Der Hunne am Tor.
Roman von Ludwig Homann (2001, Haffmans).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 25.10.2001:

Dickes Ende
In "Der Hunne am Tor" setzt Ludwig Homann seinen Fridtjof Breese-Roman fort

Was sind schon 47 Lebensjahre. Im Mittelpunkt von Ludwig Homanns Roman Der weiße Jude steht ein Hitlerjunge namens Fridtjof Breese, der mit etwa zwanzig Jahren aus dem Krieg heimkehrt. Die nun vorliegende Fortsetzung Der Hunne am Tor setzt in der nahen Vergangenheit ein, und Breese ist beinahe 70-jährig, aber sonst hat sich recht wenig verändert. Auch der neue Roman handelt von den Themen des 1998 hoch gelobten weißen Juden, von Idealismus und Verrat, Schuld und Buße.

Das ruhige Leben des Fridtjof Breese wird durch Asylbewerber gestört, die neben seinem Haus untergebracht sind. Sie benutzen den Hof des Witwers als Abkürzung auf dem Weg ins Dorf und den Friedhof als Abort. Dann taucht eine rechtsradikale Wehrsportgruppe im Dorf auf und schüchtert die Asylbewerber gewaltsam ein. Fridtjof aber, dem zuweilen die nationalsozialistischen Propragandaformeln "Fremdvolk", "Schädlingsrasse" und "unsere große volkliche Sorge" entfahren, ernennen sie zu ihrem Ehrenmitglied, hat er doch in den ersten Nachkriegsjahren plündernde Russen von den Bauernhöfen ferngehalten.

Trotz der aktuellen Motive ist Der Hunne vor dem Tor kein Zeitroman. Asylbewerber, geistig behinderte Kinder und Rechtsradikale dienen Homann als Spiegel eines traumatischen Geschehens, unter dem Fridtjof seit mehr als 50 Jahren leidet. Daher wird, je weiter der Roman voranschreitet, die Handlung zunehmend unwirklicher. Ihr Schauplatz ist eigentlich nicht das westfälische Ledden, sondern eine verletzte Psyche.

Von Fridtjofs Trauma erzählt Der weiße Jude. Als Hitlerjunge schwärmt er von einem idealen Nationalsozialismus, in dem alle Halbheiten, alle Trivialitäten des "Dritten Reichs" beseitigt wären. Er sucht die Nähe des hoch gewachsenen, blonden Klassenkameraden Lennart, muss aber erfahren, dass sein arisches Ideal ein so genannter Halbjude ist und zudem hilft, drei geistig behinderte Kinder ("Kroppzeug") zu verstecken. Nachdem Fridtjof sie alle weniger vorsätzlich als verwirrt verraten hat, ahnt er ihr Schicksal und gerät in eine lebensbedrohliche Krise. Fortan verleugnet er sich in allem, was er tut. Noch nach dem Krieg nimmt er statt Rixa, die er liebt, ihre Schwester Methi zur Frau, und ein "ich" kommt ihm nicht über die Lippen.

Ludwig Homanns personaler Erzähler ist diesem beschädigten Leben auf beeindruckende Weise nah. Die Sätze sind kurz, und zahlreiche Ellipsen verknappen die karge Umgangssprache zu Fridtjofs geschlossener, in Trümmer gegangener Welt. Derselbe Duktus begegnet in Der Hunne am Tor wieder, und auch Fridtjof ist, 47 Jahre später, gänzlich unverändert. Sein Leben hat er sein Leben lang vermieden, weshalb darüber nichts mitgeteilt wird.

Fridtjof hat seine Jugendsünde nicht vergessen, sich nichts vergeben, nicht einmal eine tröstliche Lebenslüge ersonnen, und von der inzwischen ebenfalls verwitweten Rixa hält er sich immer noch fern. Solche Unerbittlichkeit mag durchaus ehrbar sein, psychologisch glaubwürdig ist sie nicht.

Fridtjofs Versteinerung wird durch die Wiederholung des traumatischen Geschehens aufgebrochen. Die Wehrsportgruppe beerbt die Hitler-Jugend, sie schreitet wie einst Fridtjof gegen "Volksschädlinge" ein: An die Stelle des Juden Lennart sind die Asylbewerber getreten, während die geistig behinderten Kinder nun gleich durch eine ganze Gruppe von Rollstuhlfahrern samt Zivilidienstleistenden vertreten wird.

Fridtjof durchschaut die Wiederholung nicht, wohnt ihr nur bei. Er kommt jedoch Rixa nahe, liest ein Buch über Euthanasie und sucht zum ersten Mal nach Spuren der von ihm Verratenen. Außerdem freundet er sich mit dem intellektuellen Anführer der Neonazis an, in dessen Idealismus er seinen eigenen wiedererkennt.

Manches Mal stellt sich in diesen Szenen das peinigende Gefühl ein, Homann reduziere die Komplexität von Schuld, Verarbeitung, Vergessen und Versöhnung in unangemessener Weise - etwa als Fridtjof einen israelischen Journalisten um Freisprechung von seiner Sünde bittet und dieser ihm statt dessen den Auftrag erteilt, die im Keller eines Hauses unter Beton begrabene rituelle jüdische Waschstätte freizulegen.

Schließlich sehen die Neonazis in Fridtjof, der sich mit vier schwarzen Asylbewerber angefreundet hat, einen Verräter und brennen ihm mit einem glühenden Eisen SS-Runen auf die Brust. Das krude Ereignis bedeutet für Fridtjof die ersehnte Buße. Mit ihm tritt er endlich aus dem Schatten der Vergangenheit und in sein spätes Glück mit Rixa ein. Denn aus dem einstigen Täter ist nun ein Opfer geworden, und das Brandmal sperrt wie ein "Riegel" den "Dämon" aus, der ihn seit dem Verrat quält. Damit nicht genug: Weil er im entscheidenden Moment abwesend war, fühlt sich der Neonazianführer schuldig und kehrt der nationalen Bewegung reuig den Rücken.

Das darf wohl ein recht dickes Ende genannt werden. In einer Zeit, in der die Überlebenden des Holocaust sterben und das Menschheitsverbrechen aus dem kommunikativen Gedächtnis in das kulturelle übergeht, führt es die Aporien moralischer Unerbittlichkeit vor Augen. Prekär ist nicht nur Homanns passiver Begriff der Buße, die von Fridtjof erlitten werden muss und nicht erstrebt werden kann. Prekär ist auch, analog dazu, das Verständnis der Sünde als historischem Staffelstab, dessen Bürde an den Neonazianführer weitergegeben wird. Für die Buße des einen Sünders bedarf es eines anderen, der seine Schuld übernimmt.

So erweist sich die Unerbittlichkeit, mit der Ludwig Homann auf Fridtjofs Verrat im Nationalsozialismus beharrt, als Unabänderlichkeit des Schicksals: Einmal in der Welt, wird das Verbrechen auf ewig prolongiert. Der Verrat wird zu einem mythischen Geschehen - auch das lässt Homanns zweiten Fridtjof-Roman als seltsam starre Maskerade des immer gleichen Geschehens erscheinen. Was sind schon 47 Jahre für einen Mythos?

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