Der irdische Amor von Hans-Ulrich Treichel, 2002, Suhrkamp1.) - 3.)

Der irdische Amor.
Roman von Hans-Ulrich Treichel (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 27.7.2002:

Das Geschlechtsleben der Wilden
Albert angewandt auf Caravaggio: Hans-Ulrich Treichel hat eine famose, sehr irdische Sexualkomödie geschrieben

Da es bei vereinzelten Leserinnen des brandneuen Romans Der irdische Amor von Hans-Ulrich Treichel bereits zu Verstimmungen gekommen sein soll, weil sie die weibliche Sicht der Dinge vermissten, haben wir uns entschieden, dem Missverständnis entgegenzuwirkungen und richtigzustellen: Dieses Buch handelt tatsächlich ausschließlich von der Sicht des Mannes. Das ist Absicht. Als Genre-Bezeichnung sei "Sexualkomödie" vorgeschlagen. Eine brillante Komödie über das Sexualleben des Mannes, eine Persiflage, eine Überzeichnung, ein schallendes Selbst-Gelächter. Es ist, als sei Elfriede Jelineks Sexualmisanthropie einmal durch die Lüfte gewirbelt worden und schaue nun, verdutzt und gendertroubled, zurück in eine Welt, die bisweilen traurig, aber niemals todtraurig ist.

Im Zentrum des Geschehens steht Albert, ein mittelmäßig begabter Student der Kunstgeschichte an der Freien Universität, wohnhaft in Berlin-Schöneberg. In seiner ganz sachte aufmüpfigen Jugend ließ er die anarchistischen Schriften des Fürsten Kropotkin, Wilhelm Reichs Orgasmustraktate und Bronislaw Malinowskis Abhandlung über Das Geschlechtsleben der Wilden auf sich wirken. Nachdem er das erste Mal mit einem Mädchen zusammen gewesen war, glaubte er: "Das ist die sexuelle Revolution!" Nun studiert er bei einem gewissen Delbrück, einer Koriphäe der Caravaggio-Forschung. Der siegreiche Amor, italienisch Amore vincitore, Caravaggios legendäres, für den Roman leitmotivisches Gemälde, hängt in jener Zeit noch in Dahlem. West-Berlin dümpelt vor sich hin in seiner dumpfen, wohlbekannten Unfreundlichkeit. Soweit also alles eher unauffällig.

Wenn da nicht Alberts quälender Geschlechtstrieb wäre. "Irgendwann war er plötzlich da gewesen, dieser Drang, und er hatte nur versuchen können, ihn so gut wie möglich zu tarnen." Seit seiner Pubertät habe dieser Trieb die Form einer "verschleppten Dauererregung" angenommen, wobei Treichel nicht versäumt, den Beginn dieser Qual bereits in Alberts Säuglingsalter festzumachen. Die Folge: körperliche Verspannung, permanenter Juckreiz, blutige und verschorfte Kratzwunden, mangelndes Selbstbewusstsein - und, quasi als Sekundäreffekt, mangelndes Bewusstsein der Wünsche des anderen Geschlechts, auf das jener Trieb sich unersättlich richtet. Denn wenn Albert etwas auf radikale Weise nicht versteht, dann die Frauen. Und wenn er etwas nicht beherrscht, dann die Verführung. Albert ist der Anti-Verführer, das Gegenteil eines Don Juan (bei gleicher Triebstruktur!). Ein Tor, der eine Ahnung seiner Torheit besitzt und der dennoch nicht aufgibt.

Die Funken, die entstehen, wenn zwei inkompatible Sphären sich reiben, sind Treichels Spezialität. In Tristanakkord, seiner urkomischen Hommage an Hans Werner Henze, kamen jene witzigen Friktionen zustande durch die Konfrontation der weltläufigen Exzentrik "Bergmanns" (Henzes) mit der banalen norddeutschen Provinzialität seines Assistenten. Slapstickhafte Desillusionierung könnte man den Mechanismus nennen, mit dem Treichel schon die phrenologische Forschungsgläubigkeit und die Fleischberge der muffigen fünfziger Jahre in seinem Romanerstling Der Verlorene sortierte.

