Der jüdische Messias von Aron Grünberg, 2013, DiogenesDer jüdische Messias.
Roman von Arnon Grünberg (2013, Diogenes
 - Übertragung Rainer Kersten).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 23.05.2013:

Arnon Grünbergs "Der jüdische Messias" - politisch unkorrekt und urkomisch
Mit "Der jüdische Messias" liefert Arnon Grünberg einen urkomischen, politisch unkorrekten Roman ab. Der Protagonist, ein homosexueller Jude, stolpert von einer absurden Situation in die nächste. Die Geschichte wird dabei nie langweilig.

Keine Seite – und es sind mehr als 600 – in diesem Roman ist langweilig. Sogar die klein gedruckte Anmerkung nach seinem Ende ist bemerkenswert: „Der Verlag dankt den Erben A. Hitler für die freundliche Genehmigung zum Zitieren von Fragmenten aus Mein Kampf, München 1939. Übersetzung ins Jiddische: Willy Brill.“

Arnon Grünberg, der fintenreiche, in New York lebende holländische Romancier, dessen Eltern vor den Nazis fliehen mussten, um zu überleben, ist politisch unkorrekt, dass die Fetzen fliegen. Wieder treibt er seine gebeutelten Protagonisten in absurde Situationen, die sie lädiert verlassen. Mindestens.

Übersetzung von "Mein Kampf" ins Jiddische Xavier Radek verliert seine Unschuld an Bettina aus Graubünden. Die lässt sich ihren karitativen Einsatz vergelten, indem sie ihre Gespielen zu Investitionen in Entwicklungshilfeprojekten animiert. Xavier hat zwei am Hals, da ist er noch nicht volljährig. Dann trifft er Awrommele, eines der vielen Kinder des Rabbiners von Basel, und weiß fortan, dass seine sexuellen Neigungen dem eigenen Geschlecht gelten. Und Awrommeles Volk. Xavier wird zum Zionisten. Also muss zunächst die Vorhaut weg. Herr Schwartz macht das zum Schleuderpreis, nur ist er fast blind und rutscht ab. Fortan trägt Xavier nur noch einen Hoden am Mann. Den anderen schleppt er im Glas als bläuliches Präparat mit sich herum und nennt das König David wie den König der Juden.

In slapstickhafter Parallelsetzung zu einem anderen Größenwahnsinnigen durchläuft Xavier ein Stationenpanorama auf der Suche nach ein bisschen Heldentum am Ende des 20. Jahrhunderts. Er wird Gegenstand der Boulevardpresse, sein Fitnessnarrvater stirbt unterm Punchingball, Mutters Neuer ist ein netter Pädophiler, der Ägypter vom Grillrestaurant wird zwischen den Fronten von Hamas und israelischem Geheimdienst frittiert. Und wenn Xavier und Awrommele neben dem allen noch Zeit haben, übersetzen sie „Mein Kampf“ ins Jiddische, weil das eine Goldgrube sein könnte.

Das alles ist urkomisch, aber nicht lustig. Es ist die ins Absurde weitergedrehte Spirale unserer Zeit. Dies mit so viel Verve und Respektlosigkeit zu tun, macht Arnon Grünberg keiner nach.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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