Der Glaspalast von Amitav Ghosh, 2000, Blessing1.) - 2.)

Der Glaspalast.
Roman von Amitav Ghosh (2000, Blessing).
Besprechung von prop aus der Frankfurter Rundschau, 17.3.2001:

Sagenhaftes Birma
Wollten Sie nicht schon immer ganz dringend einen 600-Seiten-Wälzer über die Geschichte Birmas lesen? Eben. Nach den ersten Seiten des Glaspalastes allerdings interessiert für Stunden und Nächte kaum noch etwas dringender als diese kleine und weithin unbekannte hinterindische Republik und die schicksalhaften Verstrickungen der Menschen dort, von denen Amitav Ghosh so schnörkellos und gleichzeitig prall schreibt. Die Familien-Saga rund um den in Birma gestrandeten indischen Jungen Rajkumar und Dolly, ein Kindermädchen der Königin von Birma, ist so geschickt verknüpft mit der Jahrhundertgeschichte dreier asiatischer Staaten, dass die historische Lektion selbst dem größten Geschichtsmuffel Appetit macht. Der englische Kolonialismus, die Traditionen der birmanischen Monarchie, Loyalität und Selbstzweifel der indischen Soldaten in der britischen Armee und schließlich die Brutalität der Militärregierung der 90er Jahre: Das alles ist fesselnd erzählt. Vor allem weil Gosh das große Weltgeschehen nur zur Folie nimmt für Liebe, Leid, Sterben und Kinderkriegen seiner Romanfamilie. Ein opulentes, prächtiges und sprachmächtiges Buch.

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Der Glaspalast von Amitav Ghosh, 2000, Blessing2.)

Der Glaspalast.
Roman von Amitav Ghosh (2000, Blessing).
Besprechung von Angelika Fitz aus der Der Standard, Wien, 3.2.2001:

Das Empire und seine Komplizen
Der indische Autor Amitav Ghosh transformiert ungeschriebene Geschichte in mitreißende Geschichten. Anlässlich der Präsentation seines neuesten Romans "Der Glaspalast" sprach er mit Angelika Fitz.

Geschichte an sich ist uninteressant", relativiert Amitav Ghosh die ihm oft zugeschriebene Manie im Sammeln historischer Fakten, im Aufspüren verschollen geglaubter Dokumente und seltener Quellen. "Die Geschichte ist nur insofern interessant, als sie spezifische Umstände für meine Charaktere schafft." Auch im persönlichen Gespräch erzählt er am liebsten von seinen Begegnungen mit Zeitzeugen, mit pensionierten Offizieren der ehemaligen indisch-britischen Armee in Malaysia, mit Kindersoldaten in birmesischen Guerillalagern, mit Überlebenden des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha.

Ghosh unternimmt extreme physische Anstrengungen, um die oft jahrelang in Archiven zusammengetragenen Informationen mit mündlicher Überlieferung zu konfrontieren. Von Dorf zu Dorf folgt er Hinweisen und Lebensgeschichten. Bedrohliche Situationen nutzt er dabei nie als Stoff für Abenteuergeschichten, genauso wenig wie er individuelle Tragödien als Tränenmittel einsetzt. Sein Interesse gilt den ambivalenten Umgangsweisen von Menschen mit kolonialer Herrschaft. In der unablässigen, subtilen erzählerischen Variation des Verhältnisses von Abhängigkeit und Mittäterschaft entfaltet sich sein zentrales Thema, das der Niederlage und des Souveränitätsverlusts sowie möglicher Strategien und Spielräume der Auflehnung gegen ebendiese.

Amitav Ghosh wurde 1956 in Kalkutta geboren und kam, wie viele seiner Generation unfreiwillig zu einer akademischen Karriere. "Ein Stipendium war ökonomisch und visa-technisch die einzige Möglichkeit, ins Ausland zu gelangen." Eine Erfahrung, die ihm schmerzlich bewusst machte, dass die Nation, die von den Entkolonialisierten als Befreiung gedacht wurde, auch zum Reservat, zum Anhaltelager werden kann. Nach dem Abschluss in "Sozialer Anthropologie" in Oxford unterrichte Ghosh zuerst in Neu-Delhi und später an der Columbia Universität in New York, wo er heute seinen Hauptwohnsitz hat. "Eigentlich wollte ich aber immer Schriftsteller werden." Von Kennern der anglo-indischen Literaturszene wurde Amitav Ghosh schon lange als Ausnahmebegabung geschätzt. Mit seinem vierten Roman Der Glaspalast, der jetzt auf Deutsch vorliegt, stellt sich endlich der weltweite Publikumserfolg ein. Dem 600-Seiten-Werk gingen wieder aufwendige Recherche- und Reisetätigkeiten voraus, die zum Teil durch im Magazin The New Yorker erschienene Reiseessays dokumentiert sind. Drei dieser in ihrer Kombination aus Geschichtsschreibung, Reisebericht, kulturellem und politischem Kommentar faszinierend dichten Reportagen sind unter dem Titel "Dancing in Cambodia, At Large in Burma" in einem schmalen Band zusammengefasst und harren dringend ihrer deutschen Übersetzung! Seine Geschichten führen Ghosh regelmäßig in Indiens Nachbarstaaten. Er erkundet als einziger indischer Autor beharrlich die weitläufigen Tentakel der indischen Zivilisation außerhalb des Subkontinents, entlang der mittelalterlichen Handelsbeziehungen indischer Juden nach Ägypten oder aktuellen Spuren indischer Arbeiter auf der arabischen Halbinsel. Oder er folgt den Eroberungszügen indischer Regimenter der britischen Armee östlich von Indien. Für Ghosh beinhaltet die "Idee Indien" bis heute integrativ die weltweite indische Diaspora. "Ich kann auch als Südafrikaner, als Brite, als Birmese, als Bewohner der Karibik Inder sein."

Der Glaspalast gruppiert sich lose um die vielschichtigen Migrationsbewegungen zwischen Birma, Indien und Malaysia. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich von der Kolonialisierung Birmas durch die Briten 1885 bis in die 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Dazwischen liegen die Jahre des Exils der birmesischen Königsfamilie in Indien, die japanische Eroberung Birmas im Zweiten Weltkrieg und der dadurch ausgelöste Massenexodus der indischen Minderheit sowie die kurzen Versuche einer unabhängigen Demokratie und die bis heute fortwährende Diktatur. Indische Unternehmer machten während der britischen Kolonialzeit scharenweise ihr Glück in Birma, unter anderem als Mittelsmänner für die Briten in der Teakindustrie. Ein wichtiger Erfolgsfaktor waren dabei billige, aus Indien importierte Arbeitskräfte. Diese wiederum hofften, im "Goldenen Land" ihrer von Kastengrenzen festgeschriebenen Armut zu entkommen. So auch der Protagonist des Romans, Rajkumar, der sich vom Tellerwäscher zum Handelsbaron hocharbeitet.

Die Geschichte Rajkumars und seines wachsenden Familienclans beinhaltet ein schillerndes Reservoir an Figuren und kreuzt in Ghoshs Roman mehrfach die des exilierten birmesischen Königshauses. Sie erstreckt sich neben Indien und Birma über verwandtschaftliche und geschäftliche Bande bis zu den Kautschukplantagen Malaysias. Ein indischer Waisenjunge und Wanderarbeiter wird durch mitunter skrupellose Geschäftspraktiken zum Millionär und heiratet schließlich eine von ihm vergötterte, birmesische Hofdame. Dieser Hauptstrang kreuzt sich wiederum mit dem Umas, der Witwe eines loyalen, indischen Statthalters der Briten, die zur glühenden Kämpferin für die indische Unabhängigkeit wird. Die nächste Generation findet sich als indische Soldaten der britischen Armee während des Zweiten Weltkriegs plötzlich in der Situation, zwischen militärischer Disziplin und indischem Freiheitsstreben, zwischen Unterstützung des Imperialismus oder des deutsch-japanischen Faschismus, zwischen Teufel und Beelzebub wählen zu müssen. Das Gefühl von Komplizenschaft und Kollaboration sickert in die Vorstellungswelt von Pflichterfüllung und Ehre. Im malaiischen Dschungel sucht der indische Offizier Arjun die Konfrontation mit seinem Freund, der zu den Japanern überlaufen will: "Die Engländer sind angetreten, um uns zu etwas anderem zu machen als dem, was wir waren, und es läßt sich nicht leugnen, dass es ihnen insgesamt gelungen ist. Wenn du sagst, du willst für Indien kämpfen, dann macht mich das stolz. Aber die Wahrheit ist, dass, von unserer Hautfarbe abgesehen, die meisten Leute in Indien uns nicht einmal als Inder erkennen würden. Als wir zum Militär gingen, hatten wir nicht Indien im Sinn: Wir wollten sahibs sein, und die sind wir geworden. Denkst du, wir können das alles rückgängig machen, einfach, indem wir eine neue Flagge aufziehen?" Ghosh trachtet danach, seinen Figuren selbst in der Niederlage ein Stück Entscheidungs- und Handlungsspielraum zurückzugeben. "Dabei muss uns besonders bewusst sein, dass in der nationalen, indischen Geschichtsschreibung die Überschreitung der Opferrolle und die Thematisierung der Mittäterschaft bis heute ein Tabu ist", so Ghosh im Interview. Ausgehend von Gesprächen mit seinem Vater, der loyaler Offizier der britischen Armee war und gegen die "abtrünnige" indische Nationalarmee kämpfte, ist er fasziniert von individuellen und kollektiven Konstruktionen moralischer Verantwortung. "Was passiert, wenn Menschen, die über wenig Bildung und keinerlei theoretischen Hintergrund verfügen, mit historischen Ausnahmesituationen konfrontiert sind? Wie können sie mit so wenig Rüstzeug moralische Entscheidungen treffen? Die meisten Menschen wollen ja moralisch integer leben."

Nachdem die immer kleiner werdende Schar der Protagonisten den Wirren des 2. Weltkrieges entronnen ist, nehmen die Tempi der einzelnen Erzählstränge erst stetig, dann rasant zu. Im ersten Drittel des Romans werden minutiöse Schilderungen kleinster Alltagsverrichtungen ausführlichst mit historischen Dokumenten verwoben, welche oft in ihrem vollen Wortlaut zitiert werden, aber aufgrund der sprachlichen und dramatischen Kunstfertigkeit des Autors nie den Erzählfluss stören. Gegen Ende dominieren Auslassungen. Was, besonders vom westlichen Leser, als Schlampigkeit oder Ermüdungserscheinung gedeutet werden könnte, entpuppt sich als Form der kulturellen Differenz: "Meine Auffassung von Rhythmus kommt aus der indischen Musik, überwiegend von der Raga Form. Dort werden die Themen zuerst sehr still und langsam angelegt, dann im mittleren Abschnitt entwickelt und gegen Ende beschleunigt." Die anfangs fein ausgeleuchteten Kontexte erzeugen eine nachhallende Dichte, die den Leser mühelos über zunehmende Lücken hinwegträgt. Ein weiterer Verstoß gegen klassische, europäische Romantraditionen beziehungsweise die bewusste Anknüpfung an indische und arabische Formen findet sich bei Ghosh in der Dislozierung des Ortes, dem abrupten Springen zwischen geographisch weit voneinander entfernten Schauplätzen. Die Verwerfung der Technik des einheitlichen Schauplatzes verbindet Ghosh unter anderem mit seiner Ablehnung der Idee der Nation. Dieser Idee stellt er das Modell der erweiterten Familie gegenüber, vor allem der migrierenden Familie, die in hochpolitisierten Gesellschaften als Barriere zwischen Staat und Individuum fungiert. Dennoch haftet seinen Charakteren nichts Privates, nichts Intimes an. Trotz seines unbändigen Interesses für Alltagskultur, für realistische Details, wie den genauen Preis von Weintrauben im Ägypten des 12. Jahrhunderts, vermeidet Ghosh jede Introspektion. "Ich interessiere mich nicht für das häusliche Leben", stellt er kategorisch fest. Stets behält er eine respektvolle Distanz zu seinen Figuren. Verweigert jeden Intimitätsterror. Stellt sie nie bloß. Diese Erzähltechnik der Distanz mag mit dem Wissen des indischen Autors um seine Komplizenschaft in der englischen Sprache verknüpft sein. In der deutschen Übersetzung lagern sich leider ab und zu Ansätze eines leicht märchenhaften Tons darüber, verstärkt durch die unmotivierte Verwendung von altmodischen Begriffen, wie "Wams" statt "Weste". Vielleicht ein voreiliges Zugeständnis an die Erwartungshaltungen des deutschsprachigen Publikums gegenüber indischer Literatur? Sehr nützlich ist hingegen das ausführliche Glossar der deutschen Ausgabe.

Wie in all seinen Büchern entwirft Ghosh auch diesmal ein irritierend ambivalentes Bild von Kolonialismus und Imperialismus, von feudalen Traditionen und Korruptionen, von ideologischem oder religiösem Befreiungskampf und Terror. Am Schluss des Romans steht nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, repräsentiert durch eine der legendären Gartenzaun-Kundgebungen der unter Hausarrest stehenden, birmesischen Oppositionsführerin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Ghosh selbst mehrmals in Rangoon besuchte. (In Berufung auf Aung San Suu Kyi verwendet Ghosh auch weiterhin die vom herrschenden Regime abgeschaffte Bezeichnung "Birma"). Der Autor macht aus seiner Faszination für die "elektrisierend heitere Frau" keinen Hehl. Doch auch hier lugt durch den Hoffnungsschimmer schon die Niederlage. Denn sollte das Regime abdanken, wären ethnische Konflikte und Bürgerkrieg voraussehbar. Gerade deshalb ist Birma nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, meint Ghosh. Er beobachtet sicher weiter, denn "hat man die Welt erst einmal verkehrt gesehen, so kommt man nie wieder zum selben Ausgangspunkt zurück".

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