Der Kentaurische Knecht
Gedichte von Johannes Lindner (2003, Löcker, hrsg. von Klaus Demus).
Besprechung von
Christian Teissl aus Rezensionen-online *LuK*, 2003:

Quellen, die gottwärts reisen : Zu den Gedichten von Johannes Lindner

Der Kärntner Johannes Lindner (1896-1985) ist ein Autor, dessen Werk bereits vergessen wurde, als es noch im Wachsen war. Zeitlebens stand er im Abseits, das sein bevorzugter Aufenthalt wurde, und es hat den Anschein, dass ihm nur wenig daran gelegen war, seine Gedichte zu veröffentlichen, viel aber daran, sie vor unbefugtem Zugriff zu verbergen. Zudem dürfte ein übersteigertes Maß an Selbstkritik dazu geführt haben, dass er außer dem frühen Band "Gott, Erde, Mensch", erschienen 1920 im Berliner Verlag Egon Fleischel, und einer schmalen Sammlung aus den sechziger Jahren, "Welt in einer Handvoll Staub", zu Lebzeiten nichts in Buchform publiziert hat.

Lindner steht nicht nur seinem Jahrgang, sondern auch seiner Diktion nach zwischen Richard Billinger und Theodor Kramer. Mit ersterem wurde er immer wieder in Zusammenhang gebracht, als Vertreter eines "rustikalen Expressionismus", den Theodor Sapper als die "regressive" Kehrseite der "progressiven", weitgehend urbanen österreichischen Expressionistendichtung zu beschreiben versuchte, mit explizitem Verweis auf Gedichte beider Autoren. Ein ausgeprägter Hang zur Dämonie, ein damit einhergehender stark irrationaler Gestus sowie die Verquickung von katholischer Religiosität und archaischem Heidentum sind es, die sowohl der Lyrik des jungen Lindner als auch jener Billingers - bei allen Unterschieden in der Intensität des sprachlichen Ausdrucks - ihr Gepräge geben. Lindner aber ist in weiterer Folge nicht den Weg gegangen, der den Autor von Stücken wie "Rauhnacht" oder "Rosse" direkt in die Anhängerschaft des Nationalsozialismus geführt hat. Zwar erweist auch er sich in der Wahl seiner Sujets, in seiner dem Dialekt angenäherten Sprache und in seiner Neigung, das bäuerliche Leben zu stilisieren und zu überhöhen, als ein überzeugter Heimatdichter, doch macht er daraus, im Unterschied zu Billinger und seinesgleichen, keine Ideologie. Auch das Feindbild Stadt, das für die Blut-und-Boden-Dichtung der zwanziger und dreißiger Jahre von zentraler Bedeutung ist, scheint bei Lindner nicht auf; er konzentriert sich vielmehr auf das Dorf, auf das Leben darin und auf die Abgründe, die diesem eigen sind. In vielen seiner Gedichte kündet er von einer versunkenen Welt; es ist das vorindustrielle Kärnten, das er zur Gestaltung bringt, das er, bevor es verschwunden ist, noch einmal in eine lyrische Form gegossen hat. Als ein episches Äquivalent dazu erweist sich, Jahrzehnte später und mit dementsprechend größerem inneren Abstand, die Erzählung "Jalov Pelin" (deutsch: "Die Verweigerung der Wehmut") des Kärntner Slowenen Florjan Lipus, ist es doch dieselbe bäuerliche Welt, die Lindner wie Lipus im Auge haben, dieselbe archaische Gesellschaft, die unserem heutigen Bewusstsein so fremdartig anmutet.

Für den Raum, den viele Gedichte von Johannes Lindner eröffnen, hat die Trennung zwischen Diesseits und Jenseits ebenso wenig Bedeutung wie jene zwischen Natur und Gesellschaft; es handelt sich dabei um eine Lebenswelt, die außerhalb des allgemeinen geschichtlichen Verlaufes zu liegen scheint und für die eine andere Zeitrechnung gilt als die unsere. Oft bedarf es daher mehrerer Anläufe, um in diese Welt und in die eigentümliche, kantenreiche Sprache Lindners, die sich ihr verdankt, ganz eintauchen zu können. So grobschlächtig und kunstlos die Verse dieses Dichters in ihrer archaischen Drastik auf den ersten Blick auch erscheinen, so kunstvoll und ausgefeilt erweisen sie sich bei eingehender Lektüre. Lindner versteht sich darauf, die Bilder, die Aussagen in einem Gedicht so zu verteilen, dass ein Gleichgewicht gegeben ist, die Wörter so anzuordnen, dass ein gerundeter, nuancenreicher Klang vernehmbar wird. Er versteht es, über die Formen und Mittel, die er aus der Tradition schöpft, souverän zu verfügen. Seine zumeist in einem festen Reim- und Strophenbau gehaltenen Gedichte sind, bei allem Pathos, das ihnen eignet, ausdrucksstark und authentisch; es überwiegt in ihnen stets das Anschauliche über die Reflexion. Eine unentwegte Arbeit am Mythos, an mythischen Figuren und Szenen, ist es, die Lindner in diesen Texten verrichtet; dies wird besonders deutlich, wenn er etwa in einem Gedicht mit dem Titel "Die Flößer" eben diese als ungezügelte Kraftnaturen zeichnet, als "wilde Männer", die "den Hochwald warfen", oder ein anderes Gedicht, "Der Sägemüller", mit den Worten beschließt: "Die Säge saust. An ihrem Kiefer funkelt jeder Zahn./ Der Meister aber ist ganz Hymnus, Wald und süße Düfte…"

Ein Gestaltungsprinzip, das Lindner, darin ganz ein Kind des Expressionismus, immer wieder zur Anwendung bringt, ist jenes der parataktischen Reihung, der Aneinanderreihung knapper, weitgehend unverknüpfter Aussagesätze.

