Der größere Teil der Welt von Jennifer Egan, 2012, Schöffling1.) - 2.)

Der größere Teil der Welt.
Roman von Jennifer Egan (
2012, Schöffling&Co. - Übertragung Heide Zeltmann).
Besprechung von Sacha Verna in der WAZ vom 24.8.2004:

Proust und Pita Brot
Frühstück mit lennifer Egan, deren Bestseller Leser auf eine Achterbahnfahrt durch Epochen und Biografien entführt

Um zehn Uhr vormittags herrscht im Olea, einem Tapas-Restaurant in Brooklyn, noch kein Betrieb. Die Kellnerin wischt Gläser aus, und jemand hackt in der Küche heftig vor sich hin. "Im Olea wird man uns in Ruhe lassen", hatte Jennifer Egan am Telefon gesagt. "Ich mache in dem Lokal fast alle meine Interviews." Sie wohnt nur ein paar Blocks entfernt, und Interviews hat sie in den vergangenen Monaten jede Menge gegeben. Wenige Minuten nach zehn ist sie da. Grüne Strickmütze, grüne Strickjacke, rote Nase vom eiskalten New Yorker Winterwind. Keine Allüren. Sie bestellt Milchkaffee und ein türkisches Frühstück.

Seit die 49-jährige Autorin für "Der größere Teil der Weit" im letzten Jahr den renommierten Pulitzer-Preis gewonnen hat, wird sie von Medien und Publikum bestürmt wie nie zuvor in ihrer zwanzigjährigen Karriere. "Dieser Roman ist die Chance meines Lebens, aber ich darf mich nicht daran gewöhnen, vom Publikum geliebt zu werden."

Ehrgeiz gepaart mit Wagemut ist eines von Egans Markenzeichen. Literatur für die Massen - ja. Gefällige Kompromisse - nein. Deshalb liestsich keines ihrer Bücher wie das vorhergehende. Jedes neue ist erzählerisch innovativer als das davor. Das führt so weit, dass "Der größere Teil der Welt" nicht einmal mehr eine eigentliche Handlung hat.

Der Roman begann in der Damentoilette eines Hotels. Eine vergessene Handtasche brachte Jennifer Egeln auf die Idee für eine Erzählung über eine Kleptomanin namens Sasha. Bald darauf nahm Sashas Chef Gestalt an, ein Musikproduzent, der Goldstaub auf seinen Kaffee streut und sich statt Deodorant Insektenvernichter unter die Arme sprüht. So wuchs aus Nebenfiguren, die sich ihre eigene Geschichte - eroberten, ein packendes Ganzes heran, das einen von den Punk-Rock-Kreisen im San Francisco der 70er-Jahre bis ins klimageschädigte New York der nahen Zukunft führt.

"In dem Roman geht es letztlich um das Thema Zeit, darum, was Zeit bei den Menschen anrichtet", sagt Jennifer Egan. Sie zitiert "Die Suche nach der verlorenen Zeit" und schiebt sich ein Stück Pita-Brot-in den Mund. Sechs Jahre hat sie in einer Lesegruppe mit der Lektüre von Marcel Prousts Monumentalwerk verbracht. Lesegruppe? Na klar. Vor der Rolle der vergeistigen Schriftstellerin bewahrt sie zudem ihre journalistische Arbeit. Jennifer Egan verfasst immer wieder Artikel für das New York Times Magazine, von denen einige preisgekrönt sind. "Müsste ich zwischen Literatur und Journalismus wählen, würde ich mich für die Literatur entscheiden", sagt sie. Aber das journalistische Schreiben würde ihrfehlen.

Als Nächstes will sich Jennifer Egan eine Altlast vom Hals schaffen. Seit Jahren schon arbeitet sie an einem historischen Roman über die Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges für die Marine gearbeitet haben. "Die Leistung dieser Frauen ist von der Geschichte bisher völlig ignoriert worden", sagt Jennifer Egan. Recherchiert hat sie bereits ausgiebig. Jetzt muss sie nur noch die verlorene Zeit finden, um es zu schreiben.

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Der größere Teil der Welt von Jennifer Egan, 2012, Schöffling2.)

