Der Klang der Zeit von Richard Powers, 2004, S. FischerDer Klang der Zeit.
Roman von Richard Powers (2004, S. Fischer - Übertragung Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein in der Frankfurter Rundschau, 5.6.2004:

Und über allem die Musik
Glanzleistung: Richard Powers erzählt die Geschichte der Schwarzen Amerikas, der Juden Europas - und die einer gemischten Familie

Vielleicht ist die Zweiteilung zu simpel. Doch in der Literatur gab es schon immer die Konstrukteure und die Erzähler. Während die einen vor allem die formale Herausforderung sahen und sich mit den begrenzten gestalterischen Möglichkeiten der Buchstabenfolgen auseinandersetzten, Romane schrieben, um Ideen zu transportieren und sich selbst in größtmöglicher Ferne zu den Banalitäten der Welt sahen, betrachteten die anderen Scheherazade als ihre Ahnin und erzählten, um ihre Welt nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Große Autoren gibt es auf beiden Seiten, seltener ist die geglückte Mischung. Oft fehlt es den Konstruktivisten an Wärme und den Erzählern an intellektuellem Gewicht. Und beide haben Angst vor dem Schicksal, vor der lähmenden Kraft des Trivialen.

Richard Powers gehört fraglos zu der ersten Gruppe. In seinem erstaunlichen Debüt-Roman von 1985 Three farmers on their way to a dance, der von einer Photografie von August Sander ausgeht um die verschlungenen Wege der Historie zu beschreiben, stecken auf jeder Seite mehr Romanideen als Powers je wird ausarbeiten können. Und genau das war es, was den Physikstudenten und Programmierer zur Literatur brachte. Ein unbegrenztes Feld der Ideen ohne Spezialwissen, frei für die Entfaltung des letzten Universalgelehrten. Und so ist jeder weitere Roman von Richard Powers eine Studie am Kern des Allzumenschlichen. Eine Studie allerdings, die nach Erkenntnissen sucht.

Was verbindet die Goldbergvariationen mit der Doppelhelix der DNA, wie lassen sich virtuelle Räume und Gedankenspiele vergleichen, welche Rechenleistung vollzieht ein menschliches Gehirn bei der Analyse eines literarischen Textes, und wie verändert sich die Industriegeschichte, wenn man sie mit der Krankengeschichte eines ihrer Opfer kreuzt. Powers Romane sind weder einfach noch erbaulich, aber sie haben die Gabe zu fesseln, so dass man ihnen folgt, selbst über 760 Seiten hinweg, wie in Der Klang der Zeit.

Und hier ist sie geglückt, die Mischung aus warmer, intensiv emotionaler Erzählung und dem schattenhaften Dasein der Ideen und Gedanken, die sich in diesem Buch ganz organisch anfühlen, so als wäre Powers zur Ruhe gekommen und hätte gelernt zu schwelgen. Als er das erste Mal über Musik schieb, in seinem dritten Roman The Gold Bug Variations fehlte ihm die Leichtigkeit der Klänge noch, die er jetzt so meisterhaft inszeniert.

Töne zu Worten

Es ist bewundernswert, wie er die Töne in Worte fließen lässt ohne ihnen ihre emotionale Kraft zu rauben und zum ersten Mal wird einer seiner Titel ganz unmittelbare Erfahrung. Der Klang der Zeit - im englischen Original geheimnisvoller The Time of Our Singing - erzählt, wieder in zwei großen Handlungssträngen, von der Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts. Es beginnt mit dem berühmten Open-Air-Konzert der schwarzen Opernsängerin Marian Anderson vor dem Lincoln-Denkmal in Washington, nachdem man ihr den Auftritt in der Constitution Hall verweigerte, und endet mit den Rodney-King-Unruhen in Los Angeles und dem "Million Men March" des schwarzen Nationalisten Louis Farrakhan.

Auf einer anderen, viel privateren und intimeren Ebene aber handelt der Roman von der Musik, von ihrer Bedeutung in der Zeit und ihrer Relativität. Und schließlich, ganz tief drinnen, ist er auch eine Liebesgeschichte, wie sie sich jeden Tag irgendwo auf der Welt ereignet, ohne jedoch auch nur ansatzweise dasselbe Gewicht tragen zu müssen wie der deutsch-jüdische Physiker David Strom und Delia Daley, die Tochter eines farbigen Arztes. Beide verlieben sich in der Menschenmenge vor dem Lincoln-Denkmal und werden im Zeichen der Musik eine Familie gründen.

