Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne, 2007, S. FischerDer Junge im gestreiften Pyjama.
Roman von John Boyne (2007, S. Fischer
- Übertragung Brigitte Jakobeit).
Besprechung von Bernhard Hubner auf alliteratus.com, 2007:

Wer in seinen Ferien schon einmal ein weit entferntes, fremdes Land besucht hat, wird das Gefühl kennen, wenn man einfach nicht versteht, was die Leute dort machen, worüber sie sich unterhalten oder wie sie die Dinge wahrnehmen und bewerten, die ihren Alltag bestimmen. Das ist ein reizvolles, aber manchmal auch irritierendes Gefühl, es erinnert an die Erlebnisse eines Gulliver in Brobdignag oder Mark Twains „Yankee aus Connecticut am Hofe König Arthurs“. Mit den Augen des unwissenden Beobachters gesehen, werden Gewohnheiten und Alltägliches plötzlich neu bewertet, ohne dass sich irgendetwas tatsächlich verändert hätte, nur die Sichtweise ist anders, medizinisch ausgedrückt: es stellt sich die für eine neutrale Wertung notwendige „therapeutische Distanz“ ein.

Noch stärker wirkt die emotional offene Unvoreingenommenheit, wenn sich im Laufe der Wahrnehmung herausstellt, dass das Unbekannte gar nicht so unbekannt ist, dass nur der Blickwinkel ungewohnt und fremd war. Wir erkennen in solchen Situationen, dass die Auffassung mancher Naturwissenschaftler, es gäbe keine echte Realität, jede unserer „Wirklichkeiten“ sei subjektiv und nur eine Projektion von Vorstellungen und Verallgemeinerungen, vielleicht zutrifft, auch wenn dies unser „normales“ Empfinden verunsichert, wenn nicht gar unmöglich macht.

Wer John Boynes Buch liest, wird zunächst keine solchen Gedanken haben, vielleicht hat er überhaupt keinen Raum für Gedanken, eben weil Kopf und Herz nach der Lektüre für einige Zeit ihren Dienst verweigern, fassungslos und aufgewühlt an der Verarbeitung der Eindrücke arbeiten. Nicht einmal die Erleichterung befreiender Tränen mildert das Gefühl von Entsetzen und Sprachlosigkeit, das Unwohlsein und die innere Leere, die sich breitgemacht haben. Was ist passiert?

Wir lesen ein Buch, das eine zunächst unerklärte Welt mit scheinbar normalen Abläufen durch die Augen eines Neunjährigen sieht. Dieser Junge, Bruno, lebt in Berlin in großbürgerlichen Verhältnissen, einem herrschaftlichen Haus mit mehreren Dienstboten, mit einem erfolgreichen Vater, einer schönen Mutter und einer zwölfjährigen Schwester, die „ein hoffnungsloser Fall“ ist, als Gesprächspartner für einen Neunjährigen also ungeeignet.

Der Vater gefällt sich und seiner Umgebung durch eine prächtige Uniform, den Titel „Kommandant“ und eine Neigung zum Aufstellen von Grundregeln, die „unbedingt und ausnahmslos“ einzuhalten sind. Die Mutter paradiert als „Herrin des Hauses“ mit einer Neigung zu „medizinischem“ Sherry und anschließenden Nachmittagsnickerchen. Die Kinder sind beide Musterbeispiele an guter Erziehung und gepflegten Umgangsformen, die im Hause auch eine besonders herausragende Stellung einnehmen. Soweit nichts allzu Außergewöhnliches.

Doch eines Tages muss die Familie aus beruflichen Gründen umziehen, in eine fremde Gegend mit dem seltsamen Namen „Aus-Wisch“, die anscheinend in Polen liegt. Der Vater sieht diese Veränderung als Karrieresprung nach dem Besuch eines wichtigen Mannes namens „Furor“ (eine etymologisch interessante Verballhornung des richtigen Wortes, die allerdings im Englischen noch wirkungsvoller ist, aber auch den Lateiner fasziniert) und seiner schönen blonden Begleitung Eva. Bruno kann dieser Veränderung nichts Positives abgewinnen, ist doch das neue Haus kleiner, die Wohngegend unattraktiv und weit und breit auch kein Spielgefährte in Sicht. Außerdem gibt es, nur wenige Meter entfernt, einen riesig hohen und langen Stacheldrahtzaun, hinter dem eine große Zahl merkwürdig traurig aussehender Menschen lebt, ohne dass Bruno den Sinn dieser „Wohnanlage“ verstünde.

