Der Judenstaat von Theodor Herzl, 2004, PiperDer Judenstaat.
Buch von Theodor Herzl (2004, Piper).
Besprechung von Francis Pierquin, Frankreich, 3.7.2007:

Von der Herstellung des Judenstaates

"Ich werde nun die Judenfrage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen wir schon 'raus? Und wohin? Oder können wir noch bleiben? Und wie lange?". Der so fragt, heißt Theodor Herzl. Man schreibt das Jahr 1896. Die Schrift, die er soeben herausgebracht hat, heißt "Der Judenstaat". Der Untertitel lautet: "Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage". Und so klar die Fragestellung ist, so eindeutig fällt die Antwort aus: "Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen". Gleich zu Beginn verwahrt sich Herzl gegen den Vorwurf der Utopie, d.h. des undurchführbaren, realitätsfernen Traumgespinstes: "Gegen den Vorwurf der Utopie muß ich meinen Entwurf zuerst verteidigen". Diesen seinen Entwurf nennt er vielmehr eine "Kombination" bzw. eine "Konstruktion", deren Zweck es ist, den Leser zu überzeugen, wie notwendig "die Herstellung des Judenstaates" sei. Kurzum: "Der Judenstaat" ist ein zionistisches Manifest - wie sich in den kommenden Jahren herausstellen sollte: das zionistische Manifest schlechthin. Eine Vision hat aber nur dann Chancen, verwirklicht zu werden, wenn es dem Visionär gelingt, sie als realistisch erscheinen zu lassen. Und das kann er wiederum nur dann, wenn er ihr halbwegs handfeste Umrisse verleiht. So ist denn auch in Herzls Schrift kein Mangel an praktischen Überlegungen: Von der Finanzierung bis zur Bebauung, vom Landkauf bis zum Siebenstundentag, von der Verfassung bis zur Flagge über die Frage des Heeres - es wird eine ganze Reihe praktischer Fragen erörtert, eben um zu zeigen, daß der Einzug ins Gelobte Land durchaus kein unwägbares Unternehmen sein muß. Sind solche Erörterungen wichtig? Nein - oder vielmehr: sie waren es bestimmt für zeitgenössische Leser, sind es aber längst nicht mehr, sehen doch viele konkrete Züge des Judenstaates am Ende notwendigerweise anders aus, als sie Herzl vorschwebten. Auf der israelischen Fahne z.B., die er sich als Anklang an "die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages" mit sieben goldenen Sternen vorstellte, prangt von allem Anfang an der sechszackige Davidstern. Indes sind die einzelnen Umrisse des Judenstaates nicht das Allerwichtigste, weshalb Herzl vorsätzlich auch nur "kurze aphoristische Kapitel" schrieb. Viel wichtiger waren und sind die Gründe, die ihn dazu trieben, einen solchen Staat zu fordern und die gleichsam dessen Daseinsberechtigung untermauern. Unmittelbarer Auslöser für die Niederschrift des "Judenstaates" ist der vielbeachtete und haarsträubende Dreyfus-Prozeß gewesen. Alfred Dreyfus ist jener Hauptmann der französischen Armee, der in einem aufsehenerregenden Prozeß offensichtlich nur deshalb des Landesverrats zugunsten Deutschlands für schuldig befunden wurde, weil er Jude war. Herzl, der zu diesem Zeitpunkt Pariser Korrespondent der Wiener "Neuen Freien Presse" ist, verfolgt den Prozeß aus allererster Nähe. Er ist dabei, als Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 öffentlich degradiert wird und in Paris der Ruf "Tod den Juden" erschallt. Der Schock und die Schmach sind um so niederschmetternder, als das Ganze in Frankreich geschieht, einem Land, in dem sich die Juden doch sicher wähnten und das sich nun binnen kurzem in eine der vielen Speerspitzen des Antisemitismus verwandelt hat. Seither weiß Herzl: "Je länger der Antisemitismus auf sich warten läßt, um so grimmiger muß er ausbrechen". Wo soll nun aber für Juden eine sichere Bleibe sein? "In Rußland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Österreich terrorisieren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf", und nun auch Frankreich, wo der Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft grassiert. Von den Vereinigten Staaten, "wo man uns auch nicht mag", ist wohl auch nicht sehr viel zu erwarten. Kurzum: Wenn "in der Welt die Notlage der Juden nicht die einzige ist", so gehört sie doch zu den bedrückendsten und harrt einer Lösung. Und da sowohl die Integration als auch die Assimilation, welche die sog. Wirtsvölker mehrheitlich verweigern, gescheitert ist, bleibt nur noch eine Lösung: "die Herstellung des Judenstaates" eben - sei es in Palästina, in Argentinien ("Palästina oder Argentinien?" heißt eines der Kapitel) oder sonstwo auch immer - ein paar Jahre später wird auch noch von der "Uganda-Lösung" die Rede sein. Letztendlich versteht sich "Der Judenstaat" nicht so sehr als Schilderung der spezifisch jüdischen Notlage denn als praktischer Ausweg und vernünftige Lösung der Judenfrage. Und im Zeitalter des aufstrebenden Nationalismus konnte diese Lösung keine andere sein als eine nationale: "Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird". Vor Herzls "Judenstaat" waren etliche andere zionistische Schriften erschienen, die er mehr oder weniger kannte, namentlich Moses Hess' "Rom und Jerusalem" (1862), Leon Pinskers "Autoemanzipation" (1882), Theodor Hertzkas "Freiland" (1890) und Nathan Birnbaums "Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes" (1893). Aber keine von diesen Schriften hatte eine so große Wirkung wie Herzls "Judenstaat", es ist auch keine in besonderer Erinnerung geblieben. Warum wurde also Herzl - trotz mannigfacher, teilweise heftiger Widerstände, namentlich in den westeuropäischen Ländern - so großer Erfolg beschieden? Wohl deshalb, weil er es nicht bei einer theoretischen Schrift hat bewenden lassen, sondern auch ein Mann der Tat gewesen ist: "Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne und kämpfe für sie in Wort, Schrift und Tat" - ein Mann, der noch zu Lebzeiten und unmittelbar nach Erscheinen des "Judenstaates" eine ganze Bewegung - den Zionismus - in Gang brachte. Gleich im August 1897 fand in Basel unter Herzls Vorsitz der erste Zionistenkongreß statt, und Herzl selber wurde zum Präsidenten der neugegründeten Zionistischen Weltorganisation gewählt. Der Zionismus hatte seinen Anlauf genommen und war nicht mehr aufzuhalten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1904 sollte Herzl noch fünf Zionistenkongresse erleben. Am 2. November 1917 erklärte der britische Außenminister Lord Balfour Palästina zur "nationalen Heimstätte für das jüdische Volk", und am 14. Mai 1948 war es soweit: Beim Erlöschen der britischen Mandatsmacht in Palästina und sich auf eine im Jahr zuvor verabschiedete UNO-Resolution berufend, rief in Tel Aviv David Ben Gurion unter dem überlebensgroßen Bildnis Theodor Herzls die Gründung des Staates Israel aus. Blieb nur noch übrig, um weiterhin mit Herzl zu sprechen, "die Wüste in einen Garten" zu verwandeln.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0810 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Francis Pierquin