Aber auch kühne, ungewöhnliche Wendungen lassen in den Gedichten Lindners aufhorchen, Bilder, die in ihrer Ausdruckskraft den strengen Strophenbau zu sprengen scheinen; so etwa in dem für Lindner besonders typischen Gedicht "Der Kentaurische Knecht"; von diesem heißt es in einer Strophe:

Eine Quelle hört er gottwärts reisen, / Ammeln Wöchnerinnen 's Mahl bereiten, / süße Säft den Winterbaum durchkreisen, / purpurn steigt sein Blut mit den Gezeiten!

Was Lindners Verse mit jenen Theodor Kramers verbindet, das ist zum einen die starke Authentizität, die hier wie da spürbar ist, und damit verbunden ein mit Dialektausdrücken angereichertes Vokabular, das ganz bei den Dingen ist. Zum Unterschied von Kramer jedoch ist Lindner kein sozialkritischer Autor; er geht aufs Ganze und bleibt - im Gegensatz zu Kramer - nicht beim Einzelnen stehen, erreicht allerdings auch, mit seiner holzschnittartigen Darstellungsart, nur in den seltensten Fällen die existenzielle Tiefe von dessen Lyrik. Lindner gestaltet Szenen voll greller Kontraste und kraftvoller Farben und ist dabei ganz der Welt, aus der er kommt und aus der er schöpft, verhaftet. Er vermag daher auch keinen Abstand zu halten und ist weit entfernt davon, seine Verse mit Reflexion zu befrachten. Seine Gedichte, zumal jene aus seiner "expressionistischen Phase", erinnern in ihrer Bildlichkeit, in ihrer ungehobelten Wucht bisweilen an Bilder von Albin Egger-Lienz. Die späteren Gedichte jedoch, die zu einem guten Teil nicht mehr einem konventionellen Reim- und Strophenschema unterworfen sind, wirken in ihrer Art ungemein abgeklärt und gelöst; es überwiegen zunehmend erzählende und diskursive Formen und Tonfälle; das eigene Ich, das in den frühen Dorf- und Landschaftsgedichten gänzlich ausgespart blieb, rückt nun stärker ins Zentrum der Aussage. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht "Herz und Rose":

Ich lobe die Stille, das Menschsein / in seiner gewöhnlichen Form, / die angebrochene Rinde des Brotes, / wie sie auf dem Tisch / des Laotse hätte liegen können: / hart, vom gestrigen Tag, / und doch voller Genügsamkeit; / meinen einsamen Schreibtisch lobe ich / und die Gebete, / von alten, einfachen Menschen verrichtet […]

"Weit ist der Weg, den Lindner gegangen ist, vom Expressionismus seiner frühen Gedichte…; von ihrer gedrungenen Kraft zum spirituellen Parlando seiner eigenartig linearen, diskursiven Gedichte aus den letzten zwanzig Jahren", sagte Michael Guttenbrunner in seiner Grabrede auf Johannes Lindner, der bis ins hohe Alter, weitgehend isoliert und unbemerkt, mit sich selber um einen gültigen Ausdruck gerungen hat. Guttenbrunner seinerseits ist bis zum heutigen Tag einer der ganz wenigen geblieben, die immer wieder und mit dem gebotenen Nachdruck von diesem Lyriker gesprochen und auf ihn und sein eigenwilliges Werk hingewiesen haben. Bereits in seinem 1965 erschienenen Gedichtband "Die lange Zeit" hat er dem damals siebzigjährigen Freund und Kollegen ein Denkmal in Versen gesetzt. Für den Kundigen liest sich dieses Gedicht als eine Paraphrase auf verschiedene lyrische Leitmotive Johannes Lindners; es endet mit den aussagekräftigen Zeilen: "Lindner lebt in Moosburg vergraben/ oder in Klagenfurt./ Hat niemand nichts mehr von ihm gehört./So geizt mit seinen Gaben/ der Gott, im Leibe aufgestört,/ ein zerrissener Ameisenhaufen,/ wenn Landschaft und Ortschaft stirbt." Nun hat Guttenbrunner gemeinsam mit Klaus Demus eine betont schlicht gestaltete Auswahl Lindner'scher Gedichte herausgegeben. Mit ihr soll, wie es in der kurzen editorischen Notiz heißt, der großen, 1990 von Kurt Adel besorgten Ausgabe "Johannes Lindner. Das dichterische Werk" eine "Auswahl des Besten" an die Seite gestellt werden, die den Einstieg in den lyrischen Kosmos dieses Dichters erleichtern soll. Die Herausgeber verzichteten darauf, ihrer Auswahl eine biographische Skizze oder ein kommentierendes Nachwort beizufügen. Die Gedichte stehen hier vielmehr ganz für sich selbst; ihre ästhetischen Qualitäten, ihren Standort und ihre Gültigkeit aus heutiger Sicht auszumachen, bleibt somit jeder einzelnen Leserin und jedem einzelnen Leser überlassen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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