Doch der Klang der Zeit steht nicht auf ihrer Seite. Während David mit der Linearität bricht und die Relativität zu seinem persönlichen Credo macht, wird seine Frau bei einem Brand getötet, sein Sohn Jonah, ein musikalisches Wunderkind, zieht sich in die Lieder einer fernen weißen Vergangenheit zurück und seine Tochter Ruth geht zu den schwarzen Aktivisten. Seinem mittleren Sohn Joseph obliegt es nun, nicht nur zwischen allen Stühlen zu sitzen und seinen Bruder am Klavier zu begleiten, ihm fällt außerdem die Rolle zu, die Geschichte zu erzählen. "Jenseits der Rasse" wollten Dalia und David ihre Familie ansiedeln, und die Musik sollte ihre Insel sein. In einer Zeit, in der in den meisten amerikanischen Staaten Mischehen noch ungesetzlich sind, heiraten sie, der Fisch und der Vogel, gegen die Vernunft des common sense, weil sie mehr wissen als die Mehrheit und doch nicht gegen sie ankommen. Dalia unterrichtet die Kinder selbst, um sie einer harten Schule des Lebens zu entziehen, während David mit Einstein über Zeit und Musik plaudert. Und wenn der Roman eine Oper wäre, würden die Instrumente im Orchestergraben mit jedem Kapitel an Lautstärke gewinnen und doch hinter dem, was auf der Bühne passiert, zurücktreten. Die Geschichte des Rassismus ist auch hier gnadenlos, blutig und voller menschlicher Dummheit. Sie wird die Familie nicht gewähren lassen, die Fischvogelkinder zerreiben in ihrer wachsenden Unordnung.

Musikalische Genialität zu vermitteln, ohne dass man sie erklingen lassen kann, ist denkbar schwierig. Powers eigene Musikalität - er spielt Cello, Gitarre, Klarinette und Saxophon - ist gewiss hilfreich, aber lange nicht ausreichend. Denn in der Einsteinschen "Relativität der Musik" steckt auch die Schwierigkeit der Übertragung. Was ihm hier gelingt, einen vollmundigen Roman zu schreiben, der sich ebenso auf seine Figuren verlässt wie auf deren theoretische Überlegungen, macht ihn zu einem der gewaltigsten Erzähler seiner Zeit. Damit gehört er sowohl zu den großen "theoretischen" Amerikanern wie Thomas Pynchon, Don DeLillo oder William Gaddis, aber auch zu (den inzwischen nicht mehr ganz so jungen) Autoren wie Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides oder David Foster Wallace, die die Welt nicht mehr erklären müssen, um amüsant von ihr zu erzählen.

Der Klang der Zeit ist ein Buch, das sich bei aller Länge auf das Wesentliche der Kunstschöpfung konzentriert. Es ist ein Beispiel des ästhetischen Eskapismus und gleichzeitig dessen größter Kritiker. Richard Powers hat die beiden bestimmenden Elemente seiner Bücher einmal als "top down" und "bottom up" bezeichnet. In der Gegenbewegung von trockener Theorie und lebhaften menschlichen Konflikten entstand eine Spannung, die sich oft im Unendlichen der Bewunderung verlor.

Es ist das Los eines zu regen Geistes, dass er schnell sein Gegenüber hinter sich lässt und dann verliert. In diesem Buch aber bleibt alles beieinander: die Zeit, die Musik, die Geschichte der Juden in Deutschland und die der Schwarzen in Amerika, das Schicksal eines Wunderkindes und der banale Rhythmus des Alltäglichen. Man könnte auch sagen: eine magische Symphonie der Worte, wobei jedes Instrument, jede Geige und jede Bratsche, dem Ganzen verpflichtet bleibt. Man kann sich auf ein Detail konzentrieren, wenn man will, doch der Wohlklang stellt sich erst im absoluten Zusammenspiel ein. Was immer Richard Powers den Erfolg in Deutschland bisher verwehrt hat - mit diesem Roman sollte sich das ändern. Aus dem Kampf der Elemente ist endlich eine Harmonie geworden.

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