Der gordische Knoten.
Texte von Zbigniew Herbert (2001, Friedenauer Presse - Übertragung Henryk Bereska).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 6.6.2002:

Begegnung von Knoten und König
Ein kunstvoll verschlungenes Gebilde aufdröseln: Kleine Apokryphen des großen Zbigniew Herbert

In der antiken Stadt Gordion wurde ein dem Zeus geweihter Streitwagen des sagenhaften König Midas aufbewahrt, dessen Deichsel mit einem komplizierten Knoten an dem Fahrzeug befestigt war. Ein Orakelspruch verhieß demjenigen die Herrschaft über Asien, dem es gelänge, diesen Knoten zu lösen. An dieser Aufgabe versuchte sich auch Alexander der Große auf seinem Zug gegen Persien (334-333 vor Christus). Als er feststellen musste, dass es ihm unmöglich war, das kunstvoll verschlungene Gebilde aufzudröseln, durchschlug er den Knoten mit einem kraftvollen Schwerthieb: Dieser Umgang mit dem Gordischen Knoten gilt seither als Muster für eine rasche, entschiedene und unkonventionelle Lösung eines hoch komplizierten Problems.

Was der - immerhin von Aristoteles persönlich erzogene - Heerführer und Staatenlenker freilich übersah, war die Tatsache, "dass das Lösen von Knoten und Problemen keine athletische Leistung ist, sondern eine geistige Unternehmung, und dies setzt eine Bereitschaft zum Irren und zur Ratlosigkeit, die wunderbar menschliche Unsicherheit und demütige Geduld angesichts der verworrenen Materie der Welt voraus". Dieser Ansicht war jedenfalls der vor drei Jahren verstorbene polnische Lyriker und Essayist Zbigniew Herbert, wie aus einem in seinem Nachlass gefundenen kleinen Prosastück hervorgeht.

Herbert erzählt die heroische Anekdote aus dem klassischen Altertum mit durchaus zeitgenössischer Skepsis und Ironie neu und nach. Seine Erfahrungen mit dem Personenkult realsozialistischen Angedenkens verhelfen ihm zu einem sehr kühlen Blick auf den antiken Helden, den bei seinen Eroberungskriegen "neben Ärzten, Kurtisanen, Künstlern, Gelehrten und Gefährten stets ein Staatsdichter, ein offizieller Geschichtsschreiber und ein Wahrsager" begleiteten. Letzterer "erfindet" denn auch das eingangs angeführte Orakel und inszeniert die Begegnung zwischen Knoten und König; neben seinem prophetischen Gewerbe übt er nämlich noch die Funktion eines Propagandaministers aus. So missleitet, verfehlte Alexander - den Herbert übrigens nie den Großen, sondern lediglich von Makedonien nennt - seine Aufgabe: Er löst das Problem nicht, sondern macht es lediglich "mit einem scharfen Werkzeug zunichte". Für Herbert wird er so zum Geburtshelfer jener brutalen Gewalt, die sich seitdem durch die Geschichte zieht, bis hin zu den Stapeln brennender Bücher, "Fackeln der Finsternis", im zwanzigsten Jahrhundert.

Die Prosa-Miniaturen des Bändchens Der gordische Knoten (erschienen in der Friedenauer Presse) charakterisiert der Untertitel als Drei Apokryphen, als nicht kanonisierte oder gar gefälschte Text-Überlieferungen - de facto sind es Denk-Spiele, spielerische Reflexionen eines gebildeten Europäers. Herbert misstraut den politischen und den poetischen Mystifikationen in gleicher Weise, nach der pragmatischen Tatkraft Alexanders nimmt er die unsterbliche Liebe des italienischen Dichters Petrarca (1304-1374) ins Visier. Die Erzählung Die Stimme korrigiert sanft aber unnachsichtig das Bild jener Laura, die "auf ihrem aus dreihundert Sonetten geformten Alabasterbett" ruht, errichtet mit jener Mischung "von kühler Leidenschaft und diszipliniertem Wahnsinn", die nach Herberts Überzeugung die Kunst regiert.

Beschlossen wird das Büchlein von einer politischen Parabel, Der Spiegel, die in drei einander folgenden, ergänzenden und korrigierenden Fassungen von der Entstehung, der Verwirklichung und dem Ende einer politischen Utopie erzählt. Die persönliche Eitelkeit eines hohen Staatsbeamten löst in einem fernöstlichen Kaiserreich eine Reihe von Reformen aus, die das Staatswesen in einen Ort des Glücks und der Gerechtigkeit verwandeln sollen, wobei der Chefideologe felsenfest dem "Unerbittlichen Pulsschlag der Geschichte" zu folgen glaubt. Er vernachlässigt dabei den von Herbert fatalistisch konstatierten Grundsatz "Der den Untertanen angemessene Zustand ist der gemäßigter Bedrängnis" und weckt vor allem die Furcht und den Neid benachbarter Reiche. Einen ersten kriegerischen Überfall schlagen die Untertanen - als erstes Volksheer der Geschichte - zurück, sie verteidigen "die Erhaltung ihrer geliebten, unschätzbaren Freiheit des Murrens", die ihnen der Umbau der Gesellschaft immerhin beschert hatte. Beim zweiten Krieg fliehen Reformminister und Kaiser, der Erstere wird ermordet, die Spur des Letzteren verläuft sich im Meer . . .

Seine Skepsis gegenüber revolutionären und Erlösungs-Träumen hat Herbert mit Phantasie und Sorgfalt formuliert - da das Ende der Geschichte (entgegen aller Wende-Hoffnung) noch immer auf sich warten lässt, sind derlei Betrachtungen nach wie vor aktuell. Für den Leser des 21. Jahrhunderts ist es ein lohnendes Vergnügen, diesem erfahrungsgesättigten Vermächtnis aus dem 20. Jahrhundert nachzudenken; schon Martin Luther war der Ansicht, dass Apokryphen "gut und nützlich zu lesen seien".

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