Der Generalstaatsanwalt von Jef Geeraets, 2002, UnionsverlagDer Generalstaatsanwalt.
Roman von Jef Geeraerts (2002, Unionsverlag).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 11.9.2002:

Der Krimi als Appell an mündige Bürger
"Der Generalstaatsanwalt" von Jef Geeraerts zeichnet das Porträt einer Gesellschaft.

Als die ersten beiden so genannten Gangrän-Romane von Jef Geeraerts Ende der sechziger Jahre erschienen, lösten sie heftige Skandale aus - zu genau beschrieben sie, was belgische Verwaltung und Paramilitärs in der ehemaligen Kolonie Kongo getrieben hatten. Der dreißig Jahre später erschienene Roman "De PG", nun in flüssiger, pointierter Übersetzung als "Der Generalstaatsanwalt" veröffentlicht, stand zwar wochenlang auf den Bestsellerlisten, anstößig war er aber der belgischen Gesellschaft nicht. Schon gar nicht ein Anstoß für soziale, politische oder ideologische Veränderungen. Dabei ist das, was Geeraerts schildert, anstößig genug, zumal er einmal mehr dem Leser zu verstehen gibt, dass es hier um seine Gegenwart, um seine Wirklichkeit geht. Geeraerts erzählt den - im doppelten Wortsinne - Fall des Antwerpener Generalstaatsanwalts Albert Savelkoul, eines Mannes Anfang 60, der aus Karrieregründen in eine alteingesessene und reiche Adelsfamilie eingeheiratet hat, seinen Genuss aber außerhalb der Ehe bei seinen Geliebten, bei der Reiterei und auf der Jagd findet. Er ist auch einer, der mitten im belgischen Netz der Komplizenschaften nistet, allüberall, in der Wirtschaft, der Polizei, im Drogenmilieu, Leute weiß, denen er zu guten, illegalen Diensten war und die ihm deshalb zu guten, illegalen Diensten sind. Und der sich deshalb für unantastbar hält.Er übersieht hierbei freilich, dass in einer so durch und durch korrupten Gesellschaft auch alle anderen nur ihrem eigenen finanziellen, politischen oder ideologischen Interesse folgen. Inbegriff, Modell einer solchen Gesellschaft ist Geeraerts das Opus Dei, ein Staat in den europäischen Staaten, autoritär und machthungrig. Es nutzt die jahrhundertalten und -erprobten Psychotechniken der Unterwerfung, etwa Beichte und Kasteiungen, um alle Angehörigen zu instrumentalisieren. Mit kühlem Blick, scheinbar nur Ereignisse addierend und beschreibend - Geeraerts bevorzugt die Berufsbezeichnung Journalist - wird die Handlung in Gang gesetzt. Der Erzähler entwirft eine Welt der exquisiten Oberflächen und erzielt mit Hilfe zahlreicher Anspielungen, etwa auf Marc Dutroux oder die religiösen Gebräuche der Königsfamilie, den Eindruck dokumentarischer Authentizität.

Motive und Ursachen unter der Oberfläche

Dem Eindruck schierer Widerwärtigkeit, den eine solch ausnahmslos korrupte Gesellschaft erwecken könnte, wirkt Geeraerts entgegen. Nachdem er die Handlung zügig vorangetrieben hat, beginnt er, den Figuren so etwas wie Fülle zu verleihen, sei es durch Rückblicke auf ihre Entwicklung, Einblicke in ihre psychischen Mechanismen oder durch anekdotische Episoden aus ihrem Leben. Er lässt soziale und individuelle Motive und Ursachen unter der Oberfläche der Erscheinungen sichtbar werden. Und mit der Erkenntnis, warum es so gekommen ist, werden Möglichkeiten der Veränderung ahnbar. So ist dieser Krimi nicht nur spannend und bös satirisch, sondern auch das, was der Autor jüngst anderenorts mitverfasst hat, ein "Appell an den mündigen Bürger". (NRZ)

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