Der helle Horizont von Wieslow Mysliwski, 2003, btbDer helle Horizont.
Roman von Wieslow Mysliwski (2003, btb - Übertragung Roswitha Matwin-Buschmann).
Besprechung von Jan Ochalski aus der NRZ vom 25.01.2004:

Die Welt der Schiffbrüchigen
Wieslow Mysliwskis Roman "Der helle Horiozont": Ein Buch gewordener Baustein zu einem Mahnmal der Vertreibung.

E r ist einer der bedeutendsten Erzähler Polens, aber hierzulande nicht übermäßig bekannt. Das könnte sich ändern, denn Wieslaw Mysliwski hat ein Buch geschrieben, das wichtig ist, weil es hinausweist über sich und die Grenzen, die Krieg und Vertreibung zurückgelassen haben: "Der helle Horizont".

Die Fräuleins von oben und der heiße Kakao

Der Vater liegt auf dem Bett und blickt nur starr an die Decke hinauf und träumt von großen historischen Schlachten. Vielleicht. Er war Offizier, dann Buchhalter. Jetzt ist er ein Nichts. Die Mutter erzählt von dem vergangenen Glanz der Provinzprominenz und träumt vom Wohlstand, der kommt, sobald der Vater wieder Arbeit hat. Sie weint nur, wenns niemand sieht. Im Keller eines Hauses, das am unteren Ende einer Treppe liegt, die die Oberstadt mit der unteren verbindet, richtet sie eine Wohnung für die Familie ein, ach, eine vorläufige Bleibe, bis der Vater, bis vielleicht sie...

Oben empfangen Fräuleins Gäste aus der besseren Gesellschaft, trinken Champagner, tanzen Tango. Für den Kleinen aus dem Kellerloch kochen sie jeden Morgen heißen Kakao und drücken ihn an den warmen, kaum verhüllten Busen. Weil er so blass aussieht.

Wieslaw Mysliwski zeigt eine Welt, die sich ohne Muster und Vorgaben neu ordnen muss und versucht, mit der Last der Erinnerungen und der ausweglosen Zukunft fertig zu werden. Der Kleine aus dem Keller erzählt als reifer Mann diese Welt der Schiffsbrüchigen, der Verlorenen, die sich im Provinzstädtchen an der Weichsel unfreiwillig gefunden haben und sich an die Illusion klammern, das Leben sei anders.

Es ist nicht anders. Und es will nicht anders werden.

Der Vater wird nie Arbeit finden, die Mutter wird nie mit ihrem Schwarzhandel für die Familie sorgen können. Nur die Fräuleins werden so vornehm, so elegant, so schön, wie man es noch nie in der Dorfkirche gesehen hat, zu Vaters Beerdigung erscheinen, und weiter Nacht für Nacht ihre Freier bedienen. Damit der vaterlose Kleine aus dem Kellerloch seinen Kakao bekommt und später seine erste Krawatte zum ersten Tanzabend. Der Junge ist der einzige, der diese Welt für die einzige hält. Er wurde in sie hineingeboren, die anderen wurden in sie hineingeworfen. Durch den Krieg und die wirren Zeiten danach.

Die stellenweise kindlich naive Sicht der mit breitem Strom fließenden Erzählung wechselt mit tragikomischen Ereignissen, der Ernst löst sich im plötzlichen Witz auf. Die Kriegshandlungen sind kaum angedeutet, die politische Lage schrumpft zur Anekdote: Der Roman spricht laut von etwas, das er nicht erwähnt. Es sind nur Bilder einzelner Schicksale, nur diese Menschen, die Standort, Position, Existenz, familiäre und soziale Bindungen, ja Lebenssinn verloren haben und in einer ungewollten, fremden, undurchsichtigen Lage um ein wenig normale Existenz, ein wenig Würde, ein wenig Identität ringen. Und doch müssen sie erkennen, dass sie nichts bedeuten. Auch der Erzähler erkennt, dass seine Vergangenheit keineswegs der Standard für die Ewigkeit war. Seine Verzweiflung bemisst sich nach der Dauer seines Erinnerns.

Politik schrumpft zur Anekdote

Wieslaw Mysliwskis Roman ist ein starkes Stück europäischer Antikriegsliteratur, ein Buch wie ein Stein im Mahnmal für Vertriebene, das die Literatur an allen Seiten der Front längst gesetzt hat. Ohne würdenloses Standortgefeilsche. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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