Der gute Stalin von Viktor Jerofjew, 2004, Berlin1.) - 2.)

Der gute Stalin.
Roman von Viktor Jerofejew (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Beate Rausch).
Besprechung von Yaak Karsunke aus der Frankfurter Rundschau, 24.03.2004:

Genosse Tabubruch
Viktor Jerofejew, Sprössling der Sowjet-Nomenklatura, beschreibt den Ausbruch aus dem Goldkäfig

Anfang 1979 unternahmen rund zwei Dutzend sowjetrussische Schriftsteller den Versuch, die staatliche Literaturzensur erstmals frontal anzugreifen. Mehr als zwanzig Autoren aus vier Generationen waren an dem Almanach Metropol beteiligt, der in einer Auflage von zwölf Exemplaren als Manuskriptbuch angefertigt worden war. Eines lieferten die Herausgeber "zur Kenntnisnahme" beim Schriftstellerverband ab, je ein weiteres wurde sicherheitshalber nach Frankreich und Amerika ausgelagert. Ein viertes sollte auf einer Vernissage in einem Moskauer Café öffentlich vorgestellt werden; dreihundert Einladungen an Künstler und Kosmonauten, nationale und internationale Presse sowie westliche Diplomaten wurden verschickt. "Der KGB reagierte militärisch: Seine Mitarbeiter riegelten das Viertel ab und besetzten die Telefonzellen, das Café wurde mit Hilfe von Ärzten einer Station für epidemische Erkrankungen geschlossen und versiegelt." Für die beteiligten Autoren begannen die systemüblichen Repressalien.

Ein zusätzlicher Skandal war die Tatsache, dass einer der Initiatoren des Projekts "selbst ein Sohn der Staatsmacht" war, zu jener "goldenen Jugend" Moskaus gehörte, die aus den Kindern "von Politbüromitgliedern, Referenten Breshnews, Ministern, Botschaftern und hohen Militärs" bestand, jener privilegierten wie korrupten Clique, die mit der "Atmosphäre eines geheimnisvollen elitären Gefühls (…) ihren Dünkel, ihre Lüsternheit und Dumpfheit bemäntelte". Der Frage, warum er als Kind des sowjetischen Vizepräsidenten der UNESCO den vergoldeten Käfig der Nomenklatura mit 31 Jahren freiwillig verließ, geht Viktor Jerofejew - 25 Jahre nach den Ereignissen - in seinem Roman-Essay Der gute Stalin akribisch und phantasievoll nach.

Als Sohn eines hochrangigen sowjetischen Dolmetschers und Diplomaten verlebte der 1947 geborene Jerofejew "eine glückliche stalinistische Kindheit". Den Massenterror der dreißiger Jahre hatten die Eltern so gut es ging ignoriert, wenn es zu nahe Bekannte traf, tröstete man sich so ähnlich wie Stalin Molotow: "Wjatsch, für nichts wird man bei uns nicht verhaftet", sagte er ihm, nachdem die Ehefrau seines getreuesten Vasallen 1949 "wegen Zionismus" in ein Straflager geschickt worden war. Die Linientreue zahlte sich auch nach dem Tod des Diktators angenehm aus: "Zarte Wolken von Privilegien hüllten alle Seiten unseres Lebens ein." Zum Lohn gehörte auch der Aufstieg des Vaters, der diesen auf diverse Botschaftsposten im westlichen Ausland führte - und damit unmerklich in eine schleichende Entfremdung vom heimatlichen System und Milieu.

Die Wertschätzung Stalins allerdings blieb davon nahezu unberührt, ebenso vom "Prozess der Entstalinisierung, der niemals zu einem Prozess wurde", wie Jerofejew anmerkt. Seinen Vater begreift er als Prototypen des Nationalcharakters: "Der Russe findet nicht die Kraft, sich den Stalinschen Qualitäten zu widersetzen. Der russische Volkscharakter wirft sich vor Stalin zu Boden. Er vergöttert Stalins Humor. Er vergöttert Stalins Heimtücke. Er vergöttert Stalins Grausamkeit. Der russische Volkscharakter wartet auf die Strafe für seine Unordnung. Stalin wird kommen und ihn bestrafen." Und wenn nicht der verewigte Zuchtmeister selbst, dann einer seiner zahllosen Nachahmer: "Jeder Vorgesetzte in Rußland arbeitet à la Stalin. Er hat keine stalinschen Maßstäbe, aber er hat stalinsche Prinzipien." (Nach denen er - siehe Putin - auch bis heute noch verfährt.)

Jerofejew erkundet, wie er selbst diesen Mechanismen entkommen und doch auch geprägt geblieben ist. Seine Vorgehensweise beschreibt er so: "Das Gedächtnis aufschlagen wie ein Zelt, indem ich die Strippen der Erinnerung zwischen den Pflöcken spanne und warte, dass ich dort herausgekrochen komme". Die Leinwand dieses Zelts ist eine Art Patchwork aus Anekdoten, Berichten, Erinnerungen und Erzählungen (besonders schön: die der Großmutter), Gesprächen, Phantasien, Reflexionen und Tagträumen. Aus all diesen Bestandteilen setzt sich das Mosaik einer deformierten Gesellschaft zusammen - vergleichbar jenem Portrait, das der Metropol-Almanach seinerzeit skizziert hatte: "…ein enttabuisiertes Bild von Rußland, mit seiner religiösen Suche, seinen sexuellen Katastrophen, betrunkenen Prügeleien, nationalen Konflikten, seinem verrückten Humor, seinem heterogenen Potential, seiner wie ein Reifen qualmenden Mentalität, mit neuer art risque und traditioneller rigoroser Ästhetik."

Beate Rausch hat dieses vielstimmige Ensemble in ein lebendiges und bildkräftiges Deutsch übertragen - und diesmal wird die "West"-Ausgabe dem Autor nicht strafverschärfend angerechnet werden. Damals wurde er - zwei Tage vor Stalins hundertstem Geburtstag - aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen: am Ende jenes Jahres 1979, im dem der Lenin-Literaturpreis dem "besten, populärsten und einflussreichsten Schriftsteller" der Sowjetunion verliehen worden war - an Leonid Breshnew.

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Der gute Stalin von Viktor Jerofjew, 2004, Berlin2.)

Der gute Stalin.
Roman von Viktor Jerofejew (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Beate Rausch).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in Neue Züricher Zeitung vom 04.05.2004:

Vater Stalin
Viktor Jerofejew freut sich über seine glückliche Kindheit

Viktor Jerofejew ist ein miserabler Romanschriftsteller und ein glänzender Essayist. Beide Eigenschaften müssen als zwei Seiten derselben Medaille verstanden werden: Jerofejew baut sämtliche Texte auf dem Prinzip der Provokation auf. Ein künstlerisch gültiger Roman lässt sich mit einer solchen Grundhaltung allerdings nicht verwirklichen: 1991 erregte Jerofejew mit seiner «Moskauer Schönheit» kurzfristiges Aufsehen - seine Umdeutung von Mütterchen Russland zur schrill geschminkten Hure erschöpfte sich jedoch in einer Momentaufnahme der postsowjetischen Befindlichkeit. Ganz anders liegen die Verhältnisse beim Essay: Jerofejew beobachtet aufmerksam die russische Tagesaktualität und bringt in seinen Wortmeldungen die geistige Lage der russischen Nation auf den Punkt. Seine luziden Berichte erscheinen in der «New York Review of Books», im «New Yorker», in der «FAZ» und in der «Zeit». - Jerofejew scheint sich aber mit diesem beachtlichen publizistischen Erfolg nicht begnügen zu wollen: Sein neustes Buch, «Der gute Stalin», trägt den trotzigen Untertitel «Roman». Überdies hält Jerofejew gleich zu Beginn fest, dass alle Personen frei erfunden seien, auch die realen Menschen und der Autor selbst. Solches Insistieren auf der Literarizität des eigenen Schreibens ist Ausdruck einer Unsicherheit, die an einer Stelle des Buchs sogar explizit formuliert wird: Jerofejew beklagt sich darüber, dass der deutsche Slawist Wolfgang Kasack ihn nicht in sein Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts aufgenommen habe.

Dabei hätte Jerofejew einen solchen Kampf um den Aufstieg in den Parnass gar nicht nötig - er verfügt als Kritiker bereits über einen festen Platz in der russischen Literaturszene. In den siebziger Jahren hatte er sich mit Essays über Autoren, die in der Sowjetunion tabu waren, einen Namen gemacht. Die ersten mutigen Artikel über den Marquis de Sade oder den Religionsphilosophen Lew Schestow stammen aus seiner Feder. 1979 kam es zur offenen Auseinandersetzung: Jerofejew war einer der Initianten des Samisdat-Almanachs «Metropol» und stürzte mit der Umgehung der Zensur die sowjetische Kulturpolitik in eine tiefe Krise - nach den negativen Erfahrungen mit den Repressionen gegen Sinjawski und Solschenizyn herrschte in der staatlichen Bürokratie Ratlosigkeit über den Umgang mit unbotmässigen Autoren. In Jerofejews Fall musste der Vater, der eine glänzende Karriere in der Sowjetdiplomatie absolviert hatte, für den Sohn büssen: Er verlor seinen Posten als stellvertretender Unesco-Generaldirektor in Wien und wurde nach Moskau zurückberufen. Die Strafe gipfelte in der absoluten Sinnentleerung des weiteren Dienstes: Jerofejews Vater verbrachte den Rest seines Arbeitslebens mit dem Resümieren der Auslandberichterstattung der «Prawda» und «Iswestija».

Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Jerofejew seiner Provokationsmaxime treu geblieben, allerdings musste er sein Angriffsziel wechseln: Er schrieb in den neunziger Jahren nicht mehr gegen den verkalkten Sozrealismus an, sondern gegen den guten Geschmack. Als sich herausstellte, dass man auch mit Sex- und Fäkalszenen keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte, verfiel Jerofejew auf eine brisante Idee, die er im «Guten Stalin» literarisch umgesetzt hat: Er fordert die politische Korrektheit heraus und präsentiert seine eigene Kindheit als stalinistisches Paradies. In dem autobiografischen Essay - diese Genrebezeichnung wird dem Text am ehesten gerecht - bezeichnet er seinen Vater als «guten Stalin»: Der Vater ist gewissermassen der Diktator minus Terror. - Man muss zugeben, dass Jerofejew seinen Einfall virtuos umgesetzt hat: Er feiert mit ironischer Distanz die Sorglosigkeit der stalinistischen jeunesse dorée, zu der er selbst gehörte, und ergänzt dieses Selbstporträt mit einem anerkennenden und zugleich kritischen Bild seines Vaters. Jerofejew richtet seinen Blick vor allem auf jene Verhaltensweisen, deren Widersprüchlichkeit gar nicht in das Bewusstsein des Vaters vordrang: So begeisterte sich der Botschaftsrat in der sowjetischen Gesandtschaft in Paris zwar für die Luxusgüter der französischen Zivilisation, war aber gleichzeitig allen Ernstes von der Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution in Westeuropa überzeugt....Fortsetzung

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