In Der irdische Amor - bereits der Titel impliziert eine semantische Kollision - wendet Treichel nun einen neuen Kunstgriff an, der sowohl der Komik als auch der Erzählökonomie auf die Sprünge hilft: das Wechselspiel von Serie (Frauen im Plural) und Individualität. Das Prinzip der Serie arbeitet mit Schlüsselreiz und Erektion - und wird angewandt auf jede schöne Frau, die unserem Albert über den Weg läuft; während eine komplexere psychologische Dynamik sich erst vor dem Hintergrund der, naja, Liebesgeschichte mit Elena entfaltet.

Es ist nicht so, dass Albert, als wir ihn kennenlernen - er hat gerade ein kunstwissenschaftliches Semester in Rom abgebrochen und sitzt nun wieder im traurig-grauen Berlin -, ein unerfahrener Mann sei. Überhaupt nicht! Nur ist er auf die Initiative der Frauen beziehungsweise Mädchen angewiesen. Das gilt zum Beispiel für seine libertär angehauchte Internatsliebe Katharina, die ihm seine Unschuld geraubt hat und mit der Albert im Wald das eine oder andere Schäferstündchen genießen konnte, ehe die Affäre jäh durch die Schulleitung und die süddeutsch-konservative Folklore der Katharina-Eltern zerstört wurde. Das gilt auch für Elena, die schöne, dunkle, divenhafte Sardin, die Albert kurz nach seiner Rückkehr aus Rom ins heimische Berlin in einer mysteriösen Bar namens "Montestella" kennenlernt und die ihn irgendwann auf einer Bank im herbstlichen Tiergarten überwältigt - lange bevor er ihr nach Sardinien folgt, wo er im Hinterzimmer ihres Kosmetiksalons zu verkümmern droht.

"Der irdische Amor", das ist Albert angewandt auf Caravaggio, das ist die Konfrontation eines mythischen Triumphs und himmlischen Versprechens (Liebesgöttin, Italiensehnsucht) mit der profanen irdischen Wirklichkeit (Berliner Halbwelt, sardische Kleinbürgerlichkeit). Äußerst geschickt, wie Treichel die Elena-Story als psychologisches Korsett einsetzt, das in schöner Regelmäßigkeit gelockert wird. Zum Beispiel durch einen Ausflug in eine schmuddelige "Filmbar", wo Albert - soeben mit der Tatsache konfrontiert, dass Elena einem persischen Liebhaber verfallen sei - auf eine entzückende "ceylonesische Unschuld" hereinfällt: Die Frau ist weder unschuldig noch eine Frau.

Doch so grotesk manche Situationen klingen, so liebevoll bleibt doch die Grundeinstellung. Der irdische Amor ist eine Hommage an die menschliche Schwäche im Zustand der Erregung. Man fühlt sich bisweilen an Nicholson Bakers pornographische Satire Die Fermate erinnert, in der ein Mann über die Gabe verfügt, die Zeit anzuhalten - was er dann nutzt, um Frauen die Blusen aufzuknüpfen oder ihnen unanständige Stories zwischen die Geschäftspost zu schmuggeln. Syntaktisch mag Der irdische Amor wie alle Romane Treichels an Thomas Bernhards Übertreibungs- und Wiederholungskunst orientiert sein; thematisch deutet einiges eine Affinität zu dem etwas jüngeren amerikanischen Romancier Baker an: die komödiantische Behandlung der männlichen Sexualphantasmen, die entschiedene Abwesenheit von Zynismus und die Überzeugung, dass es literarisch sehr ergiebig sein kann, sich ins Herz der (eigenen) Peinlichkeit zu versenken.

Während der Vorlesung eines berühmten amerikanischen Kunsthistorikers über - was sonst - "Jesus' Penis, Mary's Breasts, and other Nakedness in Christian Art" sitzt Albert zufällig neben einer attraktiven Frau, nicht mehr ganz jung, "Typ Botschaftergattin", mit aufregenden Sommersprossen auf den Oberschenkeln. Und weil Albert meint, ihr Bein bewege sich in Richtung des Seinen, "nahm er allen Mut und in gewisser Weise auch alle Verzweiflung zusammen und legte, weiterhin starr geradeaus und nach vorn blickend, wo Davidson soeben mit einem Bild von Lucas Cranach beschäftigt war, auf dem die Madonna dem nackten Jesusknaben eine Traube Wein vor das Geschlecht hielt, seine linke Hand auf den Oberschenkel der Frau". Die Botschaftergattin schreit, das Saallicht geht an, alle starren zu Albert, und wieder einmal gilt: Wie peinlich das alles ist!