Der neue Wohnort entwickelt erst dann kleine Reize, als er Pavel kennen lernt, der abends bei den Eltern kellnert, dabei aber immer sehr schwach und traurig wirkt, obwohl er früher Arzt war. Und da ist vor allem Schmuel, Brunos astrologischer Zwilling, dem er eines Tages bei einer Erforschung des Zaunes begegnet und der auf der anderen Seite des Zaunes lebt. Mit diesem Jungen verbindet ihn bald eine enge Freundschaft, obwohl sie immer nur durch den Zaun reden können, keiner von ihrer Beziehung wissen darf und die Lebensverhältnisse der beiden sich im Gespräch als sehr unterschiedlich herausstellen. Schmuel kann Bruno manches erklären, das dieser vorher nicht verstand, dass auf seiner Seite des Zaunes viele Tausend Menschen, Juden leben, von denen viele nach der Arbeit spurlos verschwunden sind, auch Schmuels Großvater gehört dazu. Oder dass alle Menschen auf seiner Seite diese gestreiften Pyjamas tragen, um die Bruno sie beneidet. Als Bruno allerdings einmal vorsichtig zu Hause nach der „anderen Seite“ fragt, handelt er sich mächtig Ärger mit seiner Familie und den ständig ein- und ausgehenden Soldaten ein.

Nach mehr als einem Jahr will die Mutter mit den Kindern wieder nach Berlin ziehen, obwohl es dort nachts immer laut und gruselig ist und man das Licht ausschalten muss, doch das Leben in Aus-Wisch scheint für Kinder eher ungeeignet. Als Bruno sich von Schmuel verabschieden will, erfährt er, dass dessen Vater nicht auffindbar ist und bietet an, bei der Suche zu helfen. Er lässt sich von Schmuel einen dieser gestreiften Pyjamas besorgen, kriecht unter dem Zaun durch und kann zum ersten Mal die Wohnung seines Freundes besuchen. Doch die Soldaten führen eine große Gruppe von Menschen, unter ihnen Schmuel und Bruno, zu einem großen Waschraum, damit sie sich vor dem Regen unterstellen können.

Brunos Eltern sehen ihren Sohn trotz intensiver Suche nicht wieder, bis sie seine Kleider am Zaun finden und der Vater ahnt, was abgelaufen ist. Danach ist er für seinen Posten nicht mehr zu brauchen.

Wie eingangs gesagt: Die Lektüre beginnt ganz harmlos, nett und normal, und in Brunos Augen bleibt sie das auch, bis zur letzten Seite. Er ist manchmal irritiert, manchmal verunsichert, manchmal auch wütend oder enttäuscht, aber alles ist sein ganz normales Leben. Die manchmal fast unerträgliche Erschütterung entsteht nur im Kopf des Lesers, aus seinem Hintergrundwissen, durch seine Rückschlüsse. Dazu ist natürlich Voraussetzung, dass es Hintergrundwissen gibt, dass die Andeutungen sich erklären. Die Wucht, mit der die zunehmende Erkenntnis den Leser trifft, steht in umgekehrtem Verhältnis zur Erzählweise und den eigenen Gedanken Brunos. Nur selten werden die Hinweise deutlich, wenn Boyne wohl das Gefühl hatte, etwas begriffsstutzigeren Lesern auf die Sprünge helfen zu müssen. Dann taucht schon einmal das Jahr 1943 auf, der Gruß „Heil Hitler“, das Wort „Jude“ und ähnliches. Das sind relativ die schwächeren Momente der Geschichte, weil sie die eigene Imagination eher behindern statt sie zu befördern. Auch die Bezeichnung „Erster Weltkrieg“ passt nicht ganz in die Szenenzeit um 1939/1940, da war dieser Begriff noch nicht üblich.

Doch solche Kritik ist Beckmesserei und dem Buch eigentlich unangemessen. Einem Buch, das durch Andeutung und Weglassen unmittelbarer und bedrückender wirkt als noch so minutiöse Schilderungen. Sicher eines der bewegendsten Bücher, die der Rezensent jemals las, obwohl man danach nur fassungslos verstummen oder übersprudeln kann. Ich wäre lieber verstummt, aber dann würde hier nicht geworben für den „Jungen im gestreiften Pyjama“. Und das muss man, denn man kann diesem Buch gar nicht Leser genug wünschen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.alliteratus.com]

Leseprobe I Buchbestellung 0109 LYRIKwelt © Bernhard Hubner/alliteratus.com