Der heilige Eddy von Jakob Arjoui, 2009, Diogenes1.) - 3.)

Der heilige Eddy.
Roman von Jakob Arjouni (2009, Diogenes)
Besprechung von Birgit Ruf in den Nürnberger Nachrichten vom 21.3.2009:

Charmanter Ganove als Herzensbrecher
«Der heilige Eddy« ist Krimi, Gauner- und Liebeskomödie

Witzig, spritzig und herrlich schräg: Im neuen Roman von Jakob Arjouni steht «Der heilige Eddy« im Mittelpunkt.

Eigentlich war Eddy Stein gerade mit sich und der Welt aufs Äußerste zufrieden. Schließlich hatte der pfiffige Trickbetrüger aus Berlin-Kreuzberg soeben einen allzu zutraulichen Reisenden um ein pralles Portemonnaie erleichert und den warmen Geldregen im KaDeWe in feinen Zwirn - seine Berufskleidung - fließen lassen. Denn Eddy behauptet sich in seinem Gewerbe mit Stil.

Und wie er nun mit dicken Tüten selbstzufrieden nach Hause schlendert, da passiert diese blöde Geschichte: Ausgerechnet vor Eddys Wohnungstür kommt der derzeit meistgehasste Mann Berlins ums Leben, der Imbissbuden-Krösus und Heuschreckenkapitalist Horst König. Jetzt hat Eddy mehr als ein Problem: Vor der Tür warten die Bodyguards des Millionärs und bald hat er womöglich die Polizei im Haus. Das wiederum könnte seinem beruflichen Auskommen, das auf den häufigen, geschmeidigen Identitätswechsel setzt, äußerst abträglich sein. Folglich muss das Unfallopfer rasch und möglichst unauffällig beiseite geschafft werden...

Zauberhafte Gauner-Liebeskomödie

Ein Plot, den man so ähnlich aus vielen Krimis kennt. Aber erstens handelt es sich bei «Der heilige Eddy« weniger um einen actionreichen Krimi als um eine zauberhafte Gauner-Liebes-Komödie. Und zweitens hatte man bei der Beseitigung einer Leiche selten mehr zu Lachen als bei Jakob Arjouni. Der 44-jährige gebürtige Frankfurter, bekannt auch durch seine Kriminalromane um den deutsch-türkischen Privatdetektiv Kayankaya, erzählt seine ebenso skurrile wie charmante Geschichte über den gar nicht heiligen Eddy federleicht und süffig, mit Witz, Verve und Tempo. Dass den sympathischen Ganoven am Ende doch das schlechte Gewissen packt und er entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten zur Wahrheit neigt, ist natürlich der Liebe geschuldet - ausgerechnet der zu Königs Tochter Romy.

Von dieser hinreißenden Gaunerklamotte wünscht man sich sehnlichst eine Fortsetzung.

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Der heilige Eddy von Jakob Arjoui, 2009, Diogenes2.)

Der heilige Eddy.
Roman von Jakob Arjouni (2009, Diogenes)
Besprechung von Jörg von Bilavsky aus dem titel-magazin, 13.07.2009:

Ehrlich währt am längsten
Jakob Arjouni legt einen famosen Schelmenroman hin. Inklusive tragikomischem Happyend. Jörg von Bilavsky war begeistert.

Sind Sie schon einmal auf einen Trickbetrüger reingefallen? Wenn ja, dann werden sie sich gewiss noch an seinen Charme, seine Unbeholfenheit oder seine Überredungskünste erinnern. Und an das taube Gefühl, dass diese Begegnung in ihrem Kopf hinterlassen hat. Und natürlich an die lähmende Wut, nachdem sie ihr Portemonnaie oder ihren Cashmere-Mantel schließlich vermisst haben. All diese Erinnerungen werden wieder wach, wenn sie auf „Eddy“ stoßen. Nur sind sie diesmal gänzlich ungefährdet. Denn im neuesten Roman von Jakob Arjouni sind sie nur Zeuge raffinierter Tricks. Vielleicht werden sie sogar ein wenig Mitleid empfinden für diesen sympathischen Gauner. So wird es zumindest all denen ergehen, die einem solch gerissenen Typen noch nie begegnet sind. Am Ende dieser Geschichte sind wir aber dennoch alle Opfer. Und zwar der verrückten Einfälle von Eddy und Jakob.

