Der Junge und die Taube von Meir Shalev, 2007, DiogenesDer Junge und die Taube.
Roman von Meir Shalev (2007, Diogenes - Übertragung Ruth Achlama).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 8.12.2007:

Eins der großen Bücher dieses Jahres

Meir Shalev erzählt und erzählt, und man wird nicht müde, ihm zuzuhören. So ergeht's uns jedesmal, wenn ein neues Werk des israelischen Schriftstellers zu haben ist. Und so lässt uns auch sein Roman "Der Junge und die Taube" nicht los von der ersten bis zu letzten Seite.

Der Junge, von dem alles ausgeht, wird schon als Knabe begeisterter Taubenkenner- und -züchter. Der Tierarzt Doktor Laufer nennt ihn liebevoll einen "Dubejeck", denn Laufer stammt aus Köln. Eines Tages stürzt auf "das Baby", wie sie ihn alle auch als Siebzehnjährigen noch rufen, Himmelhochjauchzendes und zutiefst Bedrohliches ein: die erste große Liebe und der Unabhängigkeitskrieg von 1947. In diesen Krieg zieht der Junge mit seinen Brieftauben, mit den Friedensvögeln als Kuriere in einem unerbittlichen Kampf Haus um Haus. Er überlebt den Krieg nicht, aber er lässt im Sterben noch eine Taube auf, die den weiteren Gang der Dinge in Bewegung setzt.

Der weitere Gang der Dinge wird von dem Vogelkundler Jair ausgebreitet. Er erzählt eine zweite, doppelt gestrickte Liebesgeschichte, er erzählt über eine Familie in guten und bösen Tagen und vor allem vom Bau seines eigenen Hauses. Wir wüssten niemanden, dessen erfundene Figuren wir so dringlich selber einmal umarmen oder zu Tisch haben möchten wie die Gestalten Meir Shalevs. Da ist "Euervater", der Vater des Erzählers, Doktor Mendelsohn mit Namen, fast preußisch zu nennen in seinem deutschen Hang zur Akkuratesse und, neben dem schon erwähnten Doktor Laufer, nicht die einzige Gestalt, die den "Jeckes" - den aus Deutschland stammenden Juden also - ein wehmütig stimmendes Denkmal setzt. Dazu der Gegensatz: Bauunternehmer Meschullam, der Vater von Jairs Geliebter Tirza, ein Mordstrumm von Mann, immer auf dem Sprung, immer auf Achse und so erfolgreich im Baugeschäft wie großherzig im Schenken und im Organisieren von anderer Leute Glück. Dessen Tochter ist Tirza, Jairs "Gelihiebte" - und zwar heftig! -, während mit der Ehefrau Liora ein ganz anderes Arom in diese israelische Vielfalt kommt: das einer in den USA geschulten, weltläufigen und eleganten Geschäftsfrau. Und dann wäre da noch Jairs Mutter, an die der Sohn seine Erzählung sozusagen adressiert. Aber über die wollen wir nichts weiter verraten. Die ist zu wichtig.

Das ganze Buch steckt voller zärtlicher Beschreibungen, spannender Geschichten und vieler Liebeserklärungen. Die richten sich nicht nur an Frauen, sondern auch an Tauben, Kraniche und Pelikane, an raunende Häuser und an die herbe Schönheit israelischer Landschaften. Und es ist auch voller langsam sich enthüllender Geheimnisse, die wir hier nicht offen legen wollen und klingt dann wie eines jener uralten Märchen, in denen Leid und Freude wie im wahren Leben zusammen gehen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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