Das Wechselbad von himmlischer Erwartung und irdischer Ernüchterung, dem Albert in sexualis ausgesetzt wird, erweist sich in der Kunstwissenschaft ebenfalls als richtungweisend. Einen Siegesrausch erlebt Albert, als er beim Betrachten des Amore vincitore von Caravaggio feststellt, dass das Tuch, auf dem der Halbgott rücklings hockt, in der Form einer Vulva gestaltet ist. Als er diese Erkenntnis mit stolzgeschwellter Brust in einem Referat bei Delbrück zum Besten gibt, bemerkt dieser knapp, er habe soeben einen Allgemeinplatz der Caravaggio-Forschung wiederholt.

Sowohl in Tristanakkord als auch in Der irdische Amor steht als schweres Zeichen ein abendländisches Verklärungsmotiv auf dem Prüfstand - dort Tristan und Isoldes Liebestod, hier das himmlische Liebesversprechen Amors. Und beidesmal platzt die Blase so elegant, dass man geradezu begeistert ist über den Verlust. Ein Jedermann namens Albert ist für die höhere Wissenschaft jedenfall genauso ungeeignet, wie er für das Leben an der Seite einer sardischen Kosmetikerin ungeeignet ist. Als er Elena auf ihrer Insel zurücklässt und Richtung Berlin abreist, hat natürlich längst eine neue Frau ihm den Kopf verdreht. Denn Albert mag zwar immer wieder zurückkommen. Aber ankommen? Nie.

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Der irdische Amor von Hans-Ulrich Treichel, 2002, Suhrkamp2.)

Der irdische Amor.
Roman von Hans-Ulrich Treichel (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Julia Schröder in der Stuttgarter Zeitung, 16.8.2002:

Der Janusköpfige
Hans-Ulrich Treichels Roman "Der irdische Amor"

"Albert war nur widerwillig nach Berlin und in seine Schöneberger Wohnung zurückgekehrt. Wäre alles nach Plan verlaufen, dann würde er nun an der Universität Rom Kunstgeschichte und Italianistik studieren. Aber er war nicht in Rom." - Was so anfängt, kann keinesfalls gut weitergehen. Wir kennen das von Hans-Ulrich Treichel, der mit diesen Sätzen die Leser seines neuen Romans auf den Rest der deplorablen Geschichte des jungen Albert einstimmt: verpatzte Anfänge, halbherzige Rettungsversuche, Künstlerpech, kurz: das Scheitern in seiner banalsten Form.

Vor sechs Jahren trat Treichel, von dem man bis dahin vor allem Gedichte ("Liebe Not") kannte, mit dem Erzählband "Heimatkunde oder Alles ist heiter und edel" den Prosa-Beweis an, dass sich aus dem Misslingen als menschlicher Fundamentalerfahrung durchaus ergötzliche Literatur herstellen lässt, wobei freilich dem Köstlichen sich Tiefsinn und Trauer stets beigesellten. Dass dieses Grundgefühl des Unbehagens, des Nicht-recht-zu-Hause-Seins in der Welt unter Umständen auf handfeste frühkindliche Anlässe zurückzuführen ist, machte Treichel, nachdem er es in seinen autobiografischen Berichten "Von Leib und Seele" buchstabiert hatte, in seiner Erzählung "Der Verlorene" zu Erzählstoff. Diese Geschichte von einem, der im Schatten des auf der Flucht verlorenen Bruders aufwächst, wurde zum internationalen Überraschungserfolg, Treichel zum namhaften Schriftsteller, der es sich leisten konnte, das Trauma, das er sich als geknechteter Librettist des Komponisten Henze zugezogen hatte, ziemlich unverhüllt und nicht immer witzig zu therapieren, in seinem Roman "Tristanakkord" (2000).

Mit Sicherheit ist auch der neue Roman autobiografisch gesprenkelt, auch wenn der Held nicht Literat und Literaturwissenschaftler ist wie sein Autor (der über - wen wundert"s - "Auslöschungsverfahren" in der Literatur der Moderne gearbeitet hat), sondern sich als Student der Kunstgeschichte abmüht, und zwar ausgerechnet an Caravaggio. Und natürlich müht er sich auch am Leben ziemlich ab. Der romantische Versuch, sich mit Freunden in Rom zu etablieren, endet schnell ruinös, nämlich mit einer Nacht im Polizeiauto; Albert wird im Schlafanzug verhaftet und am Ende von einer reizvollen Polizistin als "Cretino" geschmäht.

Im Fortgang der auf dieses Missgeschick und die widerwillige Rückkehr nach Berlin folgenden aktuellen Ereignisse klären Rückblenden in Kindheit und Jugend den Leser über Wollen und Werden eines jungen Mannes auf, der von allem Anfang an seine liebe Not mit dem Geschlechtstrieb hat: "Schon als Sieben- oder Achtjährigen . . . hatten ihn die Mädchen nervös gemacht . . . Als Albert geboren worden war, hatte er sogleich einen verspannten Nacken gehabt und unter Juckreiz gelitten. Außerdem hatte er schon als Säugling so etwas wie sexuelle Begierde und eine Art Dauerunruhe verspürt."....Fortsetzung

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Der irdische Amor von Hans-Ulrich Treichel, 2002, Suhrkamp3.)

Der irdische Amor.
Roman von Hans-Ulrich Treichel (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ, 9.9.2002:

Hans-Ulrich Treichels Roman "Der irdische Amor".

Albert hat wenig Glück bei den Frauen. Das muss mit seinen Pubertätserfahrungen im Zonenrandgebiet zu tun haben, wo die wichtigste Erziehungsmaxime hieß: Wirf deine Schulbrote nicht weg. Aber weil es genug zu Essen gab in den bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahren, kreisten sehr bald schon alle Gedanken um den immer währenden Geschlechtstrieb, der sich bei Alfred als permanenter Juckreiz manifestierte. Das Schwimmbad wurde zur Schule des Lebens. Hier konnte man sich Bikinis wegdenken, durch Rempeleien Körperkontakte herbeiführen und lernen, wie man bei Sehnsüchten gleichgültig in die Welt schaut. Wer nämlich als bedürftig erkannt wird, hat kaum Chancen. Alberts Chancen werden später kaum steigen, wie sehr er als 68er auch die Manifeste sexueller Befreiung verschlingt. So ist er auf Caravaggio gekommen und seinen unbekümmert-irdischen Amor, der keck seine Nacktheit präsentiert. Wie das geht, möchte Alfred begreifen. Deshalb studiert er Kunstgeschichte, deshalb muss er nach Italien, wo das andere Lebensgefühl wächst. Zunächst aber tut dies nur die Beule in seiner Hose, weil er im Schlafanzug einer Claudia-Cardinale-Polizistin gegenüber sitzt, die ihn außer Landes weist.

Ein Ereignis namens Elena

Seit Hans-Ulrich Treichel am Leipziger Literaturinstitut unterrichtet, hat er stilsicher, mit kluger Komik und leiser Ironie seine Heimatkunde fortgesetzt und sich an die Spitze der Humoristen unter unseren Gegenwartsautoren geschrieben. Nach "Der Verlorene" und "Tristanakkord" verhandelt auch "Der irdische Amor", wie ein Westfale Provinzler bleibt, wenn es ihn in die Welt zieht. Davon erzählt Treichel schön distanziert, so als würde er seine Anti-Helden durch die Gitterstäbe eines Käfigs betrachten. Der Käfig ist die Welt, durch die verklemmte Randfiguren des Wissenschaftsbetriebes stolpern, fast hilflos den Ereignissen ausgeliefert.

Elena zum Beispiel ist ein Ereignis, eine Italienerin in Berlin. Sie kann sich die Lippen nachziehen, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, und ihr Hüftschwung ist der eines Lockvogels. Alfred geht ihr auf den Leim und ein zweites Mal nach Italien. Der Traum war euphorisch, doch das reale Sardinien verschlägt ihm den akademischen Atem. Sardinien ist der Schafstall des Landes, die Frauenbeine sind behaart und seine zarte Inspiration wird von starker Ernüchterung erschlagen. Elena verliert die Lust auf ihn, da sitzt Klara am Strand. Das Karussell dreht sich aufs Neue. Klara ist aus Halle in Westfalen. "Vergiß die Heimat nicht", ruft sie. Aber welche Treichel-Figur könnte das schon? (NRZ)

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