Der große Glander.
Roman von Stevan Paul (
2016, Mairisch Verlag).
Besprechung von Hellmuth Opitz für LYRIKwelt.de, November 2016:

Zurück an den Herd
Stevan Pauls Debütroman „Der große Glander“

Eines Abends, als der Kunstkritiker Mönninghaus zusammen mit seiner Frau in einem Nobelrestaurant speist, nimmt er an einem der Nebentische einen hünenhaften Mann wahr, der ihm trotz Bart und wildem Haarschopf irgendwie bekannt vorkommt. Ist das nicht der große Glander, ein begnadeter Künstler, den es schon in jungen Jahren nach New York verschlug, wo er als Hauptprotagonist der „Eat-Art“-Bewegung aus kulinarischem Genuss performanceartigen Kunstgenuss machte? Und der auf dem Höhepunkt seines Ruhms plötzlich abtauchte, seit 12 Jahren spurlos verschwunden ist und gerade dadurch um so mehr zur Legende wurde? Ehe er den Mann ansprechen kann, ist der allerdings wieder verschwunden.

Aber der Jagdtrieb des Kunstredakteurs ist nun geweckt.

Ebenso das Interesse des Lesers, dem Stevan Paul dieses interessante Plot-Setting als Ausgangspunkt serviert. Alsbald folgt die Leserschaft den Protagonisten gespannt durch Schauplätze wie Hamburg und New York, man reist auf ihren Fersen an den Bodensee, ins Allgäu oder nach St. Moritz. Vor allem aber sitzt man häufig am Tisch bzw. steht am Herd und erlebt die Entstehung schmackhafter Gerichte und ausgefeilter Genüsse aus nächster Nähe mit. Dass der Autor als ausgebildeter Koch, kulinarischer Blogger und feiner Erzähler dort selbst mit heißem Herzen steht, kann man deutlich an leichten stilistischen Änderungen erkennen. Mit einem Mal erhöht sich das Adjektivaufkommen, die Sätze stellen sich in den Dienst des Auftrags, dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen. Das gelingt vortrefflich. Ganz nebenbei erfährt man aber auch andere Dinge, zum Beispiel über den traurigen Niedergang von Printmedien, der längst auch den Fachmagazinbereich erfasst hat.

Aber zurück zum Roman: Man muss kein großer Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Handlung natürlich auf eine Überraschung, eine Wende zuläuft. Es wäre ein Frevel zu verraten, worin sie besteht, nur soviel: Stevan Paul will seinem Romanpersonal nichts Böses, er geht mit ihm charmant, augenzwinkernd und mit einer gewissen Zärtlichkeit um. Wenn es allerdings ums Kochen geht, wird er deutlich und leidenschaftlich: Er wendet sich gegen die mediale Überhöhung, die Inszenierung, die Show, die den ursprünglichsten aller Genüsse zum Event verkommen lässt. Ja, man kann diesen Roman auch als leidenschaftliches Plädoyer gegen die Eventisierung des Kochens lesen. Back to basics, zurück an den Herd, zu einfachen Zutaten und Rezepten, zum Abschmecken, Probieren und Genießen ist Pauls Devise. Und wenn man heute TV-Gestalten wie Steffen Henssler erleben muss, die in ihren grobschlächtigen Shows nur ihre eigene ADHS-Persönlichkeit zum Brodeln bringen, kann man dieser Devise nur beipflichten. Insgesamt ruft dieser Roman nach Verfilmung, man kann nur hoffen, dass er in die Hände guter Regisseure und Drehbuchschreiber gerät. Das große Herz und die Harmoniebedürftigkeit von Stevan Paul ist durchgängig spürbar, auch am Ende. Die große abendliche Festtafel, an der fast alle Platz finden, erinnert ein wenig an das große Wildschweinessen am Ende eines jeden Asterix-Comics. Nur dass Stevan Paul hier als vortrefflicher Besinger der Festivität mittafeln darf und nicht wie Troubadix die Nacht gefesselt und geknebelt am Baum verbringen muss.

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