Der Glöckner von Notre Dame.
Roman von Victor Hugo (1836)
Besprechung von Alexander Czajka, 05.2008:

Der Glöckner von Notre-Dame

Mal ehrlich, liest man den Titel: „Der Glöckner von Notre-Dame“, dann rümpft sich die Nase. Man verbindet mit ihm unzählige Kitsch- und Trickverfilmungen, hat vor Augen, wie der hässliche Quasimodo den Menschen Schrecken ein- und der schönen Esmeralda nachjagt. Welch buckliger Irrtum.

Der Originaltitel des Romans von Victor Hugo (1802-1885) „Notre-Dame de Paris“ (1832) lässt schon darauf schließen, dass in der deutschen Übertragung des Titels jemand zur Hauptfigur ernannt wird, der eigentlich gar keine ist. Der in der Rezeptionsgeschichte so vereinnahmte Quasimodo bestimmt keineswegs die Handlung. Vielmehr ist er ein Instrument des Autors, das Hugo in vereinzelten Kapiteln einsetzt, um uns die Unaufgeklärtheit der Menschen des späten Mittelalters vor Augen zu führen oder wie eine bewegte Kamera durch die Kathedrale von Notre-Dame fliegen lässt, um die Architektur dem Leser näher zu bringen. Erst gegen Ende des Romans nähert er sich seinem Mythos an.
Im Wesentlichen aber dreht sich der Roman um zwei Gegenstände: die Liebe des Priesters Dom Claude Frollo zur Zigeunerin Esmeralda, die er, der ganz nach aristotelischem Vorbild einer Hauptfigur geschaffen zu sein scheint, nicht besser zu bekämpfen weiß, als das schöne Mädchen an den Hexenpranger stellen zu lassen, und die Liebe des Autors zur Stadt Paris und deren mittelalterliche Baukunst, insbesondere der Gotik. Jene mag auch der Anlass gewesen sein, dass sich Hugo in diesem historischen Roman dem 15. Jahrhundert annahm, denn die Zeit in der das Werk entstand war geprägt von Zerstörungen und Diskussionen um eine Erneuerung der Stadt, wie sie dreißig Jahre später vom Präfekten Haussmann endgültig und radikal durchgesetzt wurde.

Ein auktorialer Erzähler, der sich gerne erlaubt, den Leser auch mal persönlich anzusprechen, bringt uns das in dieser mittelalterlichen Form nun nicht mehr existierende Paris näher. Er besitzt die Freiheit vom eigentlichen Geschehen abzuschweifen, ja sogar durch die Jahrhunderte zu streifen, um Vergleiche anzustellen. Das treibt Hugo bis zur Exzesse, indem er ganze Kapitel allein der Architektur widmet und dabei das Erhabene ganz der Romantik eigen herausstellt. Manche Herausgeber sparen solche Kapitel aus, das ist in etwa so, als würde man Casanova kastrieren, es ist also darauf zu achten, für welche Ausgabe man sich entscheidet.

Nach allen Anfangsbefürchtungen bleibt festzuhalten, dass eine Entscheidung für Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ gar kein Fehler sein kann, denn ein Historischer Roman, der einer für uns selbst schon wieder historischen Epoche entstammt, die in ihn auch noch merklich mit einfließt, ist etwas ganz Besonderes und niemals Zeitverschwendung.

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