Der grosse Roman von Jörg Burkhard, 2001, Verlag EngstlerDer grosse Roman.
Roman von Jörg Burkhard (2001, Verlag Peter Engstler)
Besprechung von Florian Vetsch aus der Wochenzeitung, Zürich, 1.2.2001:

«identitätärä bumm bumm bumm»
Gegen Linke, Rechte, die Kunst – gegen alles: Jörg Burkhards Suaden sind literarische Avantgarde.

«es riecht nach faulem weihrauch fisch benzol kaiser-kanzler-krupp & natowetter deutschlandeutschland überall / in der welt sowie im all ideales luftschlagwetter balkanwetter kaukasuswetter in afrika ist immer gutes wetter. schönwetterwetter schönwetterluftschläge schön- wetterverbände schönwettervergeltung schönwetterendsiege blitz-aus-heiterem-himmel schönwettermassaker schönwetterpogrom WIR LIEBEN DEN KRIEG wir WETTEN DASS der krieg bloss die fortsetzung des friedens mit anderen mitteln ist»

Jörg Burkhard schreibe keine Sätze, in denen man sich wohl fühlen könne, sagte Hans Thill 1993 zutreffend im Heft 45 des Magazins «Flugasche», das diesem Underground-Literaten gewidmet war. Jörg Burkhard ist 1943 in Dresden geboren, lebt aber seit 1945 im späteren Westdeutschland, heute in «highdelberg». Dort leitete er von 1968 bis 1980 die Buchhandlung «Fahrenheit 451 poesie + politik», die unter anderem auch Charles Bukowski und Allen Ginsberg besuchten. In dieser Zeit veröffentlichte Burkhard bei Wunderhorn erste Gedichtbände, darunter «In Gaugins alten Basketballschuhen» und «Julifieber». Doch Gedichte in der Form der traditionellen Lyrik mochte er nicht länger schreiben. Seit 1980 produziert er GELD, nach seiner Definition: «general electric language districts im elektroakustischen selbstverlag live nichts Bleibendes schaffen». Burkhard entzog sich früh der Mechanik des Literaturbetriebs; im Unterschied zu manchen seiner bekannteren Kollegen aus der Protestliteratur der sechziger Jahre legte er es nie darauf an, früher oder später «quasselquartettkompatibel» (Junge Welt) zu schreiben. Das bewiesen «Live in Zombombie», «Volumes of Friendly Fire» und «Kevin Limbos grösster Fall», seine Publikationen aus den neunziger Jahren im Peter-Engstler-Verlag, und das zeigt auch sein jüngstes, ebenda erschienenes Buch «DER GROSSE ROMAN».
«Roman» meint kein Prosawerk, sondern den Protagonisten Roman Meggle, der als «kollumnist bei der ‘VOLLBECLOPPTENBURGER’» arbeitet, gegen die 100-Kilo-Körpergewichtsgrenze ankämpft und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Doch Burkhard liegt es fern, die Vorstellungswelt der LeserInnen auf einen durchkomponierten Handlungsverlauf zu trimmen. Die 41 Kapitel seines Antiromans wuchern in alle möglichen Richtungen. Auch im Ideologischen. Denn so hart Burkhard beispielsweise in dem eingangs zitierten Passus mit der Deutschland- beziehungsweise der Natopolitik ins Gericht geht, so hart fährt er auch den Achtundsechzigern an den Karren: «diese linke szenerie damals war doch ein unglaublich ignoranter gehässiger moralisierender kleinkarierter eloquenter besserwisserhaufen». Das wider den Zeitgeist politisch Inkorrekte ist für diesen Spracharbeiter eine Spielwiese, auf der er sich nicht scheut, bis ins Grobianische vorzustossen. «Tote Fische schwimmen mit dem Strom», lautet eine geradezu programmatische Kapitelüberschrift. Doch es geht nicht nur um die Demontage von Leitbildern aus dem Mainstream, sondern auch um die Aggression gegen die Ikonen des Bildungsbürgertums und seiner akademischen Ableger. Die Begegnung zwischen Martin Heidegger und Paul Celan – die Texte, die sie bezeugen, gehören zu den inzwischen standardisierten Hochseilakten des germanistischen Seminars – unterwirft Burkhard seinem typisch subversiven Umgang mit etablierten Grössen der Literatur- und Geistesgeschichte. Und zu Ernst Jünger fällt Roman Meggle nichts mehr ein: «roman erhob sich aus sessel & pisste ins bücherregal – das macht er jedn tach – wie 1 hund – immer an die gleiche stelle – ernst jünger? – genau!»
Grössen, die zur Verklärung, aber auch zur Identifikation verleiten, provozieren Burkhard. Das Identitätsdenken ist sein liebstes Ziel: «identitätärä bumm bumm». Deshalb wird kein Leser, keine Leserin des «GROSSEN ROMANS» ungeschoren davonkommen. Doch Burkhards Hauptattacke gilt der deutschen Sprache – als schändete er mit ihrem Leib die ganze schwere Geschichte Deutschlands. So, wenn er durch Einblendungen geschichtliche Epochen in oft verstörender Weise zusammendenkt; zum Beispiel in dem Einsprengsel «freude schöner goebbelsfunken», das Schillers beziehungsweise Beethovens berühmte Versöhnungshymne mit der Nazi-Propaganda kurzschliesst.
Burkhards Collagen vermitteln zudem einen Einblick in den Think-Tank dieses Antiautors; wie wenn man einen Blick auf den Arbeitstisch eines Künstlers wirft. Die sprachschöpferische Radikalität von Jörg Burkhard aber steht allein auf weiter Flur. Wir müssen ihm, selbst wenn die Magengrube mitunter schmerzt, dafür dankbar sein, dass er auch unsere festgefahrenen Denkbahnen immer wieder zu sprengen weiss.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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