Der gute Polizist von Tom Torn, 2009, KuratowskiDer gute Polizist.
Roman von Tom Torn (2009, Kuratowski Verlag).
Besprechung von Guido Rohm in textem.de, 15.02.2009:

Meistens gab es Spaghetti
Frank Smith hat gerade seinen 40. Geburtstag hinter sich gebracht, als seine Frau ihn verlässt. Sie brennt mit dem Feuerwehrmann Carlson Cliff durch, einem „geschniegelten Arschloch ohne Schneid“, wie Smith in einer Bar am Times Square einem Fremden ins Ohr flüstert. Dieser Fremde wird sich später um Carlson Cliff kümmern, einfach „weil ihm der Mann in der Bar leidtat“.

Der Fremde, das ist Carl Land, jener gewissenlose Polizist, den wir bereits aus den Romanen „Landende“ und „Blick bis ans Ende der Nacht“ kennen. Land ist einer jener „guten“ Polizisten, die sich bei den Gangstern finanziell bedienen, um sie dann um die Ecke zu bringen. Er verhaftet die Mörder schon lange nicht mehr. Er bringt sie einfach selbst um. Er ist eine Art unsympathischer Zwillingsbruder der von Patricia Highsmith ersonnenen Figur des Ripley.
Erfunden hat die Gestalt des Carl Land der in Brooklyn lebende Autor Tom Torn, der bereits für seinen Erstling „Jenseitsmusik“ mit dem begehrten Mountain-Sinclair-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Torn, der damals als Journalist für ein Aquarienmagazin schrieb und 20-jährig bereits seine zweite Scheidung zu verzeichnen hatte (inzwischen ist Torn neun Mal geschieden und hat 13 Kinder von vier Frauen, zumindest behauptet dies so seine Autobiografie „Wie viele Anschläge die Minute?“), hat mit „Der gute Polizist“ seinen inzwischen 30. Roman vorgelegt. Mit dem neuen Roman ist ihm allerdings ein außergewöhnlicher Krimi gelungen, der die Grenzen von Gut und Böse einmal mehr verwischt.
Zu Anfang des Buches begleiten wir Land zu dem Mafiosi Luigi Camillo, der wie eine Mischung aus Marlon Brando, Orson Welles und Frank Zappa beschrieben wird.
„Land hatte sich die Schuhe ausgezogen. Wenn man Camillos Haus betrat, dann musste man entweder die Schuhe ausziehen oder draußen bleiben. Camillo konnte Dreck nicht ausstehen. Er ließ das Haus mehrmals am Tag putzen. Staub widerte ihn an. Er könnte verrückt werden, wenn er mit seinen knochigen Fingern über eine Stuhllehne fuhr und eine Schicht Staub darauf hatte. Es soll schon vorgekommen sein, dass er einen Mordauftrag gab und nur, weil er auf ein Staubkorn stieß, die ganze Familie des eigentlichen Opfers umbringen ließ. Dabei machte Camillo selbst nicht den besten Eindruck. Seine Hose hing locker an ihm. Er trug einen ungepflegten Schnauzer, in dem sich irgendwelche Essensreste verfangen hatten. Man konnte eigentlich immer an seinem Bart das jeweilige Mittagessen des Tages ablesen. Meistens gab es Spaghetti. Er saß in seinem Sessel, aufgeblasen wie eine Puppe, ein in sich versunkenes Wesen aus einer anderen Welt. Allerdings war er ein brandgefährliches Wesen.“        
Land kassiert an diesem Tag, wie schon so viele Male zuvor, bei Camillo ab. Der Pate bezahlt, und die New Yorker Polizei lässt ihn dafür in Ruhe seinen Geschäften nachgehen. An diesem Tag allerdings wird Camillo sterben. Nachdem Land das Gebäude verlassen hat, zündet er diverse Brandbomben. Der Pate verbrennt jämmerlich. Das Ganze wird geschickt und ohne Wertung in der trockenen Tradition eines Dashiell Hammett erzählt. Soll man jetzt mit dem Paten Mitleid haben oder nicht? Dem Leser bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, weil er ab sofort mit Land auf der Flucht ist. Klar, die Mafia lässt sich nicht so einfach ans Bein pinkeln, und sie wissen schnell, dass der Mörder von Camillo Land heißt. Und weil ihm seine Kollegen schon lange misstrauen und er nun auch noch einen „Kunden“ erledigt hat, kann er von denen auch keine Hilfe erwarten. Von nun an ist Land auf der Flucht und er ist auf sich allein gestellt.  
„Er hatte sich kurz bei Maggie gemeldet. Sie war nicht da. Er sprach hektisch auf den Anrufbeantworter. Sie solle ja niemandem aufmachen. Am besten wäre es, wenn sie mal eine Pause in Kanada einlegen würde. Nicht lange. Höchstens so drei bis vier Jahre. Er würde sich dann wieder bei ihr melden.“
Torn erzählt voller Ironie. Er treibt seine Geschichte wie eine Herde Wildpferde an. Die Sätze sind klar und kurz und gerade dadurch entsteht die bekannte und immer wieder von Kritikern beschworene „Atemlosigkeit“ seines Stils. Er gönnt dem Leser keine Pause. Erst beim Showdown an den Niagarafällen stockt man, weil Torn hier ganz gegen seine Gewohnheit das Tempo rausnimmt.
„Land starrte in die Gischt. Das herabgestürzte Wasser schäumte auf. Er konnte sich gar nicht satt daran sehen. Er hätte ewig hier stehen können und in diese Schaumkronen starren. Für einen Moment fühlte er sich wie der König eines verfluchten Königreiches. Und dieses Königreich musste er verteidigen. Die feindlichen Armeen standen dicht an den Landesgrenzen. Er musste etwas tun. Musste Bündnisse eingehen. Aber mit wem? In diesem Moment schlug eine Kugel in den Felsen neben ihm ein. Er duckte sich, spähte rasch nach dem Schützen und sprang dann in die Reihe der dornigen Büsche. Die verfluchten Schweine, dachte er und suchte nach seiner Waffe. Nichts. Er musste das Ding verloren haben. Es war zum Schreien.“
Wie der Roman ausgeht, soll natürlich nicht verraten werden. Die deutsche Übersetzung durch Ute Paulsen ist mehr als gelungen und man kann sich schon auf den nächsten Roman aus dem Hause Torn freuen, der ganz bestimmt kommt.
In einem Interview  mit dem Spiegel erklärte Torn unlängst, er werde sich „noch lange nicht zur Ruhe setzen. Da schwirren noch so viele Geschichten in meinem Kopf rum. Krimis sind die idealen Gesellschaftsporträts. Mit ihnen kann man alles erzählen. Sie werden noch einiges von mir hören. Außerdem will ich noch den National Book Award.“ Eines kann man mit Sicherheit sagen. Tom Torn hätte ihn verdient. Aber leider siedeln ihn die meisten Kritiker immer noch im Trivialen an. Das ist schade. Sie verpassen nämlich einen der aufregendsten Autoren der Moderne. Man kann nur hoffen, dass sich das noch ändern wird. Tom Torn wird es wohl egal sein. Die Schreiberei macht ihm einfach eine Menge Spaß. „Was kann man mehr von einem Job erwarten.“ Das sagte Tom Torn, und wir pflichten ihm bei.

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Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © textem.de/Guido Rohm