Der Kaiser von China von Tilma Rammstedt, 2008, DuMont1.) - 2.)

Der Kaiser von China.
Roman von Tilman Rammstedt (2008, DuMont).
Besprechung von Thomas Groß in Rheinischer Merkur, 20.11.2008:

Falscher Seidenstoff
Der diesjährige Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt jongliert im „Kaiser von China“ mit grandiosen erzählerischen Einfällen.

Manches chinesische Sprichwort mag unverständlicher, aber kaum eines kurioser klingen als dieser Satz: „Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha“. Diese Weisheit hat Tilman Rammstedt seinem Roman „Der Kaiser von China“ vorangestellt. Wer das Buch liest, deutet den merkwürdigen Spruch womöglich so: Es kann allerhand fabuliert werden, ohne dass dies am Gang der Dinge viel ändern müsste. Vieles ist vorstellbar, aber angesichts des Absoluten ist alles andere relativ.

Rammstedts Buch ist gewissermaßen der Roman zur Spruchweisheit. Es entwirft ein Bild von fabelhaften Reich der Mitte, das es so weder gab noch gibt, noch jemals geben könnte. Doch dieses herbeifabulierte China wirkt allemal befreiend für seinen Erfinder und ist gleichzeitig auch eine Metapher für die Möglichkeiten der Literatur.

Ganz klar und greifbar ist hier kaum etwas, weder die Figuren noch dasjenige, was man Handlung nennen könnte. Es passiert hier wenig, doch ausgedacht wird sich viel. Hauptfigur ist der Icherzähler Keith Stapperpfennig. Der versteckt sich unter seinem Tisch und schreibt von dort aus angebliche Briefe aus China, weil er seine Geschwister glauben macht, er sei mit dem Großvater nach Fernost gereist, wie man es verabredet hat. Solange Keith meint, sein Großvater sei allein dorthin unterwegs, denn diesen Anschein erwecken dessen Ansichtskarten, hat er die Sache unter Kontrolle. Doch dann erhält er einen Anruf von einem Krankenhaus: Der Großvater sei gestorben – im Westerwald! – und müsse identifiziert werden.

In diesem höchst geistreichen und humorvollen Roman, der dem 1975 geborenen Rammstadt den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis einbrachte, als er einen Auszug daraus in Klagenfurt vortrug, ist vieles kurios und eigenwillig. Am merkwürdigsten aber ist der Großvater, der seine fünf Enkel großzieht und mit immer jüngeren Großmüttern immer kürzere Ehen führt. Franziska heißt die aktuelle, die nun auch Keiths Geliebte ist, eine Variation des Ödipusmotivs, die den Großvater doch eher als tatsächlichen leiblichen Vater der Geschwister erscheinen lässt, was er, nach allem, was man erfährt oder auch nicht erfährt, wohl auch ist.

Jedenfalls ist der Alte Tyrann und Über-Ich dieser Familie und haben ihm die Enkel zum Achtzigsten die Reise geschenkt. Keith aber hat mit Mitte zwanzig endlich aufbegehrt und mit Franziska das Reisegeld verjubelt, weswegen er jetzt unterm Tisch sitzt.

Also muss er schreiben – von den Sehenswürdigkeiten in Peking, die verlockende Namen haben: Garten der leuchtenden Vollkommenheit, Garten der hunderttausend Frühlinge, Kloster der azurnen Wolken oder Kloster des wolkenlosen Himmels. Die vielfältige chinesische Küche ist erst recht bei Keith ein Kapitel für sich. Nicht von schlechten Eltern ist vor allem seine Idee, der Großvater spüre in China seiner verflossenen großen Liebe nach: Lian, die stärkste Frau der Welt, eine Lawine von einem Menschen, derart riesig, dass die Zirkusartistin den Beinamen „Massiv von Macau“ trägt.

Vielleicht wird diese Episode einmal als kurioseste Liebesgeschichte der Literaturgeschichte gelten, kein Wunder, wenn sie Keith und seinen Großvater an einen höchst kuriosen Ort führt. Im „Heim für arbeitsunfähige Artisten“ sehen sie „Gewichtheber, die unter ihren Hanteln eingeklemmt am Boden lagen“, und weiter: „Wir sahen einen Schwertschlucker, dem lauter Klingen aus dem Bauch ragten, auf halber Höhe des Saales war ein Netz gespannt, in dem einige der Trapezkünstler zappelten, die über unseren Köpfen einander immerzu verfehlten, Clowns steckten in Kanonenrohren fest, Zauberer schüttelten wütend ihre leeren Zylinder.“

Je mehr Keith schreibt, desto phantastischer werden seine Einfälle. Man fragt sich nur zuweilen, ob hier das Fabulieren nicht droht zum Selbstzweck zu werden. Doch Keith befreit sich damit. Fest steht, dass Rammstedt kein arbeitsunfähiger Artist ist. Seine Artistik arbeitet vielmehr auf Hochtouren, entwirft formvollendete Satzkaskaden, deren gewohnt harmonische Syntax in merkwürdigem Kontrast zu den ungewöhnlichen Inhalten steht. Angesichts des Absoluten ist zwar alles andere relativ. Ganz sicher aber liest sich des Großvaters Ende in Keiths China viel tröstlicher, letztlich auch stimmiger als der ärmliche Tod im Westerwald.

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Der Kaiser von China von Tilma Rammstedt, 2008, DuMont2.)

Der Kaiser von China.
Roman von Tilman Rammstedt (2008, DuMont).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 23.11.2009:

„Der Kaiser von China" im Schnelldurchlauf
Tilman Rammstedts Roman über die Generation Unentschieden, ihre Träume und Widersinnigkeiten, hat einen unwahrscheinlich genialen Titel: „Der Kaiser von China". – „Und ich bin..." sagt darin keiner gern, man ist gern viele. Auch der Opa, dem die vier Enkel eine Reise nach China geschenkt haben.

Keith Stapperpfennig aber, Opas Lieblingsenkel, der ihn auf der Reise begleiten soll, verzockt das Reisegeld – und schreibt nun gefälschte Ansichtskarten an die anderen Enkel, als erlebe er in China ein Abenteuer nach dem anderen mit Opa. Der aber, auf eigene Faust losgezogen, kommt nur bis in den Westerwald. Dort liegt er – im Kühlhaus. Und Keith will weder dort hinkommen, um die Leiche zu identifizieren, noch zu seiner Hochzeit mit Franziska am nächsten Tag.

Das ist kein Stoff für ein Drama. Und doch taugt die szenische Uraufführung des „Kaisers von China" in der Box des Essener Schauspiels etwas – für alle, die den Roman nicht kennen. Sie bekommen einen geschickt collagierten, kurzweiligen Schnelldurchlauf durch Rammstedts Buch, der kaum zwei Stunden dauert. Thomas Ladwig hat ihn mit drei ausgezeichneten Schauspielern und dreizehn gelungenen Einfällen in Szene gesetzt – das fröhliche Verzetteln von Lebensgeschichten mit lauter gelben Klebestreifen-Blättchen ist nur einer.

Vom Applaus zur Lektüre

Raiko Küster als Keith ist der wandelnde Abwehrreflex, aber seine Lügen und ihre Folgen treiben ihn vor sich her. Sabine Osthoff als Franziska schreitet, säuselt und brüllt als wahres Drama auf zwei Beinen durch die Szene, Anna König überzeugt souverän als Pathologin.

Sie alle retten einiges von der melancholiegetränkten Komik des Buchs auf die Bühne. So gab es bei der Uraufführung begeisterten, langen Applaus. Und wer bis dahin nicht zum Buch gegriffen hat, kann Rammstedts Roman immer noch mit Gewinn lesen.

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