Der Killer stirbt von James Sallis, 2011, LiebeskindDer Killer stirbt.
Roman von James Sallis (2011, Verlagsbuchhandlung Liebeskind -
Übertragung Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 6.7.2011:

Die Alpträume eines anderen
James Sallis erzählt nicht nur aus Sicht des sich mit Medikamenten mühsam aufrecht haltenden Mörders, sondern auch aus Sicht eines ziemlich abgehalfterten, aber aufmerksamen Cops. Sallis filmt gleichsam mit diversen Kameras.

Die Wahrheit ist etwas, was man nur aus dem Augenwinkel sieht; schau geradeaus und sie ist weg.“

So steht es in James Sallis’ Roman „Der Killer stirbt“, ein geheimnisvoller Blogger namens Traveler, Reisender, soll es geschrieben haben. Aber es beschreibt eigentlich die Technik des US-amerikanischen Krimiautors: Anders als die grobschlächtigen unter seinen Kollegen – sie sind die, die geradeaus schauen – deutet er nicht. Weder werden bei ihm die Beweggründe eines Menschen in ein elend simples Täter-Muster gepresst, noch ordnet und erklärt er eine Welt, die nicht zu erklären ist. Sallis ist der Pointillist unter den Autoren, man muss einen Schritt zurücktreten, um sein Gesamtbild auf sich wirken lassen zu können.

Warum dieser Buchhalter?

James Sallis, Jahrgang 1944, arbeitete als Lektor, er übersetzte den Franzosen Raymond Queneau und den Russen Alexander Puschkin, man darf also davon ausgehen, dass er umfassend gebildet ist. In dem Roman „Driver“ hat er sich trotzdem mit größter Feinfühligkeit und Plausibilität in einen blutjungen Fahrer von Fluchtfahrzeugen hineinversetzt. Ähnliches macht er nun mit einem Profikiller, der einst im Krieg war (es kann eigentlich nur Vietnam gewesen sein), jetzt todkrank ist und einen letzten Auftrag erfüllen will. Zwar versteht er nicht, warum er einen völlig unauffälligen Angestellten, einen Buchhalter, umbringen soll, aber das ist ihm eigentlich egal. Sein Prinzip war immer: Er muss nicht wissen, wer sein Auftraggeber und was für ein Mensch sein Opfer ist – er wird bezahlt, er erledigt Aufträge.

Aber dann schießt jemand anderer auf den Buchhalter (ohne ihn zu töten) und der Killer versteht die Welt nicht mehr.

Aber James Sallis erzählt nicht nur aus Sicht des sic h mit Medikamenten mühsam aufrecht haltenden Mörders, sondern auch aus Sicht eines ziemlich abgehalfterten, aber aufmerksamen Cops. Sowie – und da wird es ein wenig übersinnlich – aus Sicht eines von beiden Eltern verlassenen, sich diskret allein durchschlagenden Jungen, der die Alpträume des Killers träumt. Es sind Vietnamkriegsalpträume, der Teenager ist von ihnen, von den Dschungelbildern, dem Horror und dem Schmerz, naturgemäß so geplagt wie verwirrt.

Als Leser akzeptiert man diese Traum-Seelenwanderung, denn „Der Killer stirbt“ hat seine eigene dunkle Logik, eine geballte atmosphärische Kraft. Sallis filmt gleichsam mit diversen Kameras. Man sitzt mit zwei Cops im Auto; dann geht man mit dem Killer daran vorbei. Man ist mit dem Jungen namens Jimmie allein zu Haus; man beobachtet mit der fürsorglichen Nachbarin, dass da ein Teenager allein zu Haus ist. Die Perspektiven mögen sich drehen und drehen, doch Sallis hält den konzentriert melancholischen Ton.

James Sallis gehört zu der wachsenden Zahl von Autoren, die zu Recht keinen Widerspruch sehen zwischen dem Genre des Kriminalromans und hochliterarischen Ansprüchen. Der Amerikaner benutzt die Zutaten – einen Killer, ein paar Cops –, weicht aber dann elegant und geschickt allen Erwartungen aus.

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