Der Geliebte der Mutter.
Roman von Urs Widmer (2000, Diogenes).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 27.9.2000:

Wie, alles falsch?

Ganz am Ende wird sich der namenlos gebliebene, allwissende Erzähler zufrieden zurücklehnen und resümieren: "Die Geschichte ist erzählt. Die Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben." Der Erzähler hat seine Sache gut gemacht. Er hat die Biographie seiner Mutter ausgerollt, hat ihren Weg vom reichen, schönen Mädchen zur verarmten, sonderbaren Greisin nachgezeichnet. Er hat ihn an die historischen Verwerfungen des Jahrhunderts gebunden und versucht, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Krieg und Frieden, Leben und Leidenschaften hat Clara Molinari stumm überstanden. 84 ist sie geworden. Dann hat sie gesagt: "Ich kann nicht mehr. Lebt weiter und lacht." Das Leben der Mutter war vollständig einem Geliebten gewidmet. Der war ein grenzenlos erfolgreicher Mensch. Er heiratete allerdings nicht sie, sondern die Alleinerbin einer Maschinenfabrikanten-Dynastie und schwamm nach dem zweiten Krieg im Reichtum. Gelebt aber hat er für sein Orchester. Seine einmalige Dirigentenlaufbahn hat er modernen Komponisten und unbekannten Mozartstücken gewidmet. Clara war seine Angestellte. Er hat ihr sogar ein Gehalt gezahlt. Und irgendwann in der Zeit des ersten Erfolges hat er mit ihr geschlafen. Wirklich bemerkt aber hat er sie nie. Edwin, der fremde Geliebte, wurde eine "Jahrhundertfigur", nicht nur in der Stadt am See. Allein schon wegen Urs Widmer muss es einem um die eidgenössische Literatur nach Frisch und Dürrenmatt nicht bange sein. Er ist einer, der hochkonzentriert alle Register zieht. Widmer schreibt spannend, unorthodox, versponnen, beschwingt, sinnlich und in hohem Grade unterhaltsam. Seine Bücher sind Sturzbäche von Einfällen, die mit leichter Hand verbandelt werden, wobei noch aus der Tragik Finten in Richtung Humor geschlagen werden. Auch der neue kleine Roman ist das Kabinettstück eines schlitzohrigen Rhapsoden, ein namen-, zeiten- und bilderdurchwehter Text, der märchenhaft daherkommt und doch fest im Realen ankert. Clara Molinari, die kerngesunde, tränenlose Träumerin, hat ihren Platz im Kopf des Lesers eingenommen. Dem bleibt die Frage: "War ihr Leben falsch?" Und der Autor lehnt sich mit seinem Erzähler zufrieden zurück.

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