Der größere Teil der Welt.
Roman von Jennifer Egan (
2012, Schöffling&Co. - Übertragung Heide Zeltmann).
Besprechung von Barbara Mader aus der Kurier, Wien, 13.7.2012:

Rock-Roman: Familienaufstellung mit Iggy Pop
Sex, Drugs und eine Handvoll Lebensläufe: Jennifer Egans Roman erzählt von der Eile des Schicksals im Rock-Business.

Reden wir über gute erste Sätze: "Es fing an wie üblich auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels." Hier ist Sasha, die kleptomanische Protagonistin des ersten Kapitels, sie wird jetzt eine Geldbörse stehlen.

Später wird sie ihrem Chef Bennie eine Dose mit Goldflocken entwenden. Bennie ist Musikproduzent, der Mitte der Nullerjahre Kaffeeschaum mit Goldflocken zu sich nimmt, weil er glaubt, das sei potenzfördernd. Bennie war in den frühen Achtzigern Möchtegern-Punk, später wurde er reich. Dann verließ ihn die Lust auf Sex und mittlerweile auch auf Musik. Dazwischen kokste er, auch das führte zu Toilettengeschichten (Kokain wirkt verdauungsfördernd).

Von 1973 bis 2020 begleitet Jennifer Egans Roman "Der größere Teil der Welt" die kleptomanische Sasha und den potenzsuchenden Musikproduzenten Bennie. (Er wird sie irgendwann wegen ihrer langen Finger feuern.)

Egan erzählt dabei keine geringere Geschichte als jene, wie gnadenlos schnell das Leben vorbeigeht. Du beginnst als Groupie, dazwischen ertrinkt dein Freund im East River, du endest am Stadtrand mit Mann und Kind. Deine Nachbarn sind Republikaner und dein Rockhero von damals ist alt und fett geworden.

Nur Statisten

In dieser Geschichte hat jeder mit jedem zu tun. Sie begleitet verschiedene Lebensläufe, die meisten am Rande des Musik-Business. Von L.A. bis New York bis Neapel. Sex, Drugs und Sterben. Die Figuren sind einmal Protagonisten, dann wieder Statisten. Egan lässt sie nach vorne treten, dann wieder auf ihren nächsten Auftritt warten. Sie sind Teenager und haben Oralsex mit dem Plattenboss. Kurz darauf sind sie Mitte vierzig und halten die knorrige Hand des sterbenden Mannes zum letzten Mal.

Zeitsprünge. Gestern waren wir jung und schön. Heute sind wir bettlägrig. Egan seziert das Leben. Ungnädig. Rolphs Schlafanzug ist mit Elfen bedruckt, er ist gerade alt genug, sich dafür ein bisschen zu schämen. Er weiß nicht, dass ihm sein Daddy in ein paar Jahren die Freundin ausspannen wird. Noch während Rolph mit seiner Schwester Charlie tanzt, erzählt Egan, dass er sich mit achtundzwanzig im Haus seines Vaters eine Kugel in den Kopf jagen wird.

Charlie wird sich immer an diesen Moment erinnern, als ihr kleiner Bruder schüchtern tanzen lernte.

Ein Konzeptalbum nennt Egan ihren Roman. Ihre Inspirationsquelle: The Who. Sie wollte ihr Leben lang Roger Daltry heiraten. Der Patron des Buchs aber ist Iggy Pop und sein Song "The Passenger": Ich bin ein Passagier / und ich fahre und ich fahre / ich fahre ans Ende der Stadt.

Und es ist alles so verdammt schnell vorbei. Nostalgisch ist auch die Form des Romans: Konstruiert wie ein Plattenalbum in dreizehn Kapiteln. Mit verschiedenen Sounds und Stimmungen von Frust, Trauer bis Komik. Jedes Kapitel ist im Ton verschieden, doch alles fügt sich zu einem Ganzen. Ein Kapitel ist als Powerpointpräsentation geschrieben: die in Vortragsfolien abgefasste Familienaufstellung einer Zwölfjährigen.

Die 49-jährige Jennifer Egan aus San Francisco schreibt seit 1993 Romane, Erzählungen und Artikel für Magazine wie The New Yorker. Dieses ist ihr fünftes Buch und es wurde gleich nach seinem Erscheinen 2010 mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet, ein Jahr später mit dem Pulitzerpreis.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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