Die Finkler-Frage von Howard Jacobson, 2011, DVA1.) - 2).

Der Hals der Giraffe.
Roman von Judith Schalansky, (2011, Suhrkamp).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 4.11.2011:

Die deutschen Feuilletons frohlockten angesichts des "humorvollen Tons" von Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe".

Ob Schalanskys Protagonistin Inge Lohmark humorvoll oder zynisch ist, ist wohl Geschmackssache. Als Biologielehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium in einer Kleinstadt in Vorpommern ist sie eine der letzten ihrer Art. Sie ist für Anpassung, für Frontalunterricht und die Schüler haben die Lehrer gefälligst zu siezen. So war das schon vor dreißig Jahren in der DDR, und so hat das auch zu bleiben. Aber die Schule wird ohnehin bald zusperren, es sind nicht mehr genug Kinder da. Die, die da sind, kann Inge Lohmark nicht besonders leiden. Ebenso wenig wie ihre Kollegen, ihren Mann und ihr ganzes Leben.

Anstrengend. "Was war das schon, Liebe? Ein scheinbar verdichtetes Alibi für kranke Symbiosen." In der Mitte des 222 Seiten starken Bandes kommt endlich Grund für die Übellaunigkeit: die Mutter. Man kennt das. "Es war ihr immer ein Rätsel, dass diese Frau sie geboren haben sollte."

Bemerkenswert passend ist der Leineneinband. Schön und klar wie die Sprache des Buches. Grob und grau wie die erbarmungslose Erzählung selbst. - B. Mader

KURIER-Wertung: **** von *****

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Die Finkler-Frage von Howard Jacobson, 2011, DVA2).

Der Hals der Giraffe.
Roman von Judith Schalansky, (2011, Suhrkamp).
Besprechung von Lars von Gönna in der WAZ vom 7.11.2011:

Tragikomisch, wenn eine Biologielehrerin die Welt nach Darwin sortiert: Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"
Mutterliebe ist doch bloß ein Hormon

Wir stellen vor: eine Biologin durch und durch. Kein Wunder, dass Inge Lohmark die Handvoll Schüler, die die Landflucht in Vorpommern noch am Gymnasium ließ, in ihre Botanisiertrommel einzusortieren weiß.

"Dumpfes Duldungstier" "Unauffällig wie Unkraut", "Nur durch kontinuierliches Füttern ruhigzustellen": Der Blick auf Menschen kann so einfach sein, wenn die Welt der Affen und Amöben ihn prägt. Lohmark, Lehrerin, blickt so auf ihre Klasse. Sie macht das im eigenen Leben nicht anders. Mutterliebe? Ein Hormon! Und die Ehe, ach: "Man blieb ohnehin nur deshalb zusammen, weil die Aufzucht der Jungen unendlich aufwendig war."

Judith Schalansky, 31, ist ein Riesentalent. Ihr neuer Roman "Der Hals der Giraffe" ist eine deutsche Meistererzählung. Schalansky schleicht sich dafür in den Kopf und das bisschen Herz der Lehrerin Inge Lohmark. Weil das so fabelhaft garstig komponiert ist, weil Schalansky naturwissenschaftliehe Präzision und famose Imaginationskraft so schlau vermendelt, können wir Leser gar nicht anders als uns einzunisten: mikroskopisch, gefühllos, selbstgerecht.

Die eigene Evolution

Weil aber alles Schematisieren des Menschen nur der hilflose Versuch ist, diese weIt in den Griff zu kriegen, ahnt man früh, dass das Starre das Brüehigeverhüllt. "Art. Gattung. Ordnung. Klasse": So hätte Lohmark das gern. Und so versucht sie all die Missgeburten ihrer eigenen Evolution biologisch- ideologisch zu verstoffwechseln.

Die Stasi-Mitarbeit, die Abwendung der Tochter, den Mann, der vom Besamungsexperten der sozialistischen Landwirtschaft nun bei der Zucht von Straußen gelandet ist. Und erst die untergegangene "DDR". Das konnte ja noch gar nicht verheilt sein, "eine Beziehung zu verarbeiten, bauchte man doppelt so lange wie sie gedauert hat."

Der düstere Spaß, das Bündel von Gemeinheiten im Vergleich Mensch zu Seekuh - all das ist dem behauptet klaren und (natürlich) längst getrübtem Blick der Lohmark zu danken. Aber die andere Kunst dieses Buches ist, wie der schwarze Humor zum Wirtstier einer Tragödie wird. Lohmark scheitert überall: Eine Schülerin fasziniert sie stärker als erlaubt ist. Der Schulleiter erklärt die alternde Pädagogin zum Auslaufmodell. Lohmark: eine hässlicher Dino der Didaktik.

"Ein Kopf, zwei Meter weit über dem Herzen", erklärt Lohmark einmal die Giraffe. Gute Konstruktion für den Paarhufer, schlechte für den homo sapiens. Seine Seele verhungert. Auch davon erzählt dieses kostbare Buch.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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