Eddy ist ein Bauernfänger der Extraklasse. Dank seiner hervorragenden Menschenkenntnis und seiner Schlagfertigkeit weiß er nahezu jede Situation zu meistern und damit jeden einigermaßen wohlhabenden Bürger auszunehmen. Nur einmal, da bekommt er es mit einem saudummen Zufall zu tun, die Lage wie auch sein Opfer entgleiten ihm im wahrsten Sinne des Worte. Als er nämlich Horst König in seinem Treppenhaus begegnet, dem Hassobjekt Nummer Eins in Berlin. Einem Heuschreckenkapitalisten, der hier zufällig seine Tochter treffen möchte und den Eddy dabei ebenfalls ganz zufällig zu Fall bringt. Mit ungeahnten Folgen für beide Seiten.

Denkzettel für die höheren Mächte

War Eddys Treiben als Straßenmusiker und Trickbetrüger für den Normalleser bis dahin schon ziemlich turbulent, überschlagen sich jetzt die Ereignisse. Mit Müh und Not beginnt er die unglückliche Begegnung mit unglücklichem Ausgang vor aller Welt zu vertuschen, obwohl ihn niemand mit dem meistgehassten Mann der Hauptstadt in Verbindung bringt. Aber der „heilige Eddy“ wäre nicht heilig, würde ihn nicht doch noch das schlechte Gewissen plagen. Doch bevor ihn das unfreiwillig erwachte Unrechtsbewusstsein in die Arme von Königs Tochter treibt und er alles aufzuklären bereit ist, blicken wir in die Seele eines Kleinkriminellen und einer Stadt, in der Gut und Böse, Schein und Sein dichter beieinander liegen als anderswo. Hier bekommen nicht nur orientierungslose Wirtschaftskapitäne eins auf die Mütze, sondern auch der schlitzohrige Senat und die schamlose Klatschpresse. Das sind Mächte, gegen die weder Eddy noch Otto Normalverbraucher anstinken können, aber denen man doch gerne mal einen Denkzettel verpassen würde.

Jakob Arjouni verteilt ihn stellvertretend für seine Leser. Mit ironischem Witz und feinem Humor, treffenden Vergleichen und scharfen Seitenhieben. So wie man es sich von einem klassischen Schelmenroman wünscht. Vielleicht können wir deshalb dem geläuterten, aber letztlich doch gerissenen Eddy auch nicht böse sein. Denn ehrlich währt am längsten, auch wenn diese Einsicht einer abenteuerlichen tour de force bedarf.

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Der heilige Eddy von Jakob Arjoui, 2009, Diogenes3.)

Der heilige Eddy.
Roman von Jakob Arjouni (2009, Diogenes)
Besprechung von Peter Michalzik aus der Frankfurter Rundschau, 2.12.2009:

Listige Literatur
Der Trickliterat

Auf der Liste der ausgelatschtesten Witze steht der von der Bananenschale ganz oben. Für einen Schriftsteller kann der Reiz der Bananenschale also letztlich allein in der Herausforderung bestehen. Wie gibt man diesem ausgeleierten erzählerischen Gleitkörper neuen Schwung? Ist dem Rutscher auf der Schale eine neue Wendung zu entlocken?

Jakob Arjouni hat diese Herausforderung angenommen und sie mannhaft gemeistert. Mann kommt nach Berlin, zur Computermesse "Combär", und schon am Hauptbahnhof knallt er hin. Der Mann ist nämlich von Eddy als ideales Opfer ausgeguckt worden. Und so hat Eddy sich die Schale selbst in den Weg geworfen, ist ausgerutscht und hat sich auf unseren Mann fallen lassen. Im Fallen hat Eddy übrigens aufgepasst, dass der feine Wollmantel des fallenden Mannes nicht von eventuellen Kaugummis am Boden verklebt wird. Eddy will seinen neuen Mantel nicht ruinieren, bevor er ihn klaut.

Eddy, Held von Jakob Arjounis neuem kleinen Roman "Der heilige Eddy", ist Musiker, eigentlich aber Kleinganove, besser Trickdieb, und zwar ein vergleichsweise trickreicher. Dieb ist eben nicht gleich Dieb. Eddy ist ein sympathisches, im Kern harmloses Exemplar. Interessant macht ihn eine angenehme Eigenschaft: Er beobachtet seine Mitmenschen genau. Allerdings um sie dann umso besser ausnehmen zu können. Es ist Eddys zweite Natur geworden, alle Regungen, Reaktionen, Regenmäntel und Reisetaschen mit den Augen danach abzuklopfen, was sie über ihren Besitzer sagen. Gutgläubig oder nicht, wohlhabend oder nicht, Geld dabei oder nicht. Wonach sucht er, was fürchtet er, wie fühlt er sich wohl?

So lernen sich, von Eddy genau gesteuert, Dregerlein, so heißt der Mann, und Eddy also wie zufällig dank einer Bananenschale kennen, "Ist ja wie ein Witz! Verstehen Sie? Diese Witze, wo einer auf der Bananenschale ausrutscht", sagt Dregerlein. Eddy lädt Dregerlein zum Austernessen ein, bald haben sie, Dregerlein mehr als Eddy, einige Flaschen Weißwein geleert, und noch etwas später ist Dregerlein sein Geld los.

Spöttische Beaobachtungen über Berliner

Das Raffinierte an diesem Anfang ist, dass die Trickbetrügergeschichte eigentlich eine Berlin-/ Provinzposse ist: Was denkt der Provinzler, in diesem Fall aus Bochum, über den Hauptstädter. Je genauer Eddy das vorausahnt, desto leichter kann er Dregerlein ausnehmen. Und dadurch kann Arjouni seine genauen, etwas spöttischen Beobachtungen über Berliner und Provinzler wie von selbst in die Erzählung einbauen. In Eddys Augen wird sozusagen alles von allein zum "Milieu" und manchmal sogar zum "Milljöö".

Arjouni hat ein Buch geschrieben, das so leicht losfliegt, als wäre es ihm egal, dass das Leben jedes Feuerwerkskörpers zeitlich begrenzt ist, für einen Roman jedenfalls niemals reichen wird. In Deutschland spricht man dann gleich von Screwball-Comedy, nun gut, das Problem liegt darin, die Geschichte auf dem Niveau zu halten.

Die Geschichte dreht sich um den "König" von Berlin, einen in der Stadt verhassten Amerikaner aus Neukölln, der gerade die Deo-Werke in Tempelhof übernommen hat und dort mal richtig fett Leute entlassen will. Eddy bringt diesen Horst König mehr aus Versehen um, es läuft auch bei ihm nicht alles bananenschalenglatt. In Königs apart-schöne Tochter Romy verliebt er sich zweitens, was des exquisit-exzentrischen Wesens der Dame wegen nicht einfach ist.

Herausforderungen für Eddy gibt es genug, allein wie die Leiche aus der Wohnung kommt, wo unten im Hof doch die immer nervöseren Leibwächter des toten König stehen. Manchmal wird das ein wenig langatmig und bemüht, immer Funken sprühen, immer gewitzter als der Leser sein, immer noch eine Überraschung im Ärmel haben, das kann auch ein Arjouni nicht, insgesamt aber macht der Autor das bravourös.

Der - gar nicht so heimliche - Held des Romans ist somit der Witz. Der Witz ist immer auch ein verbales Kräftemessen, zwischen Eddy und Dregerlein (leichter Sieg), Eddy und Königs Tochter Romy (von vornherein verloren), Eddy und seinem Freund Arkadi (von solchen Siegen erholt man sich nicht). Aber eben auch zwischen Arjouni und dem Leser.

Auch im Krimi - mit den Kayankaya-Krimis wurde Arjouni bekannt - steckt immer ein Kräftemessen. Autor und Leser streiten über die Frage: Wie offen kann der Autor die Lösung auslegen, ohne dass der Leser draufkommt? Seit einiger Zeit scheint sich Arjounis Lust verschoben zu haben: Wie einfach, wie klischeehaft kann eine Geschichte sein, und dabei trotzdem intelligent bleiben, etwas über unsere Welt erzählen und außerdem noch Drive haben? Oder anders gesagt: Wie wenig Literatur braucht es, um ein gutes Buch zu schreiben?

Eine Art Literaturaversion, eine Literaturhausphobie, scheint die geheime Triebfeder von Arjounis neuem Buch (und wahrscheinlich nicht nur von diesem). Irgendwie stellt jedes Buch dieses Autors von neuem die Frage: Literaturliteratur oder Unterhaltung? Die Gewitztheit von Eddy als Trickbetrüger ist dabei verwandt mit Arjounis Gewitztheit als Literaturvermeider.

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