Der Katalane von Noah Gordon, 2008, BlessinbgDer Katalane.
Roman von Noah Gordon (2008, Blessing - Übertragung Klaus Berr).
Besprechung von Jörg Bartel aus der NRZ vom 11.08.2008:

Ab in die Weinberge mit Noah Gordon
"Der Katalane" ist da: Beim "Medicus"-Autor ist diesmal weit und breit kein Arzt in Sicht.

Glücklicher Noah Gordon! Hat 1986 mit seinem "Medicus" den nach Dr. Schiwago berühmtesten Arztroman der Welt geschrieben und damit einen Tsunami historischer Romane ausgelöst, auf dessen Ausläufern mehr als 20 Jahre später immer noch Kollegen surfen. Ohne Noah Gordon (81) gäbe es deutsche Arzt-, Ärztinnen- und Apothekersagas von Wolf Serno bis Kari Köster-Lösche kaum. Mag er sich auch mit den "Medicus"-Nachfolgern allmählich zum Epigonen seiner selbst gemacht haben - das Publikum liebt diese dramatischen Aufs und Abs seiner vom Schicksal gebeutelten heilkräftigen Helden vor kulturhistorischem Panorama.

Wie aus einer längst vergangenen Zeit

Nach neun langen Jahren hat der Doktor Brinkmann der Belletristik einen neuen Roman vorgelegt, weniger wuchtig als seine Vorgänger, nach Gordons Maß kein Breitbandfilm, sondern ein Kammerspiel. Und weit und breit kein Arzt in Sicht. Anders als im Medicus von Saragossa sind die Spanier nett, und im Deutschen ist aus der "Bodega" "Der Katalane" geworden. Zwar fehlt auch hier das historische Kostüm nicht, aber es ist auf Taille genäht: Wir tauchen zunächst ein in die stille Welt eines Weinguts im Languedoc um 1870. Dorthin hat sich der junge Katalane Josep geflüchtet. Wie wir später erfahren, hat er sich, naiv wie die anderen Bauernjungs, daheim für einen obskuren "Jagdverein" anheuern lassen und später in Barcelona an einem Attentat teilgenommen - Zeuge und Mittäter im Krieg um die Macht in Spanien.

Die Zeit seines Untertauchens nutzt er, um, zweiter und damit rechteloser Sohn eines kleinen katalonischen Essigproduzenten, die Kunst des Weinmachens zu lernen. Sein Traum ist es, eines Tages zurückzukehren und das Gut des Vaters zum Blühen zu bringen. Als der Vater stirbt, kehrt Josep zurück und kämpft vom ersten Augenblick an mit dem Wetter, dem kargen Boden, der Tradition und der dörflichen Verstocktheit. Hilfe erhält er von einer widerspenstigen jungen Frau, die die Frau seines Lebens sein könnte. Es kommen Tage des Glücks der kleinen Schritte, bis ihn seine politische Vergangenheit einholt.

Die Stärke dieser von der halben Gordon-Familie recherchierten Wein- und Liebeskunde sind Romanfiguren aus Fleisch und Blut, mittendrin ein unheldischer Held. Anstelle genialer Fähigkeiten besitzt Josep im losbrechenden Sturm der Moderne die Standfestigkeit eines tief wurzelnden Weinstocks und eine starke, erdige Moralität. Er ist ein anständiger Mensch, der aus einer vergangenen Zeit in sein Jahrhundert hineinzuragen scheint. Seine Rechtschaffenheit prägt diesen nicht großen, aber guten Roman und verleiht ihm eine ganz eigene Herzenswärme. Es würde nicht wundern, wenn Gordon mit diesem sympathisch unspektakulären Buch einen neuen Trend setzen würde: Ich bin dann mal in den Weinbergen! (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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