|
|
1.) - 2.)
Der General
der toten Armee.
Roman von Ismail
Kadare (2004, Ammann - Übertragung Joachim Röhm).
Besprechung von Heinz Steuer bei Rezensionen-online
*bn*:
Romanhafte Erzählung über die Bergung gefallener Italiener in Albanien (DR)
In den 1960er Jahren ist ein italienischer General in offiziellem Auftrag kreuz und quer in Albanien unterwegs, um die seit 1939 gefallenen Soldaten exhumieren und überführen zu lassen. Begleitet wird er von einem katholischen Priester im Rang eines Obersten. Der Autor lässt als auktorialer Erzähler an diesem makaberen und allein schon wegen der äußeren Umstände auch physisch schwierigen Unterfangen teilhaben. Die beiden Protagonisten hält er dabei in einer eigenartigen Anonymität. Sie werden nie direkt charakterisiert und tragen keine individuellen Namen, er registriert gewissermaßen nur den Barometerstand ihrer Beziehungen.
So erzählt er vom fortlaufenden Geschehen in scheinbar emotionsloser Weise und gibt dem Text gerade dadurch eine starke innere Spannung. Dabei blitzen, auf albanischer wie auf italienischer Seite, Einzelschicksale auf, fokussiert zuletzt in einem italienischen Oberst, zärtlicher Hochzeiter daheim, Kriegsverbrecher hier. Je mehr sich der General der Fragwürdigkeit seines "patriotischen Auftrags" bewusst wird und sein Zynismus wächst, erscheint umso deutlicher die Leidenschaftslosigkeit des Priesters, die ihrerseits zu denken gibt. Schließlich trifft der General noch einen albanischen Kollegen, der mit gleichem Auftrag für sein Land unterwegs ist. Am Ende seiner Arbeit geraten die beiden unversehens - oder notwendiger Weise? - in ein Besäufnis, das all die erlebten, erfahrenen Absurditäten nach außen spült. - Ein bemerkenswerter, empfehlenswerter Roman.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0105 LYRIKwelt © Rezensionen-online
***
2.)
Der General
der toten Armee.
Roman von Ismail
Kadare (2004, Ammann - Übertragung Joachim Röhm).
Besprechung von Heinz
Neidel aus den Nürnberger
Nachrichten vom 15.04.2005:
Im Schatten des Krieges
Ismail Kadares Roman „Der General der toten Armee“
„Er war von weit hergekommen, um eine ganze
Armee aus dem Schlaf zu reißen.“ In diesem Satz bündelt Kadare den Inhalt
seines bereits 1988 erschienenen und jetzt für eine Neuübersetzung vom Autor
überarbeiteten Romans. Fast. Er markiert eine inspirierende Wanderschaft durch
Kriegs- und Friedenszeiten, fremde Ländereien und Schicksale. Wer sich auf den
(Lese-)Weg macht, kann schwer innehalten.
Da erhält etwa 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein eitler
italienischer General zusammen mit einem scheinbar abgeklärten Priester den
traurig-grotesken Auftrag, die sterblichen Überreste seiner in Albanien
gefallenen Landsleute in die Heimat zurückzuholen. Nur zögernd folgen die
Schatten der vernichteten Bataillone seinem Befehl.
Im Laufe der Exhumierungsmonate wird seine patriotische Mission immer
diffiziler. Widerwärtiger Morast, Kälte und Regen, aber auch Bittgänge zu Behörden
setzen ihm nachhaltig zu. Trotz exakter Listen und Lageskizzen ist so manches
Grab kaum zu finden. Hoffnungslose Wühlerei ohne raschen Erfolg. Oft wird die
Identifizierung allein anhand von Knochenresten unmöglich. „Wir sind die
modernsten Totengräber der Welt,“ lautet der zynische Kommentar.
Auf Gedeih und Verderb
Auf seinen Grabungs-Exkursionen durch karge, düstere Gebirgslandschaften
offenbaren sich dem auf Gedeih und Verderb zusammengespannten Duo (Namen werden
beiden nicht gegönnt) immer neue Schicksale. Ein italienischer Deserteur, der
sich bei einem Müller als Knecht verdingt, taucht auf. Dann geistert ein
albanischer Freiheitskämpfer, nur mit einer Flinte bewaffnet, durch die
Buchseiten.
Wie ein böser Faden zieht sich die Geschichte des Obersten Z. durch die
zunehmend schockierenden Handlungsstränge: Er ließ den Mann der alten, verrückt
wirkenden Nica aufhängen und schändete ihre Tochter; eine Tat, die das
geschundene Weiblein bis zuletzt sühnen will — das Ende: ein gruseliger Spuk.
Solche Begegnungen bringen den Glauben des Generals an die Soldatenehre gehörig
ins Wanken und entfremden ihn dem Priester, der den wachsendem Zynismus des
Feldherrn mit gleichbleibender Leidenschaftslosigkeit begegnet. Könnte es sein,
dass hinter dem Mann in der Soutane ein Bewacher, gar ein Spion steckt? Zwischen
dergleichen offenen Fragen seziert der Berichterstatter erbarmungslos das
Kriegshandwerk.
Repräsentant Albaniens
Ismail Kadare, der 1936 in der südalbanischen Kleinstadt Gjirokastra (sie
spielt im Buch eine besondere Rolle) geboren wurde, lebt und arbeitet heute
abwechselnd in Tirana und Paris. Auch im vorliegenden Roman erweist sich dieser
außergewöhnliche europäische Erzähler als wahrer Patriot und gründlicher
Repräsentant seiner Nation. Ihr, ihren Küsten, Gebirgs- und Stadtlandschaften
sowie den Eigenheiten ihrer Bürger sind kritisch-liebevolle Plädoyers
gewidmet. Der krisengeschüttelte Balkan als literarischer Ort.
Dem mit diversen internationalen Preisen ausgezeichneten Romancier gelingt es,
das Geschehen und dessen Akteure wie in einem Film lebendig werden zu lassen.
Sein (Regie-) Geheimnis: eine scharf konturierte Personenzeichnung, subtile
Einblicke in ihr Innenleben und eine gewisse, poetisch verfeinerte Sinnlichkeit
der Sprache.
Wir finden uns in der Rolle eines Interpreten und Weiterdenkers des „Marsches
durch Tod und Finsternis“ wieder. „Uns platzt bei dieser Arbeit die
Seele“, bekennt der General. Der Leser kann es nachfühlen.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten