Der heilige Nachbar.
Roman von Alexej Slapovsky (2003, Claassen - Übertragung Alfred Frank).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in Neue Züricher Zeitung vom 20.03.2003:

Jesus in Russland
Ein Roman von Alexej Slapovsky

Seit Dostojewski geistert das Thema der zweiten Wiederkunft Christi durch die russische Literatur. Der Roman «Idiot» zeigt einen Messias, der auf der heiligen russischen Erde erscheint und ihr die allumfassende Liebe schenken könnte. Allerdings - und hier liegt die Pointe von Dostojewskis Entwurf - erkennen die Russen den Erlöser nicht und bleiben ihren pseudoreligiösen Fetischen Macht, Geld und Sexualität verhaftet. Alexej Slapovsky (geb. 1957) hat es im Roman «Der heilige Nachbar» unternommen, Dostojewskis Modell auf das Russland des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu übertragen. Im Provinznest Polynsk gilt Iwan Sacharowitsch als harmloser Verrückter. Eines Tages verfällt er auf die Idee, sein Nachbar Pjotr sei der wiedergeborene Jesus Christus. Auf dieser Grundlage konstruiert Slapovsky ein fünftes Evangelium: Der moderne russische Christus fastet vierzig Tage in der Wüste, verwandelt Wasser in Wodka, heilt Magengeschwüre, schart Jünger um sich und wird schliesslich von einer neofaschistischen Schlägertruppe gekreuzigt.

Slapovskys Erzählinteresse konzentriert sich auf die Frage, ob denn Pjotr in der Tat Jesus Christus sei. Einerseits zweifelt Pjotr selbst an seiner Auserwähltheit, andererseits mehren sich die Heilszeichen, die auf seine göttliche Kraft schliessen lassen. Wie Dostojewski schlägt auch Slapovsky die russische Gesellschaft mit Blindheit: Der russische Messias erntet für seine Predigten nur Spott und wird sogar von der Miliz verhaftet. Letztlich kann der ganze Roman als narratives Gedankenexperiment gelesen werden, das sich mit der Erkennbarkeit des Heiligen beschäftigt. In diese Problematik schliesst sich auch der Autor selbst ein. Den ersten öffentlichen Auftritt des predigenden Jesus kommentiert Slapovsky mit den Worten: «Vorbei kam auch der Schriftsteller Alexej Slapovsky, der seinen Verstand und Blick schweifen liess auf der Suche nach Sujets und Absonderlichkeiten. Er hielt inne, ohne näher zu treten, sah und hörte sich alles an. Und rannte inspiriert nach Hause, um einen Roman mit dem Titel ‹Der heilige Nachbar› zu schreiben. Einen Roman über einen Menschen, der sich einbildet, Jesus Christus zu sein.»...Fortsetzung

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