna in ein brandenburgisches Meditationscamp und verliert am Ende den letzten Freund und einen Hund. Der Fluch des kleinen Herrn Mister erfüllt sich.

Um diese Geschichte ist Hülswitt leider viel weniger zu beneiden als um den Anfang. Sein Maler erzählt von all den erstaunlichen Fährnissen brav chronologisch und eher apathisch. Des Öfteren versackt er in dröger Beschreibungsprosa: "Am nächsten Morgen lässt Johanna die Meditation ausfallen und bringt mir das Frühstück ans Bett. Nachdem ich gegessen habe, schlafe ich wieder ein. Als ich aufwache, ist Johanna noch da." Und dann sitzt sie auf dem Sofa, und er duscht, und sie kocht Tee, und beide trinken ihn, und er dreht die Tasse, und so geht das nicht das erste und nicht das letzte Mal über eine halbe Seite hin.
...Fortsetzung

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