Der gelbe Onkel.
Ein Familienalbum von Andrea Grill (2005, Otto Müller Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer , 26.09.2005:

Es gibt bekanntlich nichts Witzigeres als ein Familienalbum. Die Angehörigen sind meist in verlogenen oder überdimensionierten Posen aufgestellt, und während man als Mitverwandter vorne devot an der Fassade ihrer Gesichter hängen bleibt, erzählt man sich hintenrum die schrägsten Geschichten.

Der gelbe Onkel leidet, wie es sich für einen echten Onkel gehört, an einem schweren Leberschaden und ist ganz gelb im Gesicht. In Andrea Grills Familienalbum nimmt er sicher einen Spitzenplatz an Extravaganzen ein, zumal er noch auf das Wort „beige“ abfährt, offensichtlich ist das die Eigenbeschreibung für sein gelbes Gesicht.

Der so genannte Bruder wünscht sich die Kinder auf die Bäume. Dort sollen sie still hängen und reifen wie die Früchte, und wenn sie aus dem Früchtchenstatus heraus gewachsen sind, sollen sie möglichst schnell den Stammbaum verlassen.

Der Cousin ist Pfarrer und in der Hauptsache von großer Gestalt. Er hat den Tick, dass er alles verheiraten möchte, was sich irgendwie am Heiratsmarkt bewegt, dabei ist ihm die Religionszugehörigkeit ziemlich egal, Hauptsache, es wird geheiratet.
Großvater ist in der Erinnerung zu einem Gärtner geworden, und Großmutter zu einem Schalentier.

Eine Tante aus moslemischem Kulturgebiet entrüstet sich über das Abendland, in dem es ziemlich verlogen hergeht, man solle nicht glauben, dass es außerhalb von Mitteleuropa keine Kultur gebe, im Gegenteil! Ihre Lebensweisheit fasst sie gleich zu Beginn des Porträts klug zusammen. „Wenn es bei den Männern kribbelt, ah, dann können die heiligen Bücher schreiben, was sie wollen.“ (66) Alle Unglücke und Schiffbrüche einer auf heil polierten Verwandtschaft resultieren aus diesem Kribbeln der Männer, wahrscheinlich geht auch jegliche Kultur darauf zurück.

Andrea Grill erzählt lapidar und schlitzohrig, wie sich so eine Verwandtschaft aus skurrilen Puzzelteilen zusammensetzt und wie dabei immer größere Löcher im Gesamtbild entstehen, je genauer man die Schicksale beleuchtet. Die Autorin selbst liefert am Klappentext eine ironische Selbstbeschreibung, indem sie jedes kleine Nest, in dem sie einmal gewesen ist, als wichtige Station ihres Lebens angibt. An die Größe ihres Lebenslaufes kommt freilich die Literatur bislang noch nicht ganz heran.

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