Der himmelblaue Speck von Wladimir Sorokin, 2005, DuMont

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Der himmelblaue Speck.
Roman von Vladimir Sorokin (2005, DuMont).
Besprechung von Bernhard Windisch aus den Nürnberger Nachrichten vom 11.05.2005:

Ein in die Zukunft und fiktive, stalinistisch-faschistische Vergangenheit verlegter Höllentripp, in unmittelbarer geistiger Nachbarschaft zum Marquis de Sade, ist „Der himmelblaue Speck“ von Vladmir Sorokin. In Sorokin kulminiert offenbar das Bewusstsein des postkommunistischen, avantgardistischen Russland: Grausamkeit, Gewaltorgien, eine völlig entfesselte Fantasie.

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Der himmelblaue Speck von Wladimir Sorokin, 2005, DuMont2.)

Der himmelblaue Speck.
Roman von Vladimir Sorokin (2005, DuMont/2006, dtv).
Besprechung von Bernhard Windisch aus den Nürnberger Nachrichten vom 25.07.2006:

Das Glück fällt doch vom Himmel
Esoterische Erweckung und literarischer Fall des Schriftstellers Vladimir Sorokin

Der 1955 in Moskau geborene Vladimir Georgijewitsch Sorokin ist nicht nur ein produktiver, sondern vor allem ein überraschender Autor — und das nicht nur im positiven Sinne. Mit seinem jüngsten Roman „Bro“ setzt er seinen Ruf als Ausnahmeliterat aufs Spiel.

Am Anfang von Sorokins Schaffens steht ein konservatives Sittenbild vom Leben auf dem Lande, ein urrussisch-weitschweifiger Monolith unter dem Namenstitel des Helden „Roman“. Ein Epos, dem man bescheinigte, „die reinste Literatur“ zu sein, „die man je gelesen hat“. Ihm folgte „Marinas dreißigste Liebe“, in dem er die Stilistik des sozialistischen Realismus parodiert und gleichzeitig pornografische Schilderungen in die Sowjetliteratur einführte. Weltweit bekannt wurde er dann mit der „Schlange“, einer Realsatire über das unendliche Schlangestehen als Lebensform im „real existierenden Sozialismus“.

Dieser Roman besteht nur aus Dialogen - und leeren Seiten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden drei Werke: „Ein Monat in Dachau“, „Die Herzen der Vier“ und „Der himmelblaue Speck“. In ihnen ist das unvorstellbar Schlimmste zu lesen, was wohl je zu Papier gebracht worden ist. Es lässt die Fantasien des Marquis de Sade, Vladimir Georgijewitsch Sorokins Lehrmeister, wie auch die Girl-Kapitel von Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ an sexueller Perversion und Grausamkeit ein ganzes Stück hinter sich.

Literatur ist Wahnsinn

Diese Werke wären in ihrer Provokation wohl nicht so großartig schrecklich, wenn es sich nur um die Ausgeburten einer kranken Fantasie handeln würde: „Literatur hat mich immer nur interessiert als eine Form menschlichen Wahnsinns“, bekennt der Autor.

Bis über die Schmerz- und Ekelgrenze hinaus spiegeln sie jedoch die heillosen Wunden wider, die der Stalinismus und das Sowjetregime ins Bewusstsein (und die Seele) der russischen Menschen geschlagen haben. Die Setzer weigerten sich, diese Texte für den Druck vorzubereiten und es gab Anfragen bei der Duma, ob man Bücher wie die des „Nestbeschmutzers“ Sorokin nicht wieder verbieten könne.

„Die Herzen der Vier“ kam deshalb als Welterstausgabe auf Deutsch bei Haffmans in der Schweiz heraus. Das Buch ist keinesfalls eine Empfehlung: Lesen auf eigene Gefahr! Skandalöse Theaterstücke des Autors folgten. Vor dem Bolschoi-Theater baute man eine riesige Toilette auf und spülte Sorokins Libretto zur Oper „Rosenthals Kinder“ hinunter. Die Putin-Jugend forderte das für das Gesamtwerk des Schriftstellers. Da brachte er „Ljod. Das Eis“ heraus.

Zwar gibt es da noch immer (eigentlich überflüssige) pornografische Stellen, aber die Tendenz ist eine ganz andere. Erstmals nach „Roman“ tritt etwas Positives bei Sorokin in Erscheinung und zwar in Form einer kosmischen Energie, die im Eis eines Meteoriten, der 1908 in die Taiga gefallen sein soll, gefangen liegt. Diese Energie könnte das paradiesische Glück für die Menschen bedeuten, denn alle, die mit ihm in Berührung kommen, verwandeln sich in Glückselige.

Das Buch ist, gemessen an seinen komplexen und originell-wendungsreichen Vorgängern, erstaunlich simpel und geradlinig geschrieben. Eigentlich wird nur der Grundeinfall, das Zertrümmern des Brustkorbes mit Eishammern, damit das Herz darunter zum Leben erweckt wird, ermüdende Male variiert.

Wohl weil das Buch in der russischen Öffentlichkeit einen ungeahnten Widerhall fand, setzte er noch einen Roman drauf, den kürzlich auf deutsch erschienenen „Bro“, in dem die Vorgeschichte zu „Ljod“ erzählt wird. Nachgerade unverschämt konventionell und ohne Sorokinsche Schocks, ganz unanstößig und sauber breitet der Autor hier im pseudonaiv-süßlichen Ton und stilistisch trivial noch einmal die Geschichte der Erweckung mit nachfolgender Jüngersuche aus.

Eisbrocken aus dem All

Soll man die Verzückungen angesichts eines toten Eisbrockens aus dem All wirklich ernst nehmen oder parodiert Sorokin hier nur wieder, diesmal den esoterischen Wahn, der Russland nach dem kommunistischen heimzusuchen scheint? Bezeichnenderweise wird das nicht deutlich. Sonst könnte man noch von dem Romanhelden Bro auf den Autor mit den Engelslocken schließen, und wenn der sich tatsächlich mental aufgestiegen fühlen sollte, dann hätte er seine Erleuchtung wohl besser für sich behalten. Denn als Schriftsteller ist er damit tief gefallen.

In „Ljod. Das Eis“ wird ohnehin klar, dass die Menschen mit der paradiesischen Glückseligkeit aus dem All nicht viel anderes anfangen können als daraus ein Geschäft zu machen: Da wird nämlich das Meteoriten-Eis mit der wundersamen Wirkung am Ende als Wellness-Set verkauft und die Konsumenten ziehen es sich rein wie irgendein Rauschgift. Nach „Ljod“ und „Bro“ muss man sich wirklich fragen, ob Sorokin ein ernstzunehmender Schriftsteller ist.

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