Der Judenweg von Ruth Weiss, 2004, Mosse Verlag1.) - 2.)

Der Judenweg.
Roman von Ruth Weiss (2004, Mosse-Verlag).
Besprechung von Robert Schopflocher in DIE ZEIT, 20.1.2005:

Der wundersame Aufstieg des Daniel Löw
Ruth Weiss, eine der letzten Exilautorinnen, beleuchtet die Frühzeit des Antisemitismus

Ruth Weiss, damals noch Loewenthal, begleitete als Kind 1936 ihre Familie ins südafrikanische Exil. Dort erhielt sie ihre Ausbildung. Dort lehnte sie sich gegen die Apartheid auf und setzte sich als Schriftstellerin und Journalistin für die Selbstständigkeit der kolonisierten Völker ein, wie dies aus ihrer Autobiografie Wege im harten Gras hervorgeht. Nun erscheint, zu ihrem 80. Geburtstag, ihr Roman Der Judenweg. Nicht Südafrika ist jetzt der Schauplatz der Handlung, sondern Franken, die Stätte ihrer Kindheit.

Als »Judenwege« bezeichnete man im 17. Jahrhundert die Schleichpfade, auf denen die bettelarmen Wanderjuden die zahlreichen Grenzposten zu umgehen suchten, denen sie den Leibzoll entrichten mussten, der oftmals ihre Mittel überstieg. Judenweg: hier auch der abenteuerliche Lebensweg Daniel Löws in den Jahren kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Kriegs. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der als Knabe geschändet und seiner Eltern beraubt, von einer Diebesbande aufgenommen wird, später dank seiner Führereigenschaften selbst eine »Chawruse« gründet und seinen Gefährten eine der begehrten und Juden so selten erteilten Aufenthaltsgenehmigungen verschafft. Der schließlich zur dünnen Oberschicht jener Hoffaktoren aufsteigt, die sich die Fürsten im Zeitalter des Merkantilismus hielten. Beauftragt, Kredite für ihre Herren zu beschaffen und das im Volke verhasste Steuer- und Münzwesen durchzusetzen, dienten sie als allfällige Sündenböcke, wie dies Lion Feuchtwanger in seinem Roman Jud Süß verdeutlichte. Überhaupt erinnert das Buch entfernt an Feuchtwanger. Nicht nur wegen des Themas und des geschilderten Milieus, sondern auch durch das Mitleid mit der gequälten Kreatur und das innere Pathos, das – allerdings, dem heutigen Geschmack entsprechend, nüchterner – den Text prägt. Vor allem aber, weil es Ruth Weiss gelingt, die 350 Jahre zurückliegenden Ereignisse gegenwartsnah zu gestalten: eine von den »Religions«-Kriegen verwüstete Welt, bevölkert von rücksichtslosen Adligen, stolzen Gräfinnen, in politischer Mission reisenden Mönchen, Bettlern, Wegelagerern, Hehlern, von marodierenden Soldaten drangsalierten Bauern. Eine Welt, in der die Spannung zwischen den meist protestantischen Städten und den katholischen Landgemeinden weiter wirkt, in der Gewalt vor Recht geht, besonders wenn es sich um Juden handelt, denen Handwerk und Landbesitz untersagt sind. Aus den Juden presst man Steuern von der Wiege bis zum Grab. Man verweigert ihnen das Wohnrecht entweder ganz oder gewährt es ihnen gegen hohe Abgaben: »Daniel betrachtete sie, seine Chawerim… Sie schienen nicht Diebe und Gauner zu sein, sondern brave Leute. Und waren sie nicht beides? Hatten sie nicht alle dasselbe Verlangen nach einem ruhigen Leben in der Mitte ihrer Familien? Die Gesetze und Verordnungen hatten ihnen diesen Wunsch verwehrt und sie dazu verurteilt, in Armut zu leben.«

Das Schicksal der Akteure dieses spannenden Abenteuerromans ist in geschichtlich nachweisbare Ereignisse gebettet: die Massaker Chmielnickis in Polen, der von Sabbatai Zwi ausgelöste Begeisterungstaumel unter der Judenheit. Die Ausweisung der Juden aus Wien, unter dem Vorwand, die Fehlgeburt der Kaiserin sei auf jüdische Hexereien zurückzuführen. Was die Betroffenen zur Arisierung – pardon!: zur Entäußerung ihrer Geschäfte zu Schleuderpreisen zwang. So geschehen nicht etwa im finsteren Mittelalter, sondern im Jahre 1670, im Zeitalter Pascals, Spinozas, Hobbes’, Newtons und Molières. Nichtige Anlässe – die Verfärbung von Hostien, eine Seuche, die Verteuerung des Brots – konnten das Unheil über die Juden bringen, wie dies in Ruth Weiss’ Buch in allen Einzelheiten beschrieben wird.

Der etwas abrupte Schluss des Romans reizt den Leser zum Weiterspinnen der Geschichte auf eigene Rechnung und Gefahr. Vielleicht stiegen die Enkel Daniel Löws im 19. Jahrhundert zu Bankiers auf, vielleicht gründeten sie noch heute florierende, wenn auch längst enteignete Unternehmen, finanzierten den Bau weltpolitisch bedeutsamer Eisenbahnen und Wasserstraßen, stellten Künstler und Wissenschaftler, bis der Judenweg ihrer Nachkommen eines Tages in Auschwitz und Treblinka endete. Spekulationen – es sei zugegeben –, die sich eines Rezensenten nicht ziemen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diezeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1006 LYRIKwelt © R.Sch./Die ZEIT

***

Der Judenweg von Ruth Weiss, 2004, Mosse Verlag2.)

Der Judenweg.
Roman von Ruth Weiss (2004, Mosse-Verlag).
Von Susanne Slobodzian aus der Wochenzeitung, Zürich, 12.5.2005:

Löws Karriere
In dem Abenteuerroman «Der Judenweg» erzählt die Journalistin von jüdischen Outlaws in der frühen Neuzeit.

«Wir sind ausgeschlossen und stehen als Bettler vor ihren Türen.» Mit dieser nüchternen Erkenntnis beschreibt der Held Daniel Löw im Roman von Ruth Weiss seine Situation als Jude der unteren Schichten im deutschen Franken unmittelbar nach dem Dreissigjährigen Krieg. Die soziale und ökonomische Lage der Juden war in Deutschland besonders prekär: Während eine mittellose und entrechtete Minderzahl von den wohnberechtigten Christen als Hausbedienstete oder Hauslehrer aufgenommen wurde, wanderte die Mehrzahl bettelnd von Ort zu Ort. Hinzu kamen Vaganten und Massen heimatloser Flüchtlinge, die aus den Pogromgebieten heranströmten. Ihnen bot sich keine Möglichkeit einer legalen Tätigkeit mehr, nur noch der Weg an den Rand der Gesellschaft.

Diebestouren nach Amsterdam

Mit «Der Judenweg» wählt Ruth Weiss einen Titel, der Leitmotiv im doppelten Sinne ist. Einerseits beschreibt er den Weg der jüdischen Heimatlosen: Auf Trampelpfaden abseits der ausgebauten Handelsstrassen und Reiserouten - den Judenwegen - sind diejenigen unterwegs, die den verhassten Leibzoll, den jeder Jude bei Grenzüberquerung zahlen musste, nicht aufbringen können. Andererseits gibt er Auskunft über die Verfasstheit der frühneuzeitlichen Gesellschaft insgesamt. Auch der junge Daniel geht den Weg gegen die Gesellschaft, die ihm das Existenzrecht abspricht, er gründet eine Räuberbande. Schon früh bekommt er die Gewalt der Mächtigen gegenüber den Rechtlosen am eigenen Leib zu spüren. Ein Ritter vergewaltigt ihn auf dem Hof der Eltern, seine Mamme stirbt auf der Flucht im Versteck der Diebesbande, die beiden Unterschlupf gewährt. Vom Tod des Vaters, den der Begleiter des Ritters aus Rache erstach, erfährt er erst später. Perfekt organisiert die Bande ihre Diebestouren bis nach Amsterdam und Antwerpen.

Ironischerweise bietet das Stehlen und Rauben einigen Mitgliedern der Chawrusse (Chawrusse leitet sich von hebräisch chawer - Gefährte, Komplize, Bandenmitglied - ab) die Möglichkeit des Aufstieges in die bürgerliche Existenz. Daniel Löw gelingt es , zur dünnen Oberschicht jener Fabrikanten aufzusteigen, die für den feudalen Hof produzieren - so genannte Hoffaktoren, die sich die Fürsten im Zeitalter des Merkantilismus hielten. Aber selbst diese privilegierte Position konnte im Konfliktfall lebensgefährlich werden. So «erbt» im Roman von Ruth Weiss der Held Daniel Löw das Amt deshalb, weil sein Vorgänger nach dem Tod des Markgrafen wegen vermeintlichen Betruges und Diebstahls verhaftet wird und die Folter während des Verhörs nicht überlebt.

Wege aus der Erniedrigung

Weiss nutzt das Genre des Abenteuerromans, um tiefliegende Wurzeln des Antisemitismus aufzudecken. Dabei gelingt es ihr nicht nur, die LeserInnen spannend zu unterhalten. In der Karriere des Daniel Löw kombiniert sie zwei typische soziale Positionen von Juden an der Schwelle zur Neuzeit: die des privilegierten Hoffaktors und die des Rechtlosen. Mit diesem Kunstgriff zeigt Weiss, wie in einer judenfeindlichen Feudalgesellschaft eine Gruppe von Deklassierten Auswege aus ihrer Erniedrigung findet. Diese Rechtlosen nehmen ihr Leben in die eigene Hand, indem sie zu Räubern werden und sich mit List und Gewalt das holen, was ihnen die Obrigkeit vorenthält. Die Figur des jüdischen Outlaws, der zur Hofaristokratie aufsteigt, ist in dieser Kombination neu, und Ruth Weiss gestaltet die 350 Jahre zurückliegenden Ereignisse gegenwartsnah, bettet das Schicksal ihrer Protagonisten in geschichtlich Nachweisbares ein: die Massaker des Kosakenführers Chelmnicki in Polen, die Wundertaten des Sabbatai Zwi aus Smyrna oder die Ausweisung der Juden aus Wien unter dem Vorwand, die Fehlgeburt der Kaiserin sei auf jüdische Hexerei zurückzuführen. Geschehen nicht im Mittelalter, sondern im Zeitalter des Rationalismus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Wochenzeitung