1.)
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Der
Kaiser von China.
Roman von Tilman Rammstedt (2008,
DuMont).
Besprechung von Thomas
Groß in Rheinischer
Merkur, 20.11.2008:
Falscher Seidenstoff
Der diesjährige Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt
jongliert im „Kaiser von China“ mit grandiosen erzählerischen Einfällen.
Ganz klar und greifbar ist hier kaum etwas, weder die Figuren noch dasjenige, was man Handlung nennen könnte. Es passiert hier wenig, doch ausgedacht wird sich viel. Hauptfigur ist der Icherzähler Keith Stapperpfennig. Der versteckt sich unter seinem Tisch und schreibt von dort aus angebliche Briefe aus China, weil er seine Geschwister glauben macht, er sei mit dem Großvater nach Fernost gereist, wie man es verabredet hat. Solange Keith meint, sein Großvater sei allein dorthin unterwegs, denn diesen Anschein erwecken dessen Ansichtskarten, hat er die Sache unter Kontrolle. Doch dann erhält er einen Anruf von einem Krankenhaus: Der Großvater sei gestorben – im Westerwald! – und müsse identifiziert werden.
In diesem höchst geistreichen und humorvollen Roman, der dem 1975 geborenen Rammstadt den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis einbrachte, als er einen Auszug daraus in Klagenfurt vortrug, ist vieles kurios und eigenwillig. Am merkwürdigsten aber ist der Großvater, der seine fünf Enkel großzieht und mit immer jüngeren Großmüttern immer kürzere Ehen führt. Franziska heißt die aktuelle, die nun auch Keiths Geliebte ist, eine Variation des Ödipusmotivs, die den Großvater doch eher als tatsächlichen leiblichen Vater der Geschwister erscheinen lässt, was er, nach allem, was man erfährt oder auch nicht erfährt, wohl auch ist.Jedenfalls ist der Alte Tyrann und Über-Ich dieser Familie und haben ihm die Enkel zum Achtzigsten die Reise geschenkt. Keith aber hat mit Mitte zwanzig endlich aufbegehrt und mit Franziska das Reisegeld verjubelt, weswegen er jetzt unterm Tisch sitzt.
Also muss er schreiben – von den Sehenswürdigkeiten in Peking, die verlockende Namen haben: Garten der leuchtenden Vollkommenheit, Garten der hunderttausend Frühlinge, Kloster der azurnen Wolken oder Kloster des wolkenlosen Himmels. Die vielfältige chinesische Küche ist erst recht bei Keith ein Kapitel für sich. Nicht von schlechten Eltern ist vor allem seine Idee, der Großvater spüre in China seiner verflossenen großen Liebe nach: Lian, die stärkste Frau der Welt, eine Lawine von einem Menschen, derart riesig, dass die Zirkusartistin den Beinamen „Massiv von Macau“ trägt.Vielleicht wird diese Episode einmal als kurioseste Liebesgeschichte der Literaturgeschichte gelten, kein Wunder, wenn sie Keith und seinen Großvater an einen höchst kuriosen Ort führt. Im „Heim für arbeitsunfähige Artisten“ sehen sie „Gewichtheber, die unter ihren Hanteln eingeklemmt am Boden lagen“, und weiter: „Wir sahen einen Schwertschlucker, dem lauter Klingen aus dem Bauch ragten, auf halber Höhe des Saales war ein Netz gespannt, in dem einige der Trapezkünstler zappelten, die über unseren Köpfen einander immerzu verfehlten, Clowns steckten in Kanonenrohren fest, Zauberer schüttelten wütend ihre leeren Zylinder.“
Je mehr Keith schreibt, desto phantastischer werden seine Einfälle. Man fragt sich nur zuweilen, ob hier das Fabulieren nicht droht zum Selbstzweck zu werden. Doch Keith befreit sich damit. Fest steht, dass Rammstedt kein arbeitsunfähiger Artist ist. Seine Artistik arbeitet vielmehr auf Hochtouren, entwirft formvollendete Satzkaskaden, deren gewohnt harmonische Syntax in merkwürdigem Kontrast zu den ungewöhnlichen Inhalten steht. Angesichts des Absoluten ist zwar alles andere relativ. Ganz sicher aber liest sich des Großvaters Ende in Keiths China viel tröstlicher, letztlich auch stimmiger als der ärmliche Tod im Westerwald.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]
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2.)
Der
Kaiser von China.
Roman von Tilman Rammstedt (2008,
DuMont).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 23.11.2009:
„Der Kaiser von China" im
Schnelldurchlauf
Tilman
Rammstedts Roman über die Generation Unentschieden, ihre Träume und
Widersinnigkeiten, hat einen unwahrscheinlich genialen Titel: „Der Kaiser von
China". – „Und ich bin..." sagt darin keiner gern, man ist gern viele. Auch der
Opa, dem die vier Enkel eine Reise nach China geschenkt haben.
Keith Stapperpfennig aber, Opas Lieblingsenkel, der ihn auf der Reise begleiten
soll, verzockt das Reisegeld – und schreibt nun gefälschte Ansichtskarten an die
anderen Enkel, als erlebe er in China ein Abenteuer nach dem anderen mit Opa.
Der aber, auf eigene Faust losgezogen, kommt nur bis in den Westerwald. Dort
liegt er – im Kühlhaus. Und Keith will weder dort hinkommen, um die Leiche zu
identifizieren, noch zu seiner Hochzeit mit Franziska am nächsten Tag.
Das ist kein Stoff für ein Drama. Und doch taugt die szenische Uraufführung des
„Kaisers von China" in der Box des Essener Schauspiels etwas – für alle, die den
Roman nicht kennen. Sie bekommen einen geschickt collagierten, kurzweiligen
Schnelldurchlauf durch Rammstedts Buch, der kaum zwei Stunden dauert. Thomas
Ladwig hat ihn mit drei ausgezeichneten Schauspielern und dreizehn gelungenen
Einfällen in Szene gesetzt – das fröhliche Verzetteln von Lebensgeschichten mit
lauter gelben Klebestreifen-Blättchen ist nur einer.
Vom Applaus zur Lektüre
Raiko Küster als Keith ist der
wandelnde Abwehrreflex, aber seine Lügen und ihre Folgen treiben ihn vor sich
her. Sabine Osthoff als Franziska schreitet, säuselt und brüllt als wahres Drama
auf zwei Beinen durch die Szene, Anna König überzeugt souverän als Pathologin.
Sie alle retten einiges von der melancholiegetränkten Komik des Buchs auf die
Bühne. So gab es bei der Uraufführung begeisterten, langen Applaus. Und wer bis
dahin nicht zum Buch gegriffen hat, kann Rammstedts Roman immer noch mit Gewinn
lesen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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