Sonnenscheinpferd von Steinunn Sigurdardóttir, 2008, RowohltDer gute Liebhaber.
Roman von Steinunn Sigurdardóttir (2011, Rowohlt - Übertragung Coletta Bürling).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Zürcher Zeitung vom 25.1.2012:

Der Mann der vielen hundert Frauen
Die Isländerin Steinunn Sigurdardóttir ergründet in Prosa und Lyrik die ganz grosse Liebe

Ein Buch von Steinunn Sigurdardóttir zu lesen, ist, als ginge man heimlich durch ein Haus im Herzen Reykjaviks, ein Haus, dessen Mieter eben unterwegs sind. Eigenbrötler wohnen Tür an Tür, man sieht nur die Namen. Der Leser geht in den Text wie in die erste fremde Wohnung – vorsichtig. Die Einrichtung irritiert, so ungewohnt und so vertraut. Befangenheit, auch leise Furcht: Wer mag der Mieter sein? Und was, wenn er plötzlich heimkäme? Man lauscht . . . Stille; vielleicht schlägt eine Uhr. Jetzt siegt die Neugier, die Freude am gediegenen Interieur, am Stil, was für ein hintergründig heiteres Ambiente! Fast schwebt man von Raum zu Raum, doch plötzlich kracht es und staubt: Just im Wohnzimmer bricht der Besucher durch die Dielen. Unvermutet sieht er sich in einer anderen Wohnung, in einer neuen Existenz, im schlimmsten Fall in einem Keller oder Verschlag. Und so geht es ein paarmal in jedem Roman, aus dem Hellen ins Düstere, aus dem Flachen ins Tiefe, abrupt, Knall und Fall. Die meisten Bücher der Isländerin sind so, sind voller Zauber und Geheimnis, Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Wunder über Wunder

Nicht so dieses Buch. «Der gute Liebhaber» bietet mehr Geheimnistuerei als Geheimnis, und hinterm Zauberschleier der Sprache wartet kaum eine Überraschung. Der Protagonist, Karl (37), ist eher Typ als Mensch, Finanzjongleur, Spekulant, Weltenbummler mit isländischen Wurzeln; ein Schloss in Südfrankreich, ein Haus auf Long Island. Jäger und Sammler ist er, Don Juan mit zahllosen Trophäen (die er Liebhaberinnen nennt), ledig, kinderlos, ein Mann mit beinhartem Ego. Sentimental wird dieser Karl nur, wenn er an die Mutter denkt oder an die Jugendliebe. Die Mutter, alleinerziehend, war Schneiderin und Sängerin, in beiden Künsten gross, sie vergötterte den Knaben. Eine Übermutter, früh verstorben.

Keine reichte an sie heran – bis auf Una, die Schulkameradin. Mit elf wurden die Kinder Freunde, nach dem Gymnasium waren Karl und Una ein Paar, aber nur für Monate. Seither – es ist ein Wunder! – verzehrt sich der Womanizer nach dieser einen; beim Sex mit «vielen hundert» anderen denkt er nur an sie. Siebzehn Jahre nach der Trennung fliegt Karl ihretwegen von New York nach Reykjavik, er fremdelt heftig in der Stadt und landet zur Nacht bei einer farblosen Frau. Das nächste Wunder: Die Jugendliebe Una wohnt gleich im Haus nebenan, in einer Strasse mit dem märchenhaften Namen Silberstrand.

Märchenhaft und zäh geht's weiter. Vom Haus der Farblosen aus telefoniert Karl mit einer Ex-Gespielin, einer Frau aus New York, die er seit einem One-Night-Stand vor Jahren nicht mehr gesprochen hat: Doreen Ash, Psychoanalytikerin. Er heult sich aus, sie hört ihn an (Wunder!) und rät, Una anzurufen, sofort?, sofort!, ja, mitten in der Nacht. Die gute Una, längst verheiratet, hat siebzehn Jahre lang offenbar nur auf diesen Anruf gewartet, Wunder, Wunder, im Pyjama verlässt sie Mann, Haus und Heimatstadt, um mit Kauz Karl erst in das südliche Schloss und dann nach Long Island zu ziehen. Happy End, die Geigen singen.

«Der gute Liebhaber» ist ein Hohelied auf den beziehungskranken Mann, das Porträt eines Muttersöhnchens, das in natura wenig Sympathisches hätte. Warum Steinunn Sigurdardóttir ihn so stilvoll feiert, verrät sie nicht. Ironie? Ist nicht zu spüren. Wäre die Vita des Schönlings eine Wohnung, dann eine ohne Überraschungen, viel teures Zeugs, die Massanzüge nach Farben sortiert. Eben will man wieder hinaus, da kracht es doch noch, und der Leser stürzt durch Dielen und Gebälk in eine andere Ebene, hinab zu Doreen Ash, der Psychotante in New York. Die Komparsin ist plötzlich Hauptfigur und der Rest des Romans eine wahre Wundertüte. Die Analytikerin hat eben ein Buch vollendet – ausgerechnet über jenen One-Night-Stand mit dem Isländer, über diesen Abend vor Jahren, realistisch bis ins peinliche Detail. Wie heisst das Werk? «Der gute Liebhaber» (oh, ein Buch im Buch!). Und den Liebhaber, wie hat sie den genannt? «Carl Söhnlein». Der Leser vernimmt's mit Kopfschütteln: Die kühle Doreen Ash schrieb ihren Bestseller aus unstillbarem Leid heraus, wegen ihrer unerwiderten Liebe zu einem Spekulanten namens Karl. Die Arbeit am Buch war Selbsttherapie, doch sie hat nicht geholfen. Am Tag nach der rauschenden Präsentation des «Liebhabers» bringt Doreen sich um. Blende und Abspann, nun schluchzen die Geigen.

Poetisches Liebessehnen

Man könnte anders über die Liebe sprechen, anrührend, in verhaltenem Ton, so, wie es die Erzählerin in anderen Romanen tat. Oder so wie die Lyrikerin Steinunn Sigurdardóttir. Die Autorin (Jahrgang 1950) betrat die literarische Bühne einst als Poetin; ihr lyrisches Debüt erschien, als sie neunzehn war. Nun gibt es – parallel zum jüngsten Prosawerk – erstmals einen kompletten Gedichtband der Isländerin auf Deutsch, «Sternenstaub auf den Fingerkuppen» (das Original von 2007 trägt den weniger kitschigen Titel «Ástarljód af landi», «Liebesgedichte vom Land»).

Die Poetin schreibt bald mit Pathos, bald mit Feingefühl, schreibt von Liebessehnen und unerfüllter Liebe, vom Glück der «Herbst-Liebe» und vom Zauber des Beginns. Unerträglich, notiert sie, sei die Vorstellung, «dass jeder Anfang ein Ende nimmt und das Ende des Kusses der Vorläufer eines Lebens ohne Küsse ist». Die Poetin wird ironisch. «An den Allmächtigen, der Liebhaber und Geliebte zuteilt // Bei allem Respekt, bedenke, / dass eine Geliebte / für einen jungen Mann nicht genug ist.» Eine ältere brauche er, eine, die ihm Gedichte zitiert und «die Seele mit dem Strich streichelt, / wie einem verwöhnten Kater», doch für den Abend bitte eine junge «mit blütenzarten Fingern». Oft wird die Poetin melancholisch, etwa in dem Zyklus «Lieder aus der Dämmerung». «Drücke sie an dich, fest, die Liebe, die verheissene, / denn dies ist die letzte Liebe. Ausgeschlossen. / Überall ausser im Traum und Gedicht.»

Am schönsten sind die Verse der Inselfrau über ihre Insel, Verse über Schattenberg und Totental, Glitzerhang und Honigbach, diese Liebeserklärungen an eine Landschaft. Ganz kurz: «Langschattenmonat. Oktober: / Kleine Inseln werfen spitzdünne Schatten aufs Meer.» Und noch einmal ganz kurz: «Der Herbstsee auf Thingvellir. Die Zeit im leichten Wind, den Skjaldbreidur entlang. / Nie tiefere Farben, nahe dem Kern.» Ja, das ist Liebe.

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