Der kleine Bruder von Sven Regener, 2008, EichbornDer kleine Bruder.
Roman von Sven Regener (2008, Eichborn)
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 1.10.2008:

Abschied vom Lehmannismus
Im vermutlich letzten Teil seiner Lehmann−Trilogie entführt uns Sven Regener in ein dornröschenhaft schlafendes Kreuzberg anno 1980

Frank Lehmann nähert sich dem Ziel. Frank Lehmann ist mit seinem Opel−Kadett in Bremen aufgebrochen in Richtung West−Berlin, er durchquert die Transitstrecke, achtet penibel auf die in der DDR geltende Höchstgeschwindigkeit und lässt sich von Wolli nerven, einem Punker, den er von Bremen mitgeschleppt hat und der ihn zum Dank vom Beifahrersitz aus mit Berlin−Wissen volllabert.

»Der ist ziemlich mit den Nerven fertig, dachte Frank, und er selbst, so viel war mal klar, war das inzwischen auch. Neues Leben hin, neues Leben her, dachte er, es sollte nicht mit der Fahrt durch einen langen dunklen Tunnel beginnen. Oder vielleicht doch, dachte er, als in der Ferne die hell strahlende Grenzkontrollstelle auftauchte wie ein frisch gelandetes Raumschiff. Oder vielleicht gerade doch.«

Frank Lehmann hat, bis er Kreuzberg erreicht, noch ein paar Kilometer und ein paar Romanseiten vor sich.

Wir aber, seine Leser, sind bereits angekommen. Angekommen im Lehmannismus. Jener zwischen Flachsinn und Tiefsinn flackernden Bewusstseinswelt buchhalterischer und wortklauberischer Grübeleien, deren Chiffre aus drei Silben besteht: »Dachte er.« In diesen drei Silben steckt Lehmanns literarische DNA. Als Frank Lehmann, Protagonist des von Sven Regener verfassten Bestsellerromans Herr Lehmann im Jahr 2001 auf der Bühne der deutschsprachigen Literatur erschien, schlug er seine Fangemeinde ja nicht mit Taten und Erfindungen in Bann. Sondern eher mit deren ausdrücklicher, gleichsam buddhistischer Vermeidung. Und mit Reflexionen und Maximen wie: »Wer immer zu früh kommt, ist auch unpünktlich.«

Herr Lehmann spielte im end− und ziellosen Wartezustand Ende der achtziger Jahre, genauer gesagt, kurz vor der Maueröffnung, im Kreuzberger Mikrokosmos gemächlichen und abgeschirmten Stillstands. Das Leben, das Frank Lehmann in jenem ersten Lehmann−Roman führte, indem er es tagsüber größtenteils verschlief und nachts als Bierverkäufer hinter der Theke der Kneipe Einfall verbrachte, war von einer Hauptsorge geleitet: dass nicht allzu viel passiert. Herr Lehmann war das Porträt eines äußerlich Ambitionslosen, innerlich mit »dachte er« Beschäftigten und erzählte die Geschichte einer statischen Existenz im Rahmen kleinbürgerlich−bohemehafter BRD−Verhältnisse. Der Roman endete mit dem Fall der Mauer.

In der letzten Szene taumelt Frank Lehmann zwischen kreischenden Ostlern, weinenden Westlern und stinkenden Trabis durch die offene Grenze und befürchtet das Schlimmste für die ruhige Kugel seines Kreuzberger Daseins. Wie es mit Lehmann im wiedervereinigten Deutschland weiterging, steht in den Sternen, wir werden es vermutlich nie erfahren. Denn Herr Lehmann war der erste Teil einer Romantrilogie, die - ungewöhnlich, aber passend zur Kunst des Um−die−Ecke−Denkens des Helden - Frank Lehmanns bisherige Lebensgeschichte rückwärts erzählt, nicht vorwärts.

Vor drei Jahren erschien der zweite Lehmann−Band, Neue Vahr Süd, in dem Lehmanns jugendlicher Werdegang im Bremen der siebziger Jahre erzählt wurde. Dieser Werdegang teilt ein paar Eckdaten mit der Biografie des 47−jährigen Autors Sven Regener, der ebenfalls aus Bremen stammt und sich in den siebziger Jahren, wie Lehmann, durch den ideologischen Dschungel der K−Gruppen kämpfte. Eine Autobiografie oder ein Schlüsselroman ist das Lehmann−Projekt indes schon deshalb nicht, da Regener nicht als Bierverkäufer Karriere machte, sondern als Sänger, Texter, Chef der Band Element of Crime, und außerdem keineswegs ein Mann der ruhigen Kugel ist.

In Neue Vahr Süd verließ Frank Lehmann das Elternhaus, erlitt Liebesleid, wurde zur Bundeswehr eingezogen, entkam ihr durch einen Trick und begann, wiederum am Romanende, eine neue Lebensepoche: Den Umzug nach Berlin im Opel−Kadett, mit dem der dritte Teil der Trilogie nun also beginnt. In der Chronologie des dreiteiligen Epos nimmt der Roman mit dem Titel Der kleine Bruder das erzählerische Mittelstück ein. Er spielt im November 1980. Der Neukreuzberger Lehmann ist folglich exakt neun Jahre von dem Gewohnheitskreuzberger gleichen Namens entfernt, der er in Herr Lehmann sein wird. Das heißt: Auch neun Jahre konsequenten Bierkonsums, was sich durchaus bemerkbar macht.

Denn zu Beginn des neuen Romans, der narrativ mit Lehmanns neuem Leben in Berlin zusammenfällt, erweist der Mann aus Bremen eine erstaunliche Fähigkeit zur Vita activa. Der kleine Bruder umfasst nicht mehr als zwei Nächte und zwei Tage, und in diesen Stunden etabliert sich Frank Lehmann von Grund auf. Er findet einen Freund, den dröhnenden, herzensguten Künstler Karl, der auch neun Jahre später noch sein bester Freund sein, aber leider psychiatriereif durchknallen wird. Er findet seinen zukünftigen Arbeitgeber, den Kneipenbesitzer Erwin Kächele, Inbild des schlauen kleinkapitalistischen Schwaben. Er findet eine Unterkunft, und vor allem findet Frank Lehmann, in einer Art kathartischem Erkenntnisschub, zu seiner beruflichen Leidenschaft, dem Ausschenken von Flaschenbier an Kreuzberger Kneipenkundschaft.

Beherzt reißt Lehmann im Lauf der Romanhandlung die Ereignisse mehrere Male an sich. Als es gelegentlich des Bühnenauftritts eines gewissen »P.Immel« in der »Arsch−Art−Galerie« zu Tumulten unter den Zuschauern kommt, bewahrt Lehmann den Flaschenbiervorrat vor der Anarchie. Kreuzberg 1980 - das war die Zeit der offensiven Hausbesetzer und der heimlichen Hausbesitzer wie Erwin Kächele, die sich nicht anmerken ließen, dass sie welche waren, die Zeit von New Wave, der ersten Bestrebungen der Subkultur in Richtung Hochkultur und der Entwicklung des Milieus zur Sehenswürdigkeit. Frank Lehmann durchschaut das alles schnell. Kaum hat er die Kreuzberger Wohnung betreten, die sich Karl, Erwin Kächele, dessen schwäbische Nichte Chrissie und Franks älterer Bruder Manfred teilen, kapiert er, wie in Kreuzberg der Hase läuft, und wird zum Igel.

Lehmanns erstaunliche Energie ist nur zur Hälfte seiner Unverbrauchtheit gutzuschreiben. Zur anderen Hälfte ist es die Romandramaturgie selbst, die ihn auf Trab bringt. Auffällig früh, schon in den ersten Szenen, legt Regener die Themen auf den Tisch, die er anschließend auf Lehmanns 48stündigem Stationenweg von Kneipe zu Kneipe, vom Griechen zur Dichterlesung und wieder zurück, durchspielt. Da ist zum einen das Thema: Utopismus versus Realismus, es stellt sich nämlich kurz nach Lehmanns Ankunft, im Zuge eines improvisierten Küchenplenums, heraus, dass Erwin Kächele keineswegs gleichberechtigtes WG−Mitglied ist, sondern Besitzer der Wohnung, die er ab sofort zur Errichtung einer Kleinfamilie allein benötigt. Da ist zum anderen, in bester Tradition deutscher Kulturgeschichte, das Brüderthema. Frank Lehmann, der auf Ermunterung seines älteren und immer schon schnittigeren Bruders Manfred nach Berlin gekommen ist, sitzt zwar in dessen Wohnung, nur ist Manfred verschwunden.

Niemand weiß oder will wissen, wo Manfred ist, der im Übrigen in Kreuzberg von allen Freddie genannt wird. Franks Suche nach dem Bruder ist der rote, detektivisch eingefärbte Faden durch die Handlung. Sie besitzt, was Herr Lehmann so wunderbar vermissen ließ, einen Zug ins Stringente. Fast möchte man von literarischer Ambition sprechen. Ein Wort, das sich im Zusammenhang mit Frank Lehmann eigentlich verbietet.

Nur ist bei diesem dritten Teil der Trilogie die Situation für Autor und Leser auch nicht ganz leicht. Sie machen Bekanntschaft mit Leuten, in deren Zukunft sie durch die Kenntnis des ersten Romans gleichsam hineinschauen können. Der kleine Bruder steht folglich unter einem erhöhten Plausibilitätsdruck. Er muss Figuren, Orte, Szenarien so einführen, dass sie sich wie die Buchstaben beim Scrabble sinnvoll zwischen die zwei davor− und dahinterliegenden Teile fügen. Das verleiht dem eingefügten Mittelstück einen Hauch von Mechanik, eine Spur von konstruktionslastiger Planerfüllung; Feinheiten, die indes neben den eigentlichen Attraktionen des Lehmann−Opus kaum ins Gewicht fallen: der staubtrockene Lehmann−Humor, die immer etwas bodenlose Lehmann−Logik, die Diskrepanz zwischen Untertreibung durch äußerste Lakonie und

Zum dritten -  und wohl letzten Mal - führt uns die Lehmannsche Philosophie des Banalen aufs hermeneutische Glatteis kritischer Bewertung. Die Unterscheidung zwischen U− und E−Literatur außer Kraft gesetzt zu haben ist eine der Leistungen Sven Regeners. Hält man seine Romane für nichts anderes als wunderbar blödelnde Unterhaltung, für eine Art Belletristik gewordene Kurt−Krömer−Show, übersieht man ihre Qualitäten als literarische Zeit− und Mentalitätsgeschichte. Mutet man ihnen anderseits komplexe Deutungen zu, gleiten diese spielverderberisch an den Pointen, an den endlos fließenden, kreisenden, sich windenden Dialogen ab. Sie sind, wie gehabt, eindeutig Sven Regeners Stärke.

Man muss dies betonen, denn wie es aussieht, ist mit der Lehmann−Prosa nun Schluss. Ein vierter Lehmann−Band? Frank Lehmann nach 1989 in der Latte−macchiato−Epoche? Schwer vorstellbar. Und was Frank Lehmann in den neun Jahren zwischen 1980 und 1989 in Kreuzberg trieb, das wissen wir nun ja. Er machte für eine kleine Ewigkeit genau da weiter, wo er nach 48 Stunden im Roman Der kleine Bruder angekommen war. Also denn und schweren Herzens: Abschied vom Lehmannismus